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besprochenen Bücher
Die Pluralisierung des Paares Feuer
am Wort Deutschland mit anderen Augen
Die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik Die Kraft der informellen Netze
Raúl Zibechis Buch über die
sozialen Bewegungen in El Alto
von Gert Eisenbürger
Bei politischen Sachbüchern zu den Themen, die einen interessieren, gibt es solche, die man nicht unbedingt lesen muss, und solche, nach deren Lektüre man das Gefühl hat, etwas verstanden oder gelernt zu haben. Zu ersteren gehören natürlich die, die schlecht recherchiert sind oder die herrschende Ideologie wiederkäuen, aber auch solche, die politisch okay sind, aber nur wiederholen, was man ohnehin weiß. Zu den lohnenden Büchern zähle ich die, die mir neue Erkenntnisse und Einblicke bringen, und solche, an deren Inhalten ich mich reibe, weil mich ihre Argumentation teilweise überzeugt, ich teilweise aber auch Widersprüche habe und deshalb meine eigenen Sichtweisen kritisch hinterfragen muss. Zu den letztgenannten Büchern gehört eindeutig das Buch „Bolivien – Die Zersplitterung der Macht“ des uruguayischen Journalisten Raúl
Zibechi.
Spätestens mit dem sogenannten Gaskrieg im Oktober 2003 wurde klar, dass in El Alto eine soziale Bewegung existiert, die mit den traditionellen politischen Kategorien kaum zu erfassen ist. Anders als bei anderen Aufständen hatte hier keine institutionalisierte Kraft (Partei, Gewerkschaft) eine politische Entscheidung gefällt und dann ihre Basis dafür mobilisiert. Die Revolte war aber auch nicht spontan: Die BewohnerInnen El Altos hatten in unzähligen Nachbarschaftsversammlungen darüber beraten und schließlich weitgehend im Konsens beschlossen, dass der Aufstand stattfinden sollte und wie man dabei vorgehen wollte. Die Führung der Kämpfe lag nicht bei einem Generalkommando, sondern die jeweiligen Stadtteilversammlungen entschieden in Absprachen mit anderen, wo Blockaden stattfinden oder Barrikaden errichtet werden sollten und wer welche Aufgaben übernehmen würde. Die gewählten RepräsentantInnen der Nachbarschaftsvereinigungen und ihr Dachverband FEJUVE hatten keine Führungsrolle, sondern mussten sich den Beschlüssen der regelmäßigen Versammlungen unterordnen.
Militär und Polizei reagierten zunächst extrem gewalttätig – mindestens 28 BewohnerInnen El Altos wurden getötet – waren aber letztlich nicht in der Lage, die Rebellion niederzuschlagen. Ihr dezentraler Charakter führte zum Sieg und zum Sturz des Präsidenten Sánchez de Lozada.
Die Grundlage der sozialen Bewegung in El Alto liegt für Zibechi in den kommunitären Organisationsformen der andinen Agrargemeinschaften und den gewerkschaftlichen Erfahrungen der Bergarbeiter. Die Bewegung bestehe auch nicht nur aus den sichtbaren Gruppen, sondern ihre Kraft liege in den unzähligen familiären und gemeinschaftlichen Netzwerken, ohne die das tägliche (Über-)Leben nicht funktionieren würde. Auch wenn die Bewegung eine große Kampfkraft und Autonomie erreicht habe, sei sie gegen die Umarmungsversuche der politischen Parteien nicht immun. Dazu zählt Zibechi ausdrücklich auch die regierende „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) von Präsident Evo Morales. Sie versuche, Führungskräfte der Bewegung zu kooptieren und von ihrer sozialen Basis zu trennen. Ein ähnliches Projekt verfolgten auch zahlreiche von der internationalen Entwicklungshilfe finanzierte
Nichtregierungsorganisationen.
Soweit Zibechis Analyse, die sich wohltuend von den organisations- und staatsfixierten Sichtweisen vieler traditioneller Linker abgrenzt.1 Dennoch würde ich einige seiner Einschätzungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Im Kampf für die Schaffung einer demokratischen und selbstverwalteten Gesellschaft sieht er politische Parteien – auch linke – als Teil des Problems, nicht seiner Lösung. Das ist mir zu undifferenziert. Es mag sein, dass viele Linksparteien soziale Bewegungen weiter nur als Transmissionsriemen ihrer Politik sehen. Aber die MAS ist keine traditionelle Linkspartei. Sie hat keinen nennenswerten Apparat und wurde von der Indígenabewegung als ihr politisches Instrument geschaffen (vgl. Beitrag von Waldo Acebey in der ila 318). Indigene AktivistInnen sprechen auch heute in der Regel nicht von der MAS, sondern vom politischen Instrument. Ob die MAS sich in Richtung traditioneller Partei bewegt oder ob sie längerfristig ein politisches Instrument der indigenen sozialen Bewegungen sein kann, wäre zumindest eine Analyse wert.
