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Die
Romane von Daniel Chavarría
Alle
besprochenen Bücher Die zwei Zeiten der
Revolution
Szenen einer kollektiven Hetzjagd
Buchbesprechung
von Klaus Jetz
Von sich selbst sagt der argentinische Autor Antonio Dal Masetto (geb. 1938 in Norditalien), er sei nicht nur Schriftsteller, sondern auch Dieb, Jäger und Spion, ein escritor-espía. Ob in der Bar oder bei der Zeitungslektüre, immer sei er auf der Jagd nach einer Story, nach einer ungewöhnlichen Nachricht, nach einem Gerücht, kurz nach all den Stoffen und Zutaten, die das Leben liefert, die er sich nimmt und sammelt und bei Gelegenheit wieder hervorholt und variiert, um einen spannenden Roman zu komponieren.
Der Zeitschrift Página 12 verriet Dal Masetto, der Stoff für den Roman „Noch eine Nacht“, dessen Original Siempre es dificil volver a casa bereits 1985 erschien, basiere auf einer Zeitungsnotiz, auf die er Ende 50er Jahre in Rio de Janeiro gestoßen sei. Auf dieser Grundlage schrieb er über Jahre hinweg immer wieder Szenen und Dialoge und entwarf Charaktere, und dies auf Papierfetzen oder Servietten, die er in Schuhkartons sammelte. Eines Tages machte er sich daran, all diese Schnipsel zu ordnen und zu einem Roman zusammenzufügen.
Die eigentliche Romanhandlung lässt sich mit knappen Worten zusammenfassen: Vier Männer kommen nach Bosque, ein verschlafenes Nest in der argentinischen Provinz, mit dem Vorsatz, am kommenden Tag die Bank zu überfallen. Das gelingt ihnen auch, doch dann erwacht das Dorf wie aus einem langen Mittagsschlaf, der über die glühende Hitze und das schmerzende Weiß einer unerbittlichen, alles versengenden Sonne hinweg hilft. Den Bankräubern ist der Fluchtweg versperrt, die wenigen Ausgänge des Dorfes sind abgeriegelt. Eine kollektive Treibjagd setzt ein, einer nach dem anderen werden die Bankräuber in einer wahren Orgie der Gewalt zur Strecke gebracht. Zuvor hatten sie sich getrennt, um jeder für sich einen Ausweg aus dem dörflichen Labyrinth zu finden.
In der Schilderung dieser vier Schicksals- und Leidenswege, auf denen die Opfer Ramiro, Cucurucho, Jorge und Dante auch zu Beobachtern ihrer Verfolger und Peiniger werden, liegt die ungewöhnliche, den Leser bis zum Schluss fesselnde Spannung des Romans. Abgründe tun sich auf: Bevor der ungezügelte Mob seinen Gewaltphantasien freien Lauf lässt, erhält der Leser Einblicke in die scheinheilige Doppelmoral der vermeintlich intakten dörflichen Gemeinschaft. Eine Nymphomanin missbraucht ihren minderjährigen Neffen, ein Anwalt nutzt die allgemeine Hetzjagd, um seiner stets launischen, greinenden Ehefrau endlich ein Messer in den Bauch zu rammen, in der Hoffnung, die Tat werde auf die Bankräuber zurückfallen, ein verhinderter Großwildjäger entpuppt sich als grausamer Tierquäler, bevor er Ramiro mit seinem nie genutzten Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr, das eigentlich für die Jagd auf Löwen, Tiger, Nashörner bestimmt ist, in wahrsten Sinne des Wortes erlegt. „Tatsächlich hatte er nie auf etwas geschossen, das es wert gewesen wäre. Jetzt, nach all den Jahren spürte er, dass hier, in seinem eigenen Dorf, seine Stunde gekommen war, und er schärfte sich ein, dass er sie sich nicht entgehen lassen durfte, dass er nicht versagen durfte.“
