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Buchbesprechungen

    Alle besprochenen Bücher   Leben und Sterben des William Walker

Neues aus Bosque
Dal Masettos zweiter Roman in deutscher Übersetzung
von Klaus Jetz

Blut und Spiele“ heißt der zweite Roman in deutscher Übersetzung des (aus Norditalien stammenden) argentinischen Autors Antonio Dal Masetto. Das spannende Buch kann als Fortsetzung des ebenso spannenden Erstlingswerks, „Noch eine Nacht“, das ebenfalls im vergangenen Jahr im Züricher Rotpunktverlag erschien, angesehen werden. Der Leser kehrt zurück nach Bosque, diesmal allerdings mitten im nebligen Winter, während die Kleinstadt damals im Sommer einem Glutofen glich. Erneut kommen die Abgründe des idyllisch scheinenden Kleinstadtlebens zum Vorschein, und schon bald geht es hoch her in jenem argentinischen Twin Peaks.

Noch einmal geht es um jene grausame kollektive Hetzjagd, die in Bosque stattfand, nachdem vier Fremde die örtliche Bank überfallen und vergeblich versucht hatten, mit ihrer Beute aus dem Ort zu entkommen. Ein Polizist hatte auf sie geschossen und einen Autoreifen getroffen, so dass sie einen anderen Fluchtwagen organisieren mussten. Die Bevölkerung war gewarnt und hatte so Zeit gefunden, die beiden einzigen Ortsausgänge zu blockieren. Fast alle beteiligten sich an der Jagd, die bis in die Nacht gedauert hatte. So war Bosque für die vier Fremden zu einer tödlichen Falle geworden. Auch vier Dorfbewohner fanden damals inmitten einer Orgie der Gewalt den Tod.

In „Blut und Spiele“, im Original heißt der Roman schlicht „Bosque“, kommt der Protagonist Muto in die Kleinstadt, nachdem er im Wartezimmer seines Zahnarztes in Buenos Aires in einem Revolverblatt einen Bericht über die Ereignisse gelesen hatte und dabei über den Namen seines alten Feindes Dante Arditi gestolpert war. Dieser hatte ihm vor Jahren die Frau ausgespannt und war, so stand es in dem Bericht, als einer der Bankräuber von dem aufgestachelten Mob in Bosque zu Tode gehetzt worden. Mutos Neugierde ist geweckt, er will den Ort sehen, wo sein Feind von einem Pick up an einer Friedhofsmauer zerquetscht wurde. Den Dorfbewohnern stellt sich Muto unter falschem Namen als Drehbuchautor aus Buenos Aires vor. Die Ereignisse von Bosque sollen verfilmt werden, alle, die darin eine Rolle gespielt hatten, könnten als Laienschauspieler engagiert werden. Umfangreiche Nachforschungen über den Banküberfall und die sich anschließende Verfolgungsjagd seien notwendig. Er lässt sich die Geschehnisse von verschiedenen Personen berichten. So lässt Dal Masetto sie also nochmals unter unterschiedlichen Perspektiven Revue passieren, wobei der Leser immer neue Einzelheiten und Deutungen kennen lernt.
 
Doch auch in der Gegenwart kommt es wieder zu unglaublichen Ereignissen. Kleinere Vorfälle wie das Abschlachten eines Kalbes auf einem rollenden Viehwaggon, das Ab-fackeln eines Autos auf der Bundesstraße oder das Autowettrennen auf einer einsamen Landstraße dienen eher der Ausschmückung und Umrahmung der eigentlichen Handlung und scheinen der Vorliebe des Autors für das Kino geschuldet. Darüber hinaus aber erlebt Bosque wieder grausame Mord- und Todesfälle, hinterhältige Intrigen werden gesponnen und ein zweiter Bankraub findet statt. Dabei löst der Autor nicht alle Rätsel auf, manche Fragen bleiben unbeantwortet, etwa die, wer Claudia Legarrete, jene nackte Tote im Bett des dicken Agroingenieurs Zamudio, auf dem Gewissen hat oder welches Schicksal Varinis Schlägerbande für den ehemaligen Priester und seine Geliebte vorgesehen hat.

