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besprochenen Bücher Neue theologische Beiträge
Ein Bolero für den
Kommissar
Fußball und Lateinamerika
Buchbesprechung
von Werner Rätz
Der eigene Anspruch wird klar benannt: „,Futbolistas' (richtet) einen anderen Blick auf den Fußball, wie Maradona einst sagte: ‚Wir Fußballspieler beschweren uns immer, wir hätten viel Druck. Druck haben die Leute, die fünf Pesos nach Hause bringen und damit ihre Kinder nicht ernähren können.'“ Das Buch von Dario Azzellini und Stefan Thimmel will also nicht nur vom Fußball berichten, sondern will Fragen stellen und Geschichten erzählen, von denen andere nichts wissen (mögen). Und es will dabei die soziale und gesellschaftliche Situation der Beteiligten – und dazu gehören auch diejenigen, die den Fußball nur passiv, als „Publikum“ erleben – in den Blick nehmen. Dieser Anspruch wird eingelöst.
In 46 Artikeln widmen sich 27 Autoren, immerhin acht Autorinnen und ein autonomes Kollektiv mehr Fragen, als dem durchschnittlichen Fan auf Anhieb einfallen dürften. Ehe die Situation des Fußballs in den an der WM 2006 teilnehmenden (und einigen anderen) lateinamerikanischen Ländern dargestellt wird, diskutieren die Texte ausführlich über die sozialen und politischen Bedingungen rund um den Fußball und auch innerhalb seines Betriebs. Spielerhandel, Rassismus, Fußball als mediales Spektakel sind ebenso Themen wie die Produktionsbedingungen in der Sportbekleidungsindustrie oder der angebliche „Fußballkrieg“ zwischen El Salvador und Honduras. Ein langer Block von sechs Beiträgen untersucht die spezielle Situation des Frauenfußballs bzw. der Spielerinnen. Zwei davon konnten die ila-LeserInnen in der letzten Ausgabe finden.
Aber Fußball ist auch Gegenstand von (linker) Politik. Die Solidaritätsbewegung mit Chile nutzte 1974 die internationale Aufmerksamkeit während der WM in Deutschland für eine spektakuläre Aktion gegen die Militärjunta. Bolivianische Indígenas betreiben Organisierung um einen Fußballverein herum, die ZapatistInnen in Mexiko und autonome AntirassistInnen weltweit spielen Fußball. Gibt es vielleicht doch so etwas wie „linken“ oder „rechten“ Fußball? Und steht dafür etwa ausgerechnet César Luis Menotti, der die argentinische Nationalmannschaft erstmals zur Weltmeisterschaft führte – und das just 1978 im eigenen Land, als dort die blutigste Militärdiktatur Lateinamerikas herrschte? Dieses Thema begegnet uns später noch einmal wieder, wenn im Zusammenhang mit Fußball in Argentinien auch über die deutsche Solidaritätskampagne „Fußball ja – Folter nein“ und den medialen Umgang damit in der BRD von 1978 berichtet wird.
Der Rest ist wirklich Fußball. Der Reihe nach kommen erst mal die Länder dran, die man allgemein für die wichtigsten lateinamerikanischen Fußballländer hält: Brasilien, Argentinien, Uruguay – halt, das stimmt schon nicht mehr, da geht's vorher noch um Mexiko, das zwar ohne internationale Triumphe dasteht, aber dem zweimaligen Olympiasieger und ebenso häufigen Weltmeister vom Rio de la Plata längst den Rang abgelaufen hat. Selbstverständlich erfahren wir hier etwas über die herausragenden Spieler der letzten Jahrzehnte: Pelé, Mané Garríncha, Alfredo di Stefano, Diego Armando Maradona, Hugo Sánchez werden umfassend gewürdigt, im Folgenden auch noch José Luis Chilavert aus Paraguay und Carlos Alberto Valderrama aus Kolumbien.