Wie viele Libertäre sieht Zibechi den zentralen Widerspruch zwischen Staat und sozialer Bewegung. Im Beitrag „Industriestandort El Alto“ in dierser ila, beschreibe ich die Herausbildung einer indigenen Bourgeoisie in El Alto. Möglichweise besteht in der verstärkten ökonomischen Differenzierung der Aymara in der Stadt ein weitaus größeres Problem für die Verteidigung und Vertiefung der kommunitären Strukturen als durch die Vereinnahmungsversuche des Staates.
Zu diskutieren wäre sicher auch, wie sich die Organisationsformen agrarischer Gesellschaften in der Stadt verändern und was das für die längerfristige politische Praxis bedeutet.
Jenseits dieser Einwände stellt Zibechi in dem Buch grundlegende Überlegungen darüber an, wie eine andere Organisation von Gesellschaften jenseits kapitalistischer Logik und bevormundender Staatsmodelle aussehen kann, und reflektiert die spannenden Erfahrungen, die diesbezüglich in El Alto gemacht wurden. Damit ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur aktuellen linken Debatte, nicht nur zu Lateinamerika.
1) In der ila 315 erschien ein längerer Beitrag von Alix Arnold über die spanische Ausgabe des Buches, der die Darstellung Zibechis sehr viel ausführlicher referiert.
Raúl Zibechi: Bolivien – Die Zersplitterung der Macht, Übersetzung: Horst Rosenberger, Edition Nautilus, Hamburg 2009, 188 Seiten, 15,90 Euro
Paarkonzepte
Das Buch „Die Pluralisierung des Paares“ untersucht die Veränderung der Geschlechterbeziehungen in El Alto
von Gert Eisenbürger
Der größte Teil der BewohnerInnen El Altos ist erst in den letzten drei Jahrzehnten aus den Dörfern des bolivianischen
Altiplano, der auf gut 4000 Metern gelegenen Andenhochebene, zugezogen. Diese MigrantInnen sind noch sehr stark durch die Traditionen der bäuerlichen Aymara-Gemeinschaften geprägt und halten größtenteils weiterhin engen Kontakt zu ihren Herkunftsorten. Gleichzeitig leben sie heute in einer Realität, die sich grundsätzlich von der ihrer Dörfer unterscheidet. Dies bedeutet einerseits, dass die Traditionen und Wertesysteme der ländlichen Aymara-Kultur in El Alto sehr präsent sind, andererseits aber auch, dass sie sich verändern und „modernisieren“ müssen, weil die Lebensrealität in der Stadt eine gänzlich andere ist. Dies gilt im besonderen Maße für die Beziehungs- und Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern. Wie sich die bei den Aymara-MigrantInnen in El Alto und La Paz entwickeln und verändern, ist das Thema der Untersuchung „Die Pluralisierung des Paares“ von Andrea Blumtritt, die kürzlich in der Edition Tranvia erschienen ist.
D ie Kosmovision und die Traditionen der Aymara-Gemeinschaften sind von einer starken Dualität der Geschlechter geprägt. Anders als in den westlichen Gesellschaften, wo Männer die „Geschichte machten“, d. h. den öffentlichen Raum und die politischen Institutionen bis weit über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dominierten, ist in der Aymara-Kultur traditionell das Ehepaar im öffentlichen Leben präsent. Erst in ihrer Vereinigung als Paar sind Frauen und Männer befähigt, Ämter und Funktionen in der Gemeinschaft zu übernehmen. Das heißt allerdings nicht, dass die Geschlechter bei den Aymara gleichberechtigt wären und es keine männliche Machtdominanz im privaten, ökonomischen und teilweise auch im öffentlichen Raum gäbe. Aber eben keine Ausgrenzung der Frauen. Das westliche Bonmot, dass hinter jedem großen Mann eine unsichtbare Frau stünde, wäre in der traditionellen Aymara-Kultur kaum verstanden worden. Unsichtbar waren die Aymara-Frauen nie.