Diese Gewaltbereitschaft scheinbar normaler Leute, die latente, unter der Oberfläche schlummernde Mordlust, die nur eines kleinen Anstoßes von außen braucht, um mit aller Gewalt auszubrechen, ist das eigentliche Thema des Romans. Den Autor interessiert nicht die kriminelle Tat der vier Protagonisten, sondern die unerhörte Reaktion der normalen Bürgerinnen und Bürger in einem typisch argentinischen Dorf. In „Noch eine Nacht“ geben sich die Bewohner von Bosque zunächst fröhlich, gastfreundlich, arbeitsam und führen hinter der Fassade des ruhigen, verschlafenen Provinznestes scheinbar ein geregeltes Leben. Das ändert sich erst, nachdem die vier Protagonisten versuchen, in ihrem Peugeot aus Bosque zu fliehen. Und nach dem Gewaltausbruch, nach der kollektivem Hetzjagd, die von einem nächtlichen Gewitter gekrönt wird, dem großen Regen, der all den Schmutz, das Blut und die Spuren wegwischt, verfallen die Täter, in Mörder verwandelte Bürger wieder in ihren Alltagstrott, als sei nichts geschehen. Página 12 erzählte Dal Masetto, den Stoff zum Roman habe er sich schon vor dem Militärputsch von 1976 im Kopf zurecht gelegt, doch ohne die Exzesse der brutalsten aller argentinischen Militärdiktaturen hätte die Romanhandlung sicherlich anders ausgesehen, zumal es ihm im Roman auch um Themen gehe wie Gleichgültigkeit und Apathie als eine Form der Gewalt, da sie mitschuldig machten.
Es verwundert nicht, dass dieser spannende und in seinem Aufbau perfekte Roman in Argentinien verfilmt wurde. „Noch eine Nacht“ weist viele Elemente eines Drehbuchs auf. Dorfszenen werden aus der Vogelperspektive beschrieben oder spielen sich im Rückspiegel des Fluchtwagens ab, Ereignisse wiederholen sich in verschiedenen Kapiteln und werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschrieben, überzeugend sind auch die Dialoge. Sprachlich kommt der Roman ohne überflüssiges Bei- und Zierwerk daher. Alles in allem macht er Lust auf weitere Romane von Dal Masetta, der erst jetzt mit „Noch eine Nacht“ dank des Schweizer Rotpunktverlages auf dem deutschsprachigen Buchmarkt eingeführt wurde.
Antonio Dal Masetto, Noch eine Nacht, aus dem Spanischen von Susanna Mende, Zürich 2006 (Rotpunktverlag), 268 Seiten, 22 Euro.
Es wurde auch Zeit!
Endlich betreut ein deutscher Verlag die Publikation
der Romane von Daniel Chavarría
von Gert Eisenbürger Über Kriminalromane zu schreiben ist eine heikle Aufgabe. Man soll etwas über ein Buch sagen und darf doch nicht allzu viel verraten, weil die Lektüre sonst nicht mehr spannend ist. Was für den Kriminalroman im Allgemeinen zutrifft, gilt im Besonderen für die Bücher des in Cuba lebenden Uruguayers Daniel Chavarría. Kann man bei den meisten Krimis immerhin auf den Inhalt eingehen und muss sich nur verkneifen das Ende der Geschichte preiszugeben und stattdessen zur beliebten Formulierung des „überraschenden Schlusses“ greifen, darf man bei Chavarría eigentlich schon über die Story kaum etwas sagen, weil sich die meist erst in der zweiten Hälfte der Bücher wirklich erschließt. Eine Handlungsskizze in der Besprechung würde also den späteren LeserInnen des Romans die Irritation ersparen, dass sie auf den ersten hundert Seiten des Buches überhaupt nicht wissen, worauf das Ganze hinauslaufen könnte.