Immer wieder muss leider über die Krise des Fußballs in Lateinamerika geschrieben werden. Das betrifft oft nicht einmal so sehr seine Qualität (obwohl in Ländern wie Uruguay schon Katzenjammer herrscht) als seine sozialen Bedingungen: Die Spieler verdienen miserabel. Einige hundert US-Dollar im Monat, manchmal gerade über dem Mindestlohn, sind für Profis normale Entlohnung. Es verwundert nicht, dass angesichts dessen viele so früh wie möglich ins Ausland wechseln wollen. So tummeln sich vor allem in europäischen Ligen bis in die untersten Spielklassen Brasilianer, Argentinier, Uruguayer und begeisterte oder begabte Jungs aus fast allen Ländern Lateinamerikas. Allein aus Brasilien kicken etwa 5000 Spieler in 72 ausländischen Ligen rund um den Globus. In Argentinien ist die Lage nicht besser und in Uruguay lebt ein allumfassendes privates Fußballimperium ganz wesentlich davon, diesen Spielerhandel zu betreiben. Dabei bleiben auch schon mal mehr als die Hälfte der fast zweistelligen Millionensumme an Ablösung, die der europäische Verein gezahlt hat, in den unbekannten Wegen des Steuerparadieses hängen.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen einige Artikel über Fußball als neureligiöse Inszenierung. Am Beispiel einzelner Spieler wie auch des gesamten Umfelds wird deutlich, dass „Gott rund (ist)“. Leider beschränken sich die AutorInnen dabei auf ältere Einsichten wie die Bindung der Fans an „ihre“ Mannschaft („Gewinnen oder sterben“ ) und reflektieren den Fußball nur wenig auf dem Hintergrund der veränderten Rolle der Religion auch in Lateinamerika. Jeweils ein Artikel über die aktuellen WM-Teilnehmer Ecuador, Costa Rica und Trinidad und Tobago schließen den Band ab, der sehr weitgehend ein „rundes“ Lesevergnügen bietet, auch wenn die Lektorierung etwas zu wünschen übrig lässt.
Dario Azzellini/Stefan Thimmel (Hg.): Futbolistas, Fußball und Lateinamerika,
Verlag Assoziation A, Hamburg 2006, 256 Seiten, zahlreiche Fotos, 18,- Euro
Lebendige theologische Debatte
Buchbesprechung
von Stefan Silber
Die Theologie der Befreiung lebt. Die zwölf theologischen Beiträge und ebenso vielen Gedichte aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, die von den Herausgeberinnen gesammelt wurden, belegen diese Tatsache auf eine vielfältige und packende Weise. Sie zeigen auch, dass die Theologie der Befreiung nicht nur ihrer ursprünglichen Berufung treu geblieben ist, sondern Konsequenzen für die Problematik des Geschlechterverhältnisses, für den Rassismus und für die Bedrohung der indigenen Kulturen gezeitigt hat. Ethnische, kulturelle, interreligiöse und feministische Gesichtspunkte werden zunehmend mit der klassischen wirtschaftlichen Perspektive der Theologie der Befreiung verwoben und mit biblischen, systematischen und pastoraltheologischen Instrumenten interpretiert.
Die Herausgeberinnen lassen in diesem Band katholische und evangelische Autorinnen und Autoren mit aktuellen Veröffentlichungen (aus den letzten fünf Jahren) zu Wort kommen. Fast alle Beiträge sind von der Auseinandersetzung mit der Genderthematik, der feministischen Theologie oder ökofeministischen Standpunkten gekennzeichnet. Ausgehend von je verschiedenen Kontexten und Erfahrungsbereichen zeichnen sie ein plurales und vitales Bild der gegenwärtigen Theologie der Befreiung. Ihre Erstveröffentlichung in deutscher Sprache bringt uns in Kontakt mit diesen aktuellen kreativen Entwicklungen.
Nach einem Vorwort von Sabine Plonz leitet Bärbel Fünfsinn in das Buch ein, indem sie den Gender-Begriff vorstellt und die einzelnen Beiträge innerhalb der Theologie der Befreiung kontextualisiert. Elsa Támez beschreibt in ihrem ersten Beitrag die doppelte Marginalisierung der Frauen in Lateinamerika und setzt sie in Beziehung zu einem prophetischen Text aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja. Die brasilianische Bibelwissenschaftlerin Nancy Cardoso Pereira wirft einen kritischen Blick auf die Rolle der Frauen im Buch Exodus und zeigt, dass die gesellschaftliche Rolle der Frauen, wirtschaftliche Armut und politische Unterdrückung nicht nur eng miteinander verwoben sind, sondern dass schon in der Bibel versucht wird, sie theologisch zu legitimieren. Sandra Nancy Mansilla aus Argentinien demonstriert an einem Vergleich der Juditerzählung mit der Geschichte der Mütter von der Plaza del Mayo, dass biblische und aktuelle Ereignisse sich gegenseitig erhellen können, wenn sie aus der Perspektive marginalisierter Frauen gelesen werden. Enge Beziehungen zwischen sexueller Gewalt und Theologie zeigt die Kolumbianerin Carmiña Navia Velasco in ihrem Beitrag auf, der den patriarchalen Gehalt bestimmter Theologien aus der Sicht der Opfer kritisiert. Von ihr stammt auch ein Großteil der Gedichte, welche die Beiträge ergänzen.