Öffentliche Ämter in den Aymara-Gemeinschaften, wie Funktionen in der Vorbereitung der Planung der landwirtschaftlichen Arbeiten, Verantwortlichkeiten für die Organisation von (religiösen) Festen, die Betreuung der örtlichen Schule, die Regelung von Rechtsfragen und Streitigkeiten und die Durchführung der rituellen Zeremonien werden größtenteils von Paaren übernommen. Dabei gibt es eine Ämterhierarchie: Junge Paare übernehmen zunächst niedrigere Ämter, dann mittelhohe und schließlich die höchsten Ämter des Dorfes. Diese Abfolge wird in Aymara thakhi genannt, was Weg oder Weg des Lebens bedeutet. Die Ausübung von Ämtern ist immer zeitlich begrenzt (in der Regel auf ein Jahr). Ihre Übernahme ist auch keine freie Entscheidung, sondern eine Verpflichtung, der man sich nicht entziehen kann (teilweise sind sogar die Landrechte, d.h. die Lebensgrundlage, an die Übernahme von Ämtern gekoppelt). Die Ausübung der Ämter bedeutet nicht nur Arbeit, sondern auch erhebliche Kosten, weil etwa die in der Amtszeit im zu verantwortenden Bereich anfallenden Versammlungen im Hause des Paares stattfinden und dabei alle TeilnehmerInnen verköstigt werden müssen. Da traditionell aber alle Mitglieder der Comunidad die verschiedenen Ämter übernehmen müssen, kommen auch alle mal „dran“. Zwar ist bei den meisten traditionellen Ämtern festgelegt, ob es von einem Mann oder einer Frau ausgeübt wird. Doch wenn ein Mann ein hohes Amt in der Gemeinschaft ausübt, übernimmt seine Frau ein komplementäres, das ähnliches Prestige bedeutet.
Spannend ist in der vorliegenden Studie die Darstellung der Veränderungen in der Ämterstruktur, die sich durch vom Staat durchgesetzte gesetzgeberische Reformen ergeben. Andrea Blumtritt zeigt dies am Beispiel der Agrarreform von 1953 und dem „Gesetz über die Volksbeteiligung“ aus dem Jahr 1994. So wurden durch die Agrarreform mit den cooperativas (in traditionellen Gemeinschaften) und sindicatos (auf ehemaligem
hacienda-Land) neue Strukturen und Ämter in den Dörfern geschaffen, die außerhalb des traditionellen Ämterwesens liegen. Die neuen Vorstandsämter in den cooperativas und sindicatos werden nicht jährlich wechselnd von einem Paar übernommen. Vielmehr sieht die vom Gesetz vorgeschriebene Struktur vor, dass dafür Individuen gewählt werden. Die Wahl fiel bzw. fällt dann in der Regel auf die Personen, die gut auf Versammlungen reden können. Da dabei aber traditionell die Männer für das Paar sprachen, wurden lange nur Männer in die neuen Ämter gewählt, Frauen blieben in den neuen Institutionen außen vor. Eine ähnliche Folge hatte das „Gesetz über die Volksbeteiligung“. Dies gab den Gemeinden eine größere Autonomie und erhebliche finanzielle Mittel, die sie selbst verwalten konnten. Da es für die Formulierung von Anträgen und Haushaltsaufstellungen oder die Anfertigung der Abrechnungen bestimmter Kenntnisse bedarf, werden nun in der Regel Personen als Bürgermeister oder Gemeinderäte gewählt, die über eine formelle Ausbildung verfügen. Da dies nach wie vor überwiegend Männer sind, ist auch bei den neu gewählten Dorfautoritäten der Männeranteil sehr hoch, wenn auch nicht mehr ganz exklusiv. Aber insgesamt haben zwei Reformvorhaben, die aus linker Perspektive durchaus begrüßenswert waren, in den Aymaradörfern zu einem Herausdrängen von Frauen aus öffentlichen Funktionen geführt – Modernisierung bedeutete also Anpassung an die westliche Ausprägung patriarchalischer Strukturen.
Wie verändern sich die Geschlechterverhältnisse nun unter den Bedingungen der Migration nach El Alto, wo das agrarisch geprägte Modell der Geschlechterdualität erst recht durch „moderne“ Strukturen in Frage gestellt wird? Diese Frage untersucht Andrea Blumtritt in einer Serie von Interviews, die sie mit Aymara-BewohnerInnen aus El Alto und teilweise La Paz geführt hat. Aus einer größeren Zahl wählte sie acht Personen aus, deren Biographien und Partnerschaftskonzeptionen sie im Hauptteil des Buches darstellt. Die acht Portraitierten repräsentieren sehr unterschiedliche Lebensrealitäten und Familienstände: eine Schneiderin, die einer gewerkschaftlichen Vereinigung von Händlerinnen vorsteht; eine Marktfrau, die eine wichtige Rolle in Folklorevereinigungen spielt; eine alleinerziehende Krankenschwester und Sekretärin; eine alleinstehende Sozialarbeiterin; ein hoher lutheranischer Kirchenfunktionär; eine konservative Lokalpolitikerin; ein erfolgreicher mittelständischer Unternehmer und eine unter prekären Bedingungen lebende verheiratete Hausfrau.