Auch wenn Chavarría für mich neben dem Asturo-Mexikaner Paco Ignacio Taibo II und dem brasilianischen Altmeister Ruben Fonseca zu den großen Drei des lateinamerikanischen Kriminalromans gehört, ist sein Werk im deutschsprachigen Raum noch relativ unbekannt. Zwar sind bis 2002 schon fünf Bücher des Autors in deutscher Übersetzung erschienen, die aber in vier verschiedenen Verlagen, was der Verbreitung und Pflege des Werks eines Schriftstellers nicht gerade förderlich ist. Da zudem hierzulande das Feuilleton Titel zu ignorieren pflegt, die direkt als Taschenbücher erscheinen, überging es bisher auch weitgehend Daniel Chavarría, denn einzig sein Roman „Die sechste Insel“ ist 1984 als Hardcover erschienen, der aber in der DDR, ein anderer Grund für die bundesdeutsche Kritik, Buch und Autor nicht zur Kenntnis zu nehmen. Nun hat sich mit der Edition Köln endlich ein Verlag vorgenommen, die Veröffentlichung der Bücher Chavarrías im deutschsprachigen Raum zu betreuen. Seit dem letzten Jahr sind dort drei seiner Romane in gebundener Form erschienen, erstmalig auf Deutsch „Jenes Jahr in Madrid“ und „Das Rot im Federkleid des Papageien“, sowie „Die sechste Insel“ als Neuauflage.
Chavarría gehört nicht zu den Krimiautoren, die denselben Ermittler/dieselbe Ermittlerin in jedem Buch von neuem losschicken, um es mit den Widrigkeiten der Welt aufzunehmen. Genau genommen wird in seinen Büchern überhaupt nicht ermittelt. Bei der Lektüre von
„Jenes Jahr in Madrid“ hat man lange Zeit nicht den Eindruck, es mit einem Kriminalroman zu tun zu haben. Der Erzähler, der in diesem Fall identisch mit dem Autor zu sein scheint, berichtet, wie er sich auf seiner ersten großen Reise von Uruguay nach Europa auf dem Schiff unsterblich in eine argentinische Mitreisende namens Gaby verliebt. Gerade erst 19jährig und in Liebesdingen reichlich unerfahren, umgarnt er die um einiges ältere, verheiratete Frau. Doch die zeigt dem Grünschnabel zunächst die kalte Schulter. In Madrid kommen sich die Beiden dann doch näher, aber nicht wirklich nah, weil Gaby ihm nach einigen Wochen eröffnet, dass sie von einem Deutschen schwanger sei und nach München reisen werde, um mit ihm zu leben. Jahrzehnte später ist Daniel Chavarría anlässlich einer Lesung bei einer Solidaritätsgruppe in München zu Gast und beim abendlichen Gespräch in der Kneipe erzählt er diese Geschichte. Da müsse er doch den Aufenthalt nutzen, um zu sehen was aus Gaby geworden sei, meinen die Münchener
GenossInnen. Tatsächlich findet sich im örtlichen Telefonbuch ein Eintrag mit dem Namen Kurt von Pahlen, jenem Deutschen, wegen dem sie seinerzeit nach München gezogen war. Er ruft tatsächlich dort an, doch Gaby trifft er nicht. Vielmehr erzählt ihm von Pahlen nach langem Zögern, Gaby habe ihn damals nach nur wenigen Monaten verlassen, um mit einem Uruguayer namens Daniel Chavarría zu leben. Nun wird die Geschichte mysteriös und der Rezensent hüllt sich in Schweigen ob ihres weiteren Verlaufs.
"Das Rot im Federkleid des Papageien“
spielt dagegen in Cuba, aber zwei der drei Hauptpersonen, deren Wege sich in Havanna kreuzen, sind Argentinier. Da ist zum einem Aldo, ein in Italien erfolgreicher Geschäftsmann. Hinter der strahlenden Fassade verbirgt sich ein zutiefst traumatisierter Mann, der durch die Hölle der geheimen Gefängnisse der argentinischen Diktatur gegangen ist und dort seine Compañera und seine Selbstachtung verloren hat. Der andere Argentinier, Alberto, residiert in Cuba als Repräsentant eines uruguayischen Unternehmens. Auch er war in den argentinischen Folterkellern, allerdings nicht als Opfer, sondern als Täter. Nach der Diktatur lebte er zunächst als Geschäftsmann in Uruguay, doch wurde er dort von seinen Opfern aufgespürt und Zielscheibe eines Attentats, welches er nur knapp überlebte. Auf der Suche nach einem sicheren Ort zum Untertauchen hatte er die geniale Idee, sich mit falscher Identität als Geschäftsmann in Cuba niederzulassen, dort würde ihn sicherlich kein Linker vermuten. Er wäre vermutlich auch nie aufgefallen, wäre er nicht Kunde der Jinetera (Prostituierten) Bini geworden. Denn deren Dienste nimmt auch Aldo bei einem Besuch Cubas in Anspruch. Was der Autor aus dieser Konstellation macht, wird natürlich nicht verraten. Nur soviel: Es lohnt sich absolut, diesen spannenden Politthriller zu lesen. Er setzt sich nicht nur auf ganz neue Weise mit den Themen Straflosigkeit, Rache und Gerechtigkeit auseinander, sondern zeichnet auch ein differenziertes Bild der cubanischen Gesellschaft in der so genannten Spezialperiode. Während die meisten versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen und dabei halbwegs sauber zu bleiben, pflegen die neuen Reichen, wie zum Beispiel ausländische
Geschäftsleute, einen pompösen Lebensstil. Sie wedeln mit ihren Dollars und denken, sich damit alles und jedeN kaufen zu können.
