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Literatur - Special

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Rückwärts voran
Die wilden Detektive – Roberto Bolaños 
monumentaler Roman der Verweigerung
von Erich Hackl

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Angenommen, es gibt sie: die lateinamerikanische Literatur als Ganzes und nicht nur als Summe nationaler Literaturen, der argentinischen, der chilenischen, der bolivianischen, der venezolanischen, der aus Panama oder Guatemala. Dann könnte man sagen, dass sie tief in der Krise steckt, und als Beweis die vielen kalkulierten Bestseller anführen, ob sie nun von Isabel Allende oder Laura Esquivel, Zoe Valdés oder Laura Restrepo stammen. Oder, schlimmer, von Leuten wie den Mexicanern Jorge Volpi und Ignacio Padilla, deren mit Tiefsinn aufgepumpte Romane die Erfolgsschwarten der genannten Frauen an sozialer Blindheit noch übertreffen: blasse Konstrukte, die jeder Wahrscheinlichkeit entbehren, sich als realistisch ausgeben und doch nicht mehr Realität enthalten als den Scheck mit den Vorschüssen ihrer Verleger. Es gibt Kritiker, die billigen ihnen zu, gegen „lateinamerikanische Klischees“ anzuschreiben, bloß weil sie ihre Traktate neuerdings in Deutschland oder Österreich ansiedeln, Kabbalismus mit Sturmscharen verrühren und Lebensläufe für auswechselbar halten, postmoderne Darwinisten, die sie sind.

Der gebürtige Chilene Roberto Bolaño ist die Ausnahme, die diesen Trend bestätigt. Von ihm sind auf deutsch bisher die Romane „Die Naziliteratur in Amerika“ und „Stern in der Ferne“ erschienen. Ersterer listet in Form eines Lexikons rechtsextreme Schriftsteller auf, die der Faszination für avantgardistische Verfahren und faschistische Untaten erliegen. In „Stern in der Ferne“ hat Bolaño eine dieser fiktiven Biographien – die des Dichter-Piloten Carlos Wieder – in einen Kriminalroman verwandelt. Alles darin ist erfunden, aber fast alles hat sich vor und während der Herrschaft Pinochets ganz ähnlich zugetragen. Bolaño schreibt leidenschaftlich, versagt sich jedoch jedes moralische Urteil. Dafür lernt man eine Menge abstruser Literaten, mit und ohne Werk, kennen. Er findet überhaupt nichts daran, die poetische Obsession zum Gegenstand seines Schreibens zu machen, und sein Können erweist sich darin, dass diese Besessenheit auf den Leser übergreift.

Dies gilt auch für Bolaños Roman „Die wilden Detektive”, der 1998 auf Spanisch veröffentlicht wurde. Auf knapp 700 Seiten schildert er die Umtriebe einer Sekte junger Dichter, die im Mexico der siebziger Jahre angetreten sind, den etablierten Autoren den Garaus zu machen. Sie nennen sich Realviszeralisten, und die Bezeichnung deutet an, dass es ihnen um den zärtlichen, hässlichen, abstoßenden, bis ins Herz der Menschen dringenden Realismus geht, um eine Kunst, der alles gestattet ist und zweierlei verboten: Gleichgültigkeit und Erfolg. Die Realviszeralisten erkennen die Trennung von Dasein und Werk nicht an, und auch wenn ihnen die Literatur wichtiger ist als alles andere, sind sie dem Leben auf eine hellsichtige, selbstzerstörerische Art zutiefst verbunden. 