Interessant ist, dass fast alle Portraitierten zwar in El Alto bzw. La Paz zu Hause sind, aber weiterhin Kontakt zu ihren Herkunftsgemeinden auf dem Land halten bzw. zu der des Ehepartners/der Ehepartnerin. Die Älteren haben teilweise vor, nach Beendigung ihres Berufslebens dort auch wieder zu leben bzw. pendeln wie die Lokalpolitikerin Lupe heute zwischen El Alto und der Heimatgemeinde. Teilweise sehen sie sich weiterhin als Teil der Dorfgemeinschaft und beteiligen sich auch indirekt am traditionellen Ämterwesen, in dem sie über Verwandte und finanzielle Zuwendungen die Ämter ausüben, selbst aber nur gelegentlich, etwa zu den wichtigen Festen, ins Dorf fahren. Fast alle betonen, dass für sie das öffentlich agierende Paar weiterhin das Ideal darstellt, obwohl es der Lebensrealität der meisten vorgestellten Frauen als Alleinerziehender, allein Lebender oder anerkannter Funktionärin bzw. Politikerin eigentlich nicht mehr entspricht. Sie machen aber deutlich, dass sie neue Wege gegangen sind bzw. ihre Rolle in der Partnerschaft verändert haben, im Falle der Gewerkschaftsfunktionärin María in harter Auseinandersetzung mit dem Partner. Dagegen konnte die Lokalpolitikerin Lupe, die ihre politische Laufbahn auch in Nachbarschaftsvereinigungen und Gewerkschaftsstrukturen begann, ihren Weg machen, weil ihr Mann wegen seiner Arbeitszeiten im Polizeiberuf an den Versammlungen oft nicht teilnehmen konnte und sie im Paar den Part der öffentlichen Vertretung übernahm.
Die in einer Folklorevereinigung hoch angesehene Edita übernahm dort überhaupt erst Ämter, als ihr Mann verstorben war.
Anders als alle anderen Befragten grenzt sich der Kirchenfunktionär vom traditionell-dualen Paarverständnis der Aymara ab. Es sei reaktionär und diskriminierend, Frauen müssten etwa fünf Meter hinter dem Mann hergehen (was im Übrigen nicht stimmt). Er betont, dass in seiner Beziehung Gleichberechtigung zwischen seiner Frau und ihm herrsche. Beim weiteren Befragen stellt sich dann aber heraus, dass er stärker als alle anderen seine Karriere als Kirchenfunktionär und NRO-Mitarbeiter individuell betrieben hat. Seine Frau, die als Händlerin und teilweise auch als Bäuerin arbeitet, ist daran nicht beteiligt, ebenso wenig wie an den Auslandsreisen, die er in seiner beruflichen Funktion unternimmt.
Wie bereits erwähnt, sind mehrere Befragte auch in sozialen und kulturellen Vereinigungen in El Alto tätig. Bei ihrer Beschreibung der dortigen Strukturen wird deutlich, dass hier das als Kollektiv agierende Paar durchaus noch präsent ist. Die in Folklorevereinigungen aktive Edita ging z.B. immer zu den Versammlungen der Vereinigung, hat aber, solange ihr Mann lebte, nie das Wort ergriffen, gesprochen habe immer nur ihr Mann. Auf die Frage, warum sie denn überhaupt zu den Treffen gegangen sei, meinte sie, sie müsse doch informiert sein, um zu Hause mit ihrem Mann zu besprechen, was er beim nächsten Mal sagen solle. BesucherInnen von Versammlungen der Nachbarschaftsvereinigungen bestätigten, dass auch dort Frauen (sie stehen/sitzen meistens auf der einen, die Männer auf der anderen Seite) selten das Wort ergreifen, aber der Diskussion interessiert folgen. Das Wort führen die Männer, zumindest teilweise aber wohl weiterhin nach Absprache mit der Partnerin. Das Verständnis vom gemeinsam entscheidenden Paar wird nach Ansicht von Andrea Blumtritt in den städtischen Organisationen allerdings seltener, es agieren zunehmend Individuen, die für sich allein sprechen.
Insgesamt wird deutlich, wie stark vor allem die Stadt El Alto durch die Traditionen der Aymara geprägt ist, wie eng die Verbindung vieler Alteños und Alteñas weiterhin zu den ländlichen Gemeinschaften ist, wie sie sich aber auch verändern. Andrea Blumtritts Buch ist eine äußerst spannende Studie über Migration und damit einhergehende kulturelle Veränderungsprozesse. Da es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, ist die Sprache naturgemäß akademisch und sind die ausführlichen Interviewpassagen durchweg im spanischen Original ohne deutsche Übersetzung wiedergegeben. Wen das nicht davon abhält, das Buch in die Hand zu nehmen, den/die erwartet eine höchst anregende und aufschlussreiche Lektüre.