Wieder eine ganz andere Geschichte ist „Die sechste Insel“. Dieses Buch wird auf dem Cover als „Abenteuerroman“ bezeichnet. Und tatsächlich bietet es alle Zutaten, die dieses Genre ausmachen: finstere Gestalten, furchtlose Piraten, sogar so etwas wie edle Ritter – nur die guten Herrscher, für deren Ruhm und Ehre die Helden kämpfen, sucht man vergebens. So wird aus dem Leben des Uruguayers Bernardo Piedrahieta berichtet, der uns zur Zeit des Zweiten Weltkriegs als frommer Jesuitenzögling in Argentinien begegnet, später aber der Mutter Kirche den Rücken kehrt und in der Welt allerlei Abenteuer erlebt. Dazu bekommen wir gleich eine Einführung in die Geschichte und Struktur der „Gesellschaft Jesu“. Weiter erleben wir in dem Roman den Aufstieg eines ITT-Managers mit besonderen sexuellen Vorlieben, der im Verlauf der Geschichte Opfer einer Entführung wird, wobei nebenbei die Historie des genannten Konzerns höchst spannend aufbereitet wird. Schließlich bringt uns das Buch noch die Lebensbeichte des Alvaro de Mendoza zur Kenntnis, eines spanisch-flandrischen Edelmannes im 17. Jahrhundert, der nach diversen Händeln und Kriegen in Europa auf einem niederländischen Kriegsschiff in die Karibik kommt und sich dort Piraten anschließt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch in diesem Erzählstrang das politische Panorama jener Zeit und die Kolonialpolitik der europäischen Mächte detailliert ausgebreitet ist. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie bringt der Autor das alles zusammen? Die darf natürlich nicht beantwortet werden, aber soviel dann doch: Es gelingt ihm virtuos.
Daniel Chavarría ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der seine LeserInnen in den Bann schlagen kann. Aber er tut das nicht nur um der Geschichten willen, eher schon um der Geschichte willen. Denn seine Romane sind immer auch Geschichtsbücher, die die herrschende Sicht der Geschichte
dekonstruieren. Danach setzt er die Fragmente anders zusammen und schreibt die Geschichte neu. Er tut dies aus einer Perspektive, die man vor zehn/fünfzehn Jahren sicher als „von unten“ bezeichnet hätte. Aber auch das trifft es nicht ganz, denn seine Protagonisten sind nicht einfach im klassischen Sinn „unten“, es können durchaus Erfolgsmenschen sein, die sich aber der herrschenden Logik konsequent verweigern und ihre eigenen Maßstäbe, ihre eigene Moral haben, aus denen sie ihr Handeln ableiten. Damit verweigert sich der Autor Chavarría auch der Einordnung in einfache Kategorien. Er kommt ebenso als post-moderner Dekonstruktivist wie als altmodischer Moralist daher und sieht sich gleichzeitig der Aufklärung und damit der Moderne verpflichtet.