Der inzwischen verstorbene argentinische Bibelwissenschaftler Severino Croatto analysiert verschiedene Redensweisen von Gott im Hinblick auf ihre Geschlechtlichkeit. Silvia Regina da Lima Silva, brasilianische Theologin in Costa Rica, zeigt neue theologische Perspektiven aus der Sicht afroamerikanischer Frauen, indem sie mit dem Symbol der „Wegkreuzung“ zu Begegnung, interreligiösem Dialog, Ganzheitlichkeit und Solidarität aufruft.
Diego Irarrazaval reflektiert die Bedeutung von Kultur und Geschlecht für die Theologie, während der Brasilianer Adilson Schulz Geschlechtlichkeit in der Theologie aus der Perspektive von Männern behandelt. María P. Aquino zeigt enge Verbindungen zwischen feministischer und Befreiungstheologie in Lateinamerika auf. Die Bolivianerin Alcira Ágreda stellt in einem Interview mit Mary Judith Ress ihre Lebensgeschichte in den Kontext des Dialogs zwischen Theologie der Befreiung und Ökofeminismus. Eine fundamentale Kritik patriarchaler Theologie trägt die Brasilianerin Ivone Gebara bei. Elsa Támez schließt den Band mit einem fingierten Brief einer Mitarbeiterin des Apostels Paulus, in dem sie die Geschichte der Frauen und der Theologie der Befreiung in Lateinamerika reflektiert.
Die Theologie der Befreiung entwickelt sich fort. Neue Subjekte, neue Themenbereiche und neue Konkretisierungen der Armut lassen die Option für die Armen fortleben und greifbarer werden. Durch den Dialog mit zahlreichen Theologien aus aller Welt können vielfältige Wege der Befreiung, aber auch neue Horizonte beim Sprechen von Gott aufgezeigt werden. Dieses Buch ist ein wertvolles Dokument für das Studium der gegenwärtigen theologischen Entwicklungen in Lateinamerika.
Der Beitrag ist zuerst in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Nr. 131, 2006) erschienen.
Freddy Dutz – Bärbel Fünfsinn – Sabine Plonz (Hg.): Wir tragen die Farbe der Erde. Neue theologische Beiträge aus Lateinamerika (Blaue Reihe 10), Hamburg: Evangelisches Missionswerk EMW 2004, 240 S. ISSN: 1436-2058; Bezug ist kostenlos; Spenden erwünscht.
Das Viertel wird zum Protagonisten
Neuer Krimi aus Cuba
von Klaus Jetz
Ein Bolero für den Kommissar“ heißt der Roman von Lorenzo Lunar Cardedo (geb. 1958 in Santa Clara), mit dem der Innsbrucker Haymon Verlag einen neuen cubanischen Autor und weiteren Vertreter des cubanischen Neokrimis auf dem deutschsprachigen Buchmarkt einführt. Dies mit einer gelungenen Übersetzung, die den umgangssprachlichen Ton und die direkte, schnelle Sprache des Originals respektiert und die, was bemerkenswert ist, als Gemeinschaftswerk von Studierenden der Romanistik an der Universität Innsbruck besorgt wurde.