Andrea Blumtritt: Die Pluralisierung des Paares – Geschlechtsspezifische Dimensionen von Modernisierungsprozessen im translokalen Raum der Anden, Edition
Tranvia, Berlin 2009, 324 S., 29,80 Euro
Argentinische Realitäten
Die Erzählungen Luisa Valenzuelas
von Gerhard Hammerschmied
Seit den Zeiten Jorge Luis Borges' ist es mit der Rezeption argentinischer Literatur im deutschsprachigen Raum nicht gut bestellt. Nun liegt aber mit einer klugen Auswahl von Erzählungen einer ihrer bedeutendsten Vertreterinnen – Luisa Valenzuela – ein Buch vor, das einen Blick in ihr Werk gewährt, eine Welt voller Überraschungen, phantasievoll, traurig manchmal, doch niemals ohne Humor und kritische Selbstreflexion, voll sprachlicher Eleganz, die niemals Selbstzweck ist. So ist ihre Sicht der argentinischen Lebensumstände zwar schonungslos der Redlichkeit einer Intellektuellen verpflichtet, aber doch barmherzig.
Argentinien, das ist uns großteils Tango, Che Guevara, Evita, Machismo, Steak – und Cordoba 1978.1 Und doch auch Buenos Aires. Wer mag sich da an General Videlas dunkle Sonnenbrille erinnern, die die gnadenlosen Augen eines Diktators verdeckte, der das Verschwinden Tausender RegimegegnerInnen veranlasste und die Verzweiflung und Empörung ihrer Angehörigen im Rausch der Fußballbegeisterung zu ersticken suchte. Esquivels Friedensnobelpreis, Puenzos mit einem Oscar prämierter Film Historia oficial und vielleicht Polanskis „Der Tod und das Mädchen“ sind noch – für uns – einigermaßen lesbare Wegmarken dieses tragischen Abschnitts argentinischer Geschichte.
Im Jahr 1990 meinte man ein Gesetz erlassen zu müssen, das einen Schlussstrich ziehen sollte unter all diese Gräueltaten der Militärdiktatur, indem es alle dafür Verantwortlichen begnadigte. Zum Entsetzen der Überlebenden und Angehörigen der Opfer, aber auch derjenigen, die sich mit ihnen solidarisierten. Woran ließe sich dieser Skandal besser ablesen als an einer Auflistung der „Wohnorte“ des besagten Generals. Und, ehrlich gesagt, hatte man auch etwas mehr Spott als Mitgefühl für die sozial Schwächsten auf den Lippen angesichts dessen, dass dieses Land von einer wirtschaftlichen Krise in die andere fiel.
Wie ist diese Situation anders zu ertragen als mit schwarzem Humor, Phantasie und mit Tango!
Mit eleganten Tangoschritten werden wir somit in das Buch eingeführt, als rhythmisches Einschwingen in eine Lebenswelt, wo sich innerhalb präziser und doch leichtfüßiger Situationsschilderungen erst durch den Akt des Lesens eine neue Dimension erschließt.2 Wie soll man sie bezeichnen, ohne sie zu zerschreiben? Politisches Statement, Kampf für die Gleichberechtigung der Frau, ja gewiss, aber es ist immer mehr als das, keinesfalls jedoch Unergründlichkeit als Pose und wenn schon … Doch davon wird noch zu reden sein.
Der darauffolgende Abschnitt des Buches führt uns in eine erfrischend humorvolle Parodie der Märchenwelt; kein Stein eines Zauberschlosses bleibt auf dem anderen. So erzählt sie von zwei Schwestern, die eine voller Liebreiz, die andere ihrem Schicksal ergeben: „Und so kam es, dass ich jetzt allein im Wald lebe und aus meinem Mund Frösche und Schlangen kommen. Ich habe es nie bereut: Denn jetzt bin ich Schriftstellerin.“
Der Grundton der Erzählungen, die der Sammlung „Waffentausch“ entnommen sind, ist deutlich und direkt politisch und trägt die Narben der Jahre der Gewalt. Laura, die Protagonistin der Geschichte, die der Sammlung ihren Namen gab, lebt in einem goldenen Käfig – und nach und nach werden an ihm und in ihm Spuren eines ganz anderen Gefängnisses deutlich. Selbstverständlich haben wir es hier mit, erzähltechnisch gesehen, kunstvoll verwobenen Textsträngen zu tun, doch welche Fassung soll man der Liebe in Zeiten der Beschwichtigung geben? Valenzuela verschränkt Begehrlichkeiten, Trauma und Alltag und vermeidet es so, sichere Perspektiven vorzutäuschen, die Linien ziehen könnten zwischen der Trauerarbeit und dem Alltag, der das zukünftige Grauen in sich trägt. Und dann erst die Gleichzeitigkeit, die die Chronologie der laufenden Ereignisse hin zu einer Albtraumarbeit des Chronischen durchbricht – bis an einen Punkt, der den Frauengestalten neue Spielräume des Handelns eröffnet.