Doch damit der Widersprüche nicht genug: Als politischer Autor hat er ein klares Verständnis von Gut und Böse, von Rechts und Links, von Täter und Opfer. Doch sind es die Täter, die ihn besonders interessieren. In „Das Rot im Federkleid des Papageien“ ist es der Folterer, dem er den meisten Raum widmet, dessen Psychologie er bis ins Detail auslotet, den er abstoßend faszinierend zeichnet. In „Die Wunderdroge“, einem anderen tollen Roman, der hoffentlich bald neu aufgelegt wird, ist es ein Faschist und CIA-Agent, der als ungeheuer attraktiv, intelligent und mutig beschrieben wird und gleichzeitig als ein menschenverachtender Zyniker der Macht. Chavarrías Romane sind hintergründig, sehr humorvoll, aber auch voller Fallstricke, weil sie sich eindeutigen Charakterisierungen verweigern und vermeintlich positive Werte hinterfragen. Das macht sie so spannend und einzigartig. Schön, dass sie endlich alle auf Deutsch erscheinen!
Daniel Chavarría, Jenes Jahr in Madrid, Übers.: Klaus E. Lehmann, Edition
Köln, ISBN 3-936791-29-5, 264 Seiten, geb., 17,90 Euro
Daniel Chavarría, Das Rot im Federkleid des Papageien, Übers.: Klaus E. Lehmann,
Edition Köln, ISBN 3-936791-13-9, 499 Seiten, geb., 19,80 Euro
Daniel Chavarría, Die sechste Insel, Übers.: Andreas Klotsch, Edition
Köln, ISBN 3-936791-24-4, 442 Seiten, geb., 21,90 Euro
In Köln habe ich mich politisiert
Der uruguayisch-cubanische Schriftsteller Daniel Chavarría
Daniel Chavarría kam 1953 als Globetrotter aus Uruguay nach Deutschland kam und verbrachte hier ein Jahr. Entgegen dem allgemeinen Bild von der Adenauerära dieser Zeit, fand er herzliche Aufnahme und wurde von Kölner Arbeitern für sozialistische Ideen begeistert. Denen blieb er in den folgenden Jahrzehnten treu, wurde nach seiner Rückkehr nach Uruguay kommunistischer Parteiaktivist, später in Kolumbien logistischer Verbindungsmann der Guerilla ELN und entführte schließlich ein Flugzeug nach Cuba. Dort wurde er sesshaft, beendete ein Studium, lehrte später an der Uni und ist heute ein erfolgreicher Schriftsteller. Im Mai 1997 war er anlässlich einer Lesereise zu Gast in Bonn. Gert Eisenbürger ließ sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen, seine schillernde Lebensgeschichte
in einem Interview aufzuzeichnen. Interview
mit Chavarría
Die zwei Zeiten der Revolution
John Holloways Texte über die Zapatistas
von Gerald Raunig Vier Jahre nachdem John Holloways Buch „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ in der deutschen Fassung (Verlag Westfälisches Dampfboot) herausgekommen ist, erscheint nun eine Sammlung seiner Aufsätze über die Zapatistas beim Wiener Verlag Turia+Kant. Der Band umfasst sieben Texte, die der in Puebla lebende und lehrende Sozialwissenschaftler im Laufe der letzten zehn Jahre geschrieben hat. Über diese lange Strecke lässt sich die Entwicklung sowohl der von Holloway kompetent und empathisch begleiteten zapatistischen Praxis als auch jene der Theorieproduktion Holloways
anschaulich verfolgen. Konzepte und Begriffsfelder wie jenes der Masken, der „Politik der Würde“, des „urbanen Zapatismus“, des gehorchenden Befehlens (mandar obedeciendo) oder des fragenden Voranschreitens (preguntando caminamos) sind zwar aus dem lakandonischen Urwald um die Welt und in alle möglichen aktivistischen und theoretischen Zusammenhänge eingegangen, bedürfen aber in vielen Fällen weiterer Vertiefung und Rekontextualisierung in den politischen Zusammenhängen in Chiapas und Mexiko.