Der Kriminalroman kann im revolutionären Cuba auf eine lange, wenn auch durchbrochene Tradition zurückblicken. In den bleiernen 70er Jahren, als viele Intellektuelle gegängelt und verfolgt wurden (Padilla-Affäre) und die Kommunistische Partei das künstlerische Schaffen bestimmte, entstanden, sozusagen auf künstliche Art und Weise, viele Kriminal- oder Spionageromane von linientreuen Autoren. Leonardo Padura (Havanna 1955), der in Deutschland in den letzten Jahren durch seine vier Krimis der Havanna-Tetralogie bekannt wurde, beschreibt diesen Vorgang mit diesen Worten: „So wurden vor allem zwei literarische Gattungen gefördert: Kriminalroman und Kinderliteratur, also didaktische Gattungen par excellence. Im Märchen besiegt der Held, der Prinz, das Böse, das Monster. Im Kriminalroman legt der gute Polizist dem Verbrecher das Handwerk.“
Viele dieser die Welt in schwarz und weiß zeichnenden Thriller und Politkrimis mit gesellschaftspolitischer Funktion, deren Entstehung durch Wettbewerbe und Preise des Innenministeriums gefördert wurden, erschienen auch in deutscher Übersetzung (etwa Romane von Alberto Molina oder Luis Rogelio Nogueras). Man schrieb ihnen eine bedeutende Rolle in der Verbrechensbekämpfung und der Bewusstseinsbildung des Volkes zu. Ende der 80er Jahre aber verschwand diese Art von Kriminalroman, Autoren wie Daniel Chavarría, Leonardo Padura oder eben Lorenzo Lunar Cardedo traten mit neuen Werken in den Vordergrund. Sie schrieben Romane, in denen sie zwar Elemente der Kriminalliteratur, aber auch andere, die cubanische Realität reflektierende Themen aufgriffen. So schufen sie eine völlig neue Gattung, den cubanischen Neokrimi. In diesen Romanen, so auch in „Ein Bolero für den Kommissar“, werden die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen zwanzig Jahre kritisch beleuchtet, unbequeme Themen wie Korruption, Vetternwirtschaft, steigende Kriminalität und Drogenhandel werden keineswegs ausgeblendet. Die Autoren zeichnen ein kritisches Bild der cubanischen Wirklichkeit, sie leben im Land, ihre Werke erscheinen in Cuba und in Spanien, werden rezensiert und prämiert. In ihrer Offenheit und Ungezwungenheit und nicht zuletzt durch die Nonkonformität und Kreatürlichkeit der Charaktere unterscheiden sich diese neuen Krimis wohltuend vom didaktischen Kriminalroman der 70er Jahre.
In Lunar Cardedos „Ein Bolero für den Kommissar“ stehen nicht ein Verbrechen und die Auflösung eines Falles im Mittelpunkt. Der Mord an Cundo, einem alten Freund und Saufkumpan des Hauptkommissars Leo Martín, spielt eigentlich nur am Rande eine Rolle. Das Verbrechen wird sozusagen verpackt in eine schonungslose Darstellung der Wirklichkeit, konkret der Verhältnisse in einem Randviertel der Provinzstadt Santa Clara. Jeder kennt jeden und weiß alles über seine Nachbarn in diesem Mikrokosmos, der von Gaunern, Prostituierten, Schiebern und korrupten Beamten bevölkert wird, die aber allesamt nur Randfiguren darstellen. Das Viertel selbst wird neben dem Ich-Erzähler, Hauptkommissar Leo Martín, zum Protagonisten, „es formt dich, schüttelt dich durch, macht dich fertig und zermalmt dich, macht aus dir entweder einen echten Mann oder einen totalen Versager.“ Das Viertel wird zum „Ungeheuer mit tausenden unsichtbaren Fangarmen. Und über diese Tentakel verbreiten sich die Neuigkeiten schneller als über das Radio.“
Leo Martín, der Kommissar aus der Provinz, ist so etwas wie das Gegenstück zu Mario Conde aus Havanna, der von Leonardo Padura erschaffenen Romanfigur. Wie der muss auch Leo Martín am Ende resignieren. Er scheitert an den Verhältnissen, die der Autor sozusagen den offiziellen Parolen entgegenstellt. Zwar gelingt es ihm, den Mörder seines väterlichen Freundes auszumachen und den Fall aufzuklären. Doch das Verbrechen bleibt straffrei und ohne Folgen, alles wird weitergehen wie bisher, weil hinter dem Mörder ganz andere niederträchtige und korrupte Figuren stehen, die die Strippen ziehen und andere für sich die Drecksarbeit erledigen lassen. Und gegen die kommt auch Hauptkommissar Leo Martín nicht an.
Lorenzo Lunar Cardedo, Ein Bolero für den Kommissar, Haymon Verlag, Innsbruck 2006, 166 S., 17,90 Euro
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