Der Mitgeselle der Diktatur, der Laura aus den Fängen der Peiniger befreit (aus Herablassung, aus Lust...), sucht angesichts der sich ändernden politischen Verhältnisse das Weite. „Er zuckt mit den Schultern und dreht sich, wie so viele andere Male auch, auf den Fersen um und geht zur Ausgangstür. Sie sieht diesen Rücken, der sich entfernt, und es ist, als ob sich in ihrem Inneren der Nebel ein wenig lichtete. Sie beginnt einiges zu begreifen, begreift vor allem die Funktion dieses schwarzen Instruments, das er Revolver nennt. Und da erhebt sie ihn und zielt.“ Weil sie verlassen wird, weil sie sich rächen will, an ihm, an sich selbst? Wer weiß...
Bis zur Ekstase steigert sich das Erzähltempo, die Intensität der Gestaltungsmittel, in dem den Band abschließenden Kurzroman „Argentinische Bettrealitäten“. Manches an persönlichem Erleben Valenzuelas aus der Zeit unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil ist in diesen Text eingeflossen. Erschöpfung, Schuldgefühl, Allzuvertrautes bis zur Fremdheit, das Besitz ergreift, schonungslos. Loszuschreibendes, von den tiefsten Winkeln des Empfindens her. Ein Landhaus, ein Truppenübungsplatz, der Umsturz. Man fühlt sich an Fernando Arrabals Picknick im Felde erinnert, an Kafka – und an eine Realität, die es dennoch zu gestalten gilt. Und am Ende auch ein Tango... darin ein Innehalten zwischen zwei Figuren des vereinten Unvereinbaren.
Hervorzuheben ist schließlich die gelungene Arbeit der Übersetzerinnen, die einen guten Weg zwischen Texttreue und Kreativität gefunden haben.
1) Bei der Fußball-WM 1978 unterlag der amtierende Weltmeister BRD am 21. Juni in Córdoba der österreichischen Auswahl mit 2:3, ein Datum, an das in Österreich bis heute gerne gedacht wird, während es von bundesdeutschen Fußballfans lieber verdrängt wird.
2) Die Erzählung „Tango“ von Luisa Valenzuela ist in der Übersetzung von Erna Pfeiffer in der ila 226 (Juni 1999) erschienen.
Luisa Valenzuela: Feuer
am Wort. Erzählungen, Übersetzung: Helga Lion,
Erna Pfeiffer, Julia Schwaighofer, Eva Srna und Birgit Weilguny, Edition
Milo im Drava Verlag/Zalozba Drava, Klagenfurt/Celovec, 2008 291
Seiten, ISBN: 978-3-85435-558-8 Preis: Euro 24.80
Land der ungeduldigen Jammerer
„Deutschland mit anderen Augen“: Erfahrungsberichte
von Menschen mit Migrationshintergrund
von Britt Weyde
Im Ende Juni vorgestellten CDU-Wahlprogramm heißt es, Deutschland sei ein „Integrationsland“. Dass wir in einem Einwanderungsland leben, ist bei den ChristdemokratInnen noch immer nicht angekommen. Mit dieser begrifflichen Spitzfindigkeit wird unmissverständlich klar gemacht, dass die „Zugewanderten“ (auch so ein Wortungetüm, statt von Einwanderern zu reden) in die Pflicht genommen werden müssen, dass sie es sind, die sich zu integrieren haben. Zu der Annahme, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist, in dem sich beide Seiten aufeinander zu bewegen und voneinander lernen sollten, kann sich die Volkspartei nach wie vor nicht durchringen. Doch was kümmert uns die CDU? Erhellender sind da schon die Aussagen der 20 „Menschen mit Migrationshintergrund“, die in dem von Ulrike Bartels, Claudia Heib und Daniela Ristau herausgegebenem Buch „Deutschland mit anderen Augen“ ihre Meinung zu Deutschland, „den Deutschen“ und Integration kundtun. Die Porträtierten kommen aus fast allen Kontinenten, sind AkademikerInnen (also genau die „besten Köpfe der Welt“, die sich die CDU im Wahlprogramm so sehr wünscht), viele von ihnen in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, wo sich auch die HerausgeberInnen beruflich verorten.
Wer selbst in internationalen Zusammenhängen arbeitet, beruflich oder privat interkulturelle Erfahrungen sammeln konnte, sieht in den Berichten eigene Erfahrungen widergespiegelt, die von den Porträtierten mitunter recht amüsant formuliert werden: „Ich empfand es als eine regelrechte Gemeinheit, dass ich von ihr mit einem Käsebrot abgespeist wurde, während sie, als sie in Ecuador war, von uns reichlich verpflegt wurde,“ kommentiert die Ecuadorianerin Elisabeth Sáenz deutsche Essgewohnheiten. Einige der Porträtierten sind schon seit über 30 Jahren in Deutschland und stimmen in ihren Aussagen überein, dass in den 70er Jahren vieles einfacher war. Sie galten zwar als Exoten: „Wenn die Kinder nach Hause gingen und erzählten ‚Unser Lehrer ist Neger', dann kamen die Eltern am Anfang oft in die Schule, um zu gucken, weil sie es nicht glauben konnten“, berichtet Jojo Cobbinah aus Ghana. Doch er fühlte sich gebraucht und akzeptiert. Ende der 70er Jahre verlor er seinen Job, da mittlerweile viele – deutsche – LehrerInnen arbeitslos waren. Ab da galt: Deutsche zuerst – bei der Besetzung von Arbeitsstellen.
Aufschlussreich sind die Einschätzungen zu Freundschaften und zur Kommunikation in Deutschland, deren Direktheit häufig brutal und verletzend wirken kann. Der hierzulande vorherrschende Individualismus wird von den meisten InterviewpartnerInnen ambivalent bewertet: Zum einen schaffe er Freiräume und Selbstentfaltungsmöglichkeiten; gleichzeitig gebe es dadurch wenig Gemeinschaft und Gemeinsinn; auch der fehlende Sinn für Familie wird von vielen bedauert. Als Folge davon werden Einsamkeit oder auch Überforderung – gerade wenn Kinder da sind – konstatiert. Als positive Errungenschaft, die es zu erhalten gelte, loben einige der Porträtierten die sozialen Sicherungssysteme.
Interessant ist die Meinung der interviewten Frauen zur angeblich weit fortgeschrittenen Geschlechterdemokratie in Deutschland. Weiwei Zhao aus China findet deutliche Worte: „Was mich noch mehr schockiert, ist, dass viele Männer in Deutschland so konservativ sind. Sie würden ihre Frauen auf keinen Fall so weit unterstützen, dass die Frauen die besseren Berufschancen haben als sie selbst. Heute denke ich, dass Frauen in Deutschland noch weniger Chancen im Berufsleben haben als Frauen in China.“
Auch Elena Muguruza aus Peru ist über die konservativen Geschlechterverhältnisse in Deutschland überrascht: „In Peru ist es beispielsweise selbstverständlich, dass die Frau Karriere macht, ohne Einschränkungen, schlechtes Gewissen und mit vielen Kindern. Hier darf man das nicht“, meint sie. Die Lösung der Karriere-Misere: Hausmädchen. „95 Prozent der Frauen nehmen hier Erziehungsurlaub, wenn sie ein Kind bekommen. In Peru gibt es für die Frauen aus der Mittel- und Oberschicht Hausmädchen.“ Dabei übersieht die Peruanerin, dass auch in deutschen Mittel- und Oberschichthaushalten der Trend zur doch sehr feudalen Beschäftigung von (häufig lateinamerikanischen!) Aupairmädchen, Putzhilfen etc. geht.
Einiges mag sich in dem Buch vielleicht wiederholen, aber bestimmte Aussagen müssen den Deutschen wohl immer wieder eingehämmert werden: Integration ist keine Einbahnstraße. Der deutsche Arbeitsmarkt ist rassistisch segmentiert, er müsste viel durchlässiger werden, indem z.B. Abschlüsse aus dem Ausland anerkannt werden: „Im Vergleich zu Frankreich gibt es in Deutschland bist jetzt so gut wie keinen schwarzen oder türkischen Polizisten. Bei der Jobvergabe sortieren viele Personalbeauftragte eine Bewerbung immer noch direkt wieder aus, wenn der Name des Bewerbers ausländisch klingt“, so Foued Dya aus Algerien. Fast alle InterviewpartnerInnen stellen sich wie er die Frage, warum in Deutschland so viel gejammert wird: „Wenn zum Beispiel der Bus nicht im Zehn-Minuten-Takt kommt, dann ist die Hölle los.“ Viele finden uns Deutsche ungeduldig. Außerdem müssten sich die Deutschen mehr öffnen, weniger Angst, Misstrauen und Vorurteile haben sowie mehr Berührungspunkte zulassen.