John Holloway leistet diese Vertiefung der zapatistischen Politik ausgehend vor allem von der Konzeptualisierung zweier Formen der Macht, der power-over (der instrumentellen Macht) und der power-to-do (der kreativen Macht). Diese Zweiteilung, die in anderen Theorien als Differenz von potentia und potestas, von konstituierender und konstituierter Macht eingeführt worden ist, scheint zwar im theoretischen Widerspruch zu poststrukturalistischen Überlegungen Foucaults und anderer über die unauflösbare Verstricktheit von Macht und Widerstand. Bei interessiertem Zusammenlesen lassen sich die beiden Theoriestränge jedoch auch als komplementär verstehen. Holloway scheint jedenfalls weit von der Repressionshypothese entfernt, die Foucault in den 1970ern attackiert hat. Bis zu einem gewissen Grad überbrückt er sogar die Kluft zwischen marxistischen Theorien und der französischen
Gegenwartsphilosophie, besonders augenfällig in der häufigen Verwendung von eher poststrukturalistisch geprägten Begriffen wie „Ereignis“ und „Intensität“.
Die Stelle, an der die Theoriebildung Holloways die staatskritische Debatte am effektivsten
weiterentwickelt, ist wohl die titelgebende, die „zwei Zeiten der Revolution“. Wird Kapitalismus als Dauer verstanden (je nachdem als ewige oder zumindest als lange Dauer), so beschreiben herkömmliche Revolutionstheorien die Revolution als Bruch (die diese lange Dauer des Kapitalismus unterbricht). Wenn Holloway dagegen von zwei Zeiten der Revolution spricht, meint er damit neben der Zeitlichkeit des Risses, des Ereignisses, des „Ya Basta!“ jene einer Dauer, die auf dem Terrain des Kapitalismus entsteht, aber gegen ihn gerichtet ist oder über ihn hinausreicht. Die geduldige Konstruktion einer anderen Welt, anderer Formen der sozialen Beziehungen ist für Holloway gerade im Hier und Jetzt, auf der Immanenzebene zu erproben, im globalen Zusammenfügen von Prozessen kollektiver Selbstbestimmung, Räten und Versammlungen: „Eine neue Welt“, „ein neuer Kommunismus“ wachsen „in den Spalten oder Lücken des Kapitalismus und gegen ihn“. Die Ungeduld des Bruchs, des Ereignisses und die revolutionäre Geduld der konstituierenden Macht (wie Antonio Negri das wohl nennen würde) sind nicht auf einer Zeitlinie voneinander zu trennen, sondern gleichzeitige Phänomene, die als komplementäre Komponenten einer revolutionären Maschine zu verstehen sind – oder auch Komponenten einer revolution. revolution mit kleinem r, wie Subcomandante Marcos und mit ihm Holloway die Vielheit der mikro- und makropolitischen sozialen Kämpfe benennen.
Auf der Ebene der Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitlichkeiten der Revolution Negri nicht unähnlich, unterscheidet sich Holloways Konzept der revolution allerdings dadurch, dass Widerstand und Aufstand darin nicht explizit unterschieden sind. Negri spricht von einer Dreiheit, deren Komponenten Widerstand, Aufstand und konstituierende Macht nicht in linearer Abfolge, sondern in ständigem Austausch befindlich zu verstehen sind. In Holloways Begriff von „Riss“ und „Ereignis“ verschwimmen die kleinen Brüche alltäglicher Widerstände mit jenen der massenhaften Insurrektion.
Der Soziologe Jens Kastner, der die Texte Holloways aus dem Spanischen und Englischen übersetzt hat, stellt den zwischen Theorieproduktion und Praxisreflexion abwechslungsreich changierenden Aufsätzen in seiner kritischen Einleitung nicht nur eine kurze Geschichte des zapatistischen Aufstands und der zapatistischen Praxis von 1994 bis heute voran, er kontextualisiert zugleich diese Geschichte und ihre Aufarbeitung durch Holloway in ihrer deutschsprachigen Rezeption. Und Kastner zeichnet als Draufgabe auch noch zwei Linien nach, die bei Holloway nur implizit, unterirdisch vorkommen: einerseits die Nähe der zapatistischen Politik zur Genealogie der nicht-essenzialistischen Strömungen des Anarchismus, andererseits den Zusammenhang mit den minoritären Praxen um 1968.
John Holloway: Die zwei Zeiten der Revolution. Würde, Macht und die Politik der Zapatistas. Aus dem Englischen und Spanischen übersetzt und eingeleitet von Jens Kastner, Turia+Kant: Wien 2006, 110 S., 10,- Euro
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