Der Erzähler überlässt es Augenzeugen, von sich selbst und von den beiden Häuptlingen des Realviszeralismus, dem Mexicaner Ulises Lima und dem Chilenen Arturo Belano, zu berichten. Tagebuchaufzeichnungen des jungen Dichters García Madero wechseln mit mündlichen Auskünften einer schier unermesslichen Zahl von Dichterinnen, Dealern, Huren, Psychopathen, Kellnerinnen, Reportern, Tagedieben und Lebenskünstlern – unter ihnen erfundene wie real existierende Männer und Frauen, Unbekannte und Berühmtheiten. Den eigentlichen Protagonisten, eben Lima und Belano, folgt der Roman über zwanzig Jahre bis in die unmittelbare Gegenwart, wo der eine offenbar stirbt, der andere in den Wirren des Bürgerkriegs von Sierra Leone zum letzten Mal gesichtet wird. Aber noch einmal, im letzten Teil des Romans, kehren wir zurück in die siebziger Jahre, folgen den wilden Detektiven auf einer irrwitzigen Reise durch Sonora, die wüstenhafte Region im Norden Mexicos, wo sie eine Avantgardistin der zwanziger Jahre suchen, Cesárea Tinajero, Dichterin ohne Werk, Randfigur der estridentistas – eines „armseligen, unfreiwillig komischen Haufens“ von Künstlern –, die irgendwann verschwunden ist und von der nichts bleibt als ein rätselhaftes, bei näherer Betrachtung höchst banales kalligraphisches Gedicht.

„Die wilden Detektive“ ist vieles in einem: der große Roman über die 20-Millionen-Stadt Mexico, deren Vielfalt sich angeblich literarisch gar nicht mehr fassen lässt und die auf den Seiten dieses Buches doch plastisch aufersteht; die Chronik einer Generation lateinamerikanischer Jugendlicher, die in den siebziger Jahren die erträumte Revolution anstreben, ohne zu wissen, dass diese schon gescheitert ist; ein über vier Kontinente und zwanzig Jahre laufendes road movie, in dem es nicht auf das Ziel ankommt. So ist es auch kein Zufall, dass einer der Dichter im Rückblick die Realviszeralisten mit dem Film „Easy Rider“ in Verbindung bringt: „Ungefähr so waren wir damals auch. Jedenfalls Ulises Lima und Arturo Belano, bevor sie nach Europa gingen. Wie Denis Hopper und sein Spiegelbild: zwei Schatten, kraftvoll und schnell. Und manchmal sah ich sie mir an und überlegte, trotz aller Zärtlichkeit, die ich für sie empfand: Welches Theater wird hier eigentlich aufgeführt? Was für ein Betrug, was für eine Art kollektiver Selbstmord ist das? Und eines Abends, kurz vor Neujahr 1976, kurz bevor sie nach Sonora gingen, begriff ich, dass dies ihre Art war, Politik zu machen.“ Eine Politik der Verweigerung, ließe sich sagen, Verweigerung allem und jedem gegenüber.

 Betrachtet man heutige Verhältnisse, in und außerhalb der Literatur, dann erscheint einem diese versteckte Botschaft wie ein Akt bodenloser Subversion. Bolaño ist sich dessen auch bewusst; einem spanischen Schriftsteller legt er folgendes Urteil über seine heutigen Kollegen in den Mund: „Sie arbeiten viel, viel härter als die von früher! Aber sie sind auch unendlich viel vulgärer. Und sie führen sich auf wie Unternehmer oder Gangster. Nie im Leben würden sie sich gegen irgendetwas stellen, und wenn, dann gegen das, wogegen sich zu stellen opportun ist, sie achten peinlichst darauf, sich keine Feinde zu machen, oder aber sie suchen sich für diese Rolle die Allerwehrlosesten aus. Und so öffnen sich ihnen, unaufhaltsam, nach und nach sämtliche Türen. Und so plätschert die Literatur dahin. Was als Komödie beginnt, endet unfehlbar als Komödie.“

Diese Verachtung der herrschenden Zunft lässt an Schriftsteller wie Saramago, Grass oder Múñoz Molina denken, die schreibend offene Türen einrennen und dabei behaupten, diese seien mit Sicherheitsschlössern dreifach gesichert. Nun könnte man dagegenhalten, dass es bei gesellschaftlichen Anliegen immer auch um Wirkung geht und dass die Weigerung, sich ins Gespräch zu bringen, in Schweigen und Vergessen endet – so wie Cesárea Tinajero