Fazit: ein gut lesbares Buch, bei dem CDU-WählerInnen sicherlich viel lernen können. Für alle anderen hält „Deutschland mit anderen Augen“ nette Wiedererkennungs- und unterhaltsame Aha-Effekte bereit.
Ulrike Bartels, Claudia Heib, Daniela Ristau (Hrsg.), Deutschland mit anderen Augen. Erfahrungsberichte von Menschen mit Migrationshintergrund, Horlemann Verlag, Bad Honnef 2009, 152 S., 14,90 Euro.
Jenseits der Menschenrechte
Die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik
von Sigrid Becker-Wirth
Was ist sechzig Jahre nach der Erklärung in San Francisco aus den apostrophierten Kernpostulaten der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geworden?“, wird im Editorial des Jahrbuchs 2009 des Komitees für Grundrechte und Demokratie gefragt. Die AutorInnen haben die europäische Migrationspolitik und -kontrolle unter die Lupe genommen und analysiert. Die rassistische Prägung der ausgrenzenden und entwürdigenden deutschen Asyl- und Migrationspolitik wird herausgearbeitet. Es wird aufgezeigt, dass der oft vollmundig verkündete humanitäre Anspruch längst durch wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen ersetzt wurde. Nicht die Menschenrechte, sondern das nationalstaatliche Eigeninteresse, erkennbar zum Beispiel an den Ausschlusskriterien der Bleiberechtsregelung, sind der Kompass der Flüchtlingspolitik.
Die irreguläre Migration wird lediglich als Ordnungsproblem und Bedrohung der EU wahrgenommen. Wirtschaftlich unerwünschte Migration muss mit allen Mitteln abgewehrt werden. Im Inneren der EU geschieht dies durch Ausgrenzung der Flüchtlinge in Lagern und durch Abschiebung, an den Außengrenzen durch todbringende Abschottung. Elias Bierdel beschreibt in seinem Beitrag „Auf dem Weg nach Europa, Migration im Frontabschnitt Griechenland“ die Praktiken der oft tödlichen Flüchtlingsabwehr: Die Boote der Flüchtlinge werden durch die Küstenwache abgedrängt, Flüchtlinge werden geschlagen, nackt ausgezogen, auf unbewohnten Felseninseln ausgesetzt. Griechenland ist aber kein Einzelfall. „Derzeit sind die politischen und finanziellen Anstrengungen nicht darauf gerichtet, den Schutz- und Hilfesuchenden einen sicheren Platz anzubieten. Vielmehr
investiert Europa Milliarden in den Ausbau seines Grenzsicherungssystems und damit in die Abschaffung der Menschenrechte“, so Bierdels Resümee seiner Erfahrungen an den EU-Außengrenzen. Die Militarisierung der EU und die Strategien der Abschottung werden in weiteren Artikeln – zum Beispiel Christoph Marischka „Frontex: Im Netz des
EU-Sicherheitssektors“ und Wolf Dieter Just „Flüchtlingsdramen an den EU-Außengrenzen und europäische Menschenrechtsrhetorik“ – gut beschrieben und analysiert.
Ein Beitrag hat es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, denn hier kommt ein Betroffener selbst zu Wort. Yufanyi Movuh Mbolo, ein aus Kamerun stammender Professor für Forst- und Naturschutzpolitik, engagiert in der 1994 von in Deutschland lebenden afrikanischen Flüchtlingen gegründeten Organisation The Voice und bei der Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten, spricht in seinem Beitrag „'Die Stimme' der Toten und derjenigen, die noch sterben werden“ mit aufrüttelnder Sprache und politischer Klarheit aus eigener Erfahrung.
„Unsere tiefste Angst ist nicht nur, dass wir unzulänglich sind. Vor allem besteht die Angst darin, dass die Mehrheit der weißen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit in die Richtung geht, unsere Eliminierung – sei es durch Tötungen in den Händen staatlicher Einrichtungen oder durch die Abschiebung – stillschweigend zu akzeptieren.“ (S. 145)
Die 14 Beiträge des Jahrbuchs sind, wie fast immer in einem Sammelband, von unterschiedlicher Qualität. Alle Artikel sind jedoch lesens- und empfehlenswert, einige leider etwas zu akademisch und distanziert.
Das Buch gibt einen guten Ein- und Überblick über die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik. Ausgewählte Texte können in der Schule und in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden.
Komitee für Grundrechte und Demokratie (Hrsg.), Jahrbuch 2009, Jenseits der Menschenrechte, Die europäische Flüchtlings- und
Migrationspolitik, Verlag Westfälisches Dampfboot, 279 Seiten, 19,90 Euro
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