Die meisten Personen, zum Teil höchst skurrile und groteske Charaktere, sind dem Leser bereits aus dem ersten Roman bekannt. Er kennt ihre Spleens und Marotten, eben den dicken, nunmehr nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselten Zamudio mit seiner Vorliebe für die Großwildjagd, den Bankdirektor mit seiner Zinnsoldatensammlung, der die Schlacht von Waterloo im Miniaturformat nachspielt, die nymphomanische Schuldirektorin und ihr seltsames Verhältnis zu ihrem minderjährigen Neffen sowie insbesondere den zu allem fähigen Anwalt Varini, der seine Frau auf dem Gewissen hat, das halbe Dorf manipuliert und „seine Jungs“ immer wieder zu üblen Späßen aufhetzt. In „Blut und Spiele“ manipuliert er den tumben Juan, stachelt ihn zum Mord an seinem Geschäftspartner auf, so wie seine Tochter Leda den verrückten Pedro manipuliert und ihn als Mordwaffe gegen ihren Vater einsetzt.

Meisterhaft wird der Leser in die Irre geführt, durch eine perfekt aufgebaute, spannende Story an die Handlung gefesselt und schließlich durch eine überraschende Auflösung des Geschehens wieder in den Alltag entlassen. Dabei legt der Autor unzählige Fährten für weitere Handlungsstränge, an denen weiter gesponnen werden kann. Der Roman schreit also geradezu nach einer Fortsetzung und, wie bereits „Noch eine Nacht“, nach Verfilmung. Denn auch „Blut und Spiele“ strotzt von filmtechnischen Elementen, lebt von seinen Dialogen, überzeugt durch seine konzise Sprache, die einem raschen Fortschreiten der Handlung nicht im Wege steht. Dal Masettos zweiter Roman macht wieder Lust auf mehr. Zugleich zeigt er klipp und klar, dass der Autor zu den wirklich großen zeitgenössischen Erzählern Argentiniens gehört. 

Antonio Dal Masetto, Blut und Spiele, Rotpunktverlag, Zürich 2006, 230 S., 19,80 Euro

Leben und Sterben des William Walker
Buchbesprechung  von Klaus Jetz

Für Eduardo Galeano war er ein Seeräuber, der im Auftrag nordamerikanischer Bankiers an der Spitze einer Mörderbande über die mittelamerikanischen Länder herfiel, plünderte, brandschatzte und die Bewohner massakrierte. Die Rede ist vom Freibeuter William Walker, der Geißel Mittelamerikas um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch heute ziehen die fünf Nationen des Isthmus eine gehörige Portion Stolz, Identität und Bewusstsein aus dem gemeinsamen Kampf gegen die Eindringlinge aus dem Norden. Helden, die sich im Freiheitskampf hervortaten, wurden zu Namensgebern von Flughäfen, Plazas, Überlandstraßen. 

Wer war dieser William Walker? Woher kam er und warum dieser Feldzug gen Süden? Dies und noch viel mehr sind die Themen des Romans Pura Vida des französischen Romanciers Patrick Deville (geb. 1957), Vertreter des nouveau roman, also jener neuen Schriftstellergeneration, die weniger Theorie und Gattung als vielmehr wieder die eigentliche Aufgabe des Romanciers, also das Erzählen, in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellt. Mit seinem Pura Vida betritt Deville Neuland, sowohl in thematischer wie in gattungstheoretischer Hinsicht, denn er sprengt den Rahmen des historischen, biographischen Romans, Einheit des Ortes, der Zeit und Handlung kommen abhanden, nicht eine Person, vielmehr eine Region bzw. die großen Männer einer Region stehen im Mittelpunkt des Werks. Die abenteuerliche Lebensgeschichte des William Walker gab bereits die Vorlage für eine klassische Romanbiographie und ein Drehbuch ab: Der deutsche Autor Alfred Neumann verfasste in den 40er Jahren im kalifornischen Exil den Walker-Roman „Der Pakt“, und in den 60er Jahren spielte Marlon Brando den Walker in einer Hollywood-Produktion.

Für Deville ist Walker ein verwöhnter Junge aus Nashville, Tennessee, der nie Elend kennen gelernt hatte und in seiner Jugend durch die Lektüre der Romantiker, vor allem seines Vorbilds Lord Byron, erschüttert wurde. Der frühe Tod der einzigen Liebe seines Lebens soll den finsteren jungen Mann in einen furchtbaren, skrupellosen Raubritter verwandelt haben, dessen einziger Wunsch und Ehrgeiz darin bestand, Präsident einer Republik zu werden, weshalb er immer wieder versuchte, Gebiete der südlichen US-Nachbarn zu annektieren. Zunächst in Nieder-Kalifornien und Sonora, mexikanischen Gebieten, die er mit einigen Dutzend Kämpfern aus Europa und Nordamerika eroberte und als präsidiale Republik mit ihm an der Spitze proklamierte, später in Nicaragua und Honduras, wo er schließlich durch die mittelamerikanischen Armeen besiegt wurde. Am 12. September 1860, gerade mal 46 Jahre alt, wurde er in Honduras standrechtlich erschossen. 

Zuvor hatte er in den von ihm beherrschten Gebieten, ganz im Sinne der interessierten Investoren aus den Südstaaten, die Sklaverei wieder eingeführt und in Nicaragua die von Cornelius Vanderbildt kontrollierte Transitstrecke für Pferdekutschen zwischen Nicaragua-See und Pazifik an sich gerissen sowie den Bau eines Kanals zwischen den Ozeanen verfolgt. Daher also wehte der Wind! Nicht die großen Vorbilder Bolívar und Morazán mit ihren Einigungsbestrebungen oder der Freund der Griechen, Lord Byron, standen Pate. Das waren nur Walkers Jugendgespinste. Walker war nichts anderes als ein Anhänger oder Interessenvertreter der „manifest destiny“, also jener imperialistischen Idee der „offensichtlichen Bestimmung“, die in der Karibik und in Mittelamerika ein natürliches Anhängsel der nordamerikanischen Union sah. 

Pura Vida sprudelt nur so vor Anekdoten, Geschichten, Berichten und Lebensbildern. Der Roman ist kein Epos, kein Lebensbild, kein historischer Roman über William Walker, wie der Untertitel suggeriert. Er ist vielmehr ein Kaleidoskop der Geschichte Mittelamerikas, jener 200 Jahre von der Unabhängigkeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Fast alles, was Rang und Namen hat in der Historie jener Region, wird zum Protagonisten in Devilles Werk, die Guten und die Bösen, die Engel und die Teufel, von Francisco Morazán, dem Helden der Unabhängigkeit, und eben Walker und seiner Bande, über Augusto César Sandino und seinen Mörder, Tacho Somoza, bis hin zu Ernesto Cardenal und Sergio Ramírez. In weiteren Hauptrollen: Simón Bolívar als sterbender Held und Vorbild für die revolutionäre Nachkommenschaft, Che Guevara als Engel der Revolution, Fidel Castro als graubärtiger Kronos und Despot, der Dichter Roque Dalton, Kind und Opfer der salvadorianischen Revolution. 

Auch weniger prominente Männer – und um Männer geht es in dem Roman ausschließlich – werden in kurzen Kapiteln („Leben und Sterben des...“) vorgestellt, etwa der in den 90er Jahren zum Tode verurteilte cubanische Geheimdienstler Antonio de la Guardia oder der venezolanische Abenteurer Narciso López, der in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts vergeblich versuchte, Cuba den Spaniern zu entreißen und dabei scheiterte, mit der Folge, dass sich viele seiner (auch deutschen) Kämpfer dem nicaraguanischen Abenteuer des Piraten Walker anschlossen. All diese mittelamerikanisch-karibischen Helden und Antihelden scheiterten. Das Scheitern ist eben ein zentrales Thema des Romans, denn Deville sieht darin offensichtlich weitaus mehr erzählerisches Potenzial als im Triumph, etwa der cubanischen oder nicaraguanischen Revolution, die für Deville ein gescheitertes Experiment darstellen. 

Pura Vida ist voller Ironie und Spott, Deville kennt keine Ehrfurcht, weder vor Ernesto Cardenal, über den er sich lustig macht, noch vor Che Guevara, dem gescheiterten Revolutionshelden, den er mit dem gescheiterten Abenteurer Walker vergleicht. Zugleich liefert Deville aber in seinem Roman, der mehrere Lesarten erlaubt, eindrückliche Porträtskizzen lateinamerikanischer Persönlichkeiten, und in denen stecken epische Ansätze, die das Zeug zu großen Romanbiographien haben.

Patrick Deville, Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker, Haymon, Innsbruck-Wien 2007, 304 S., 19,90 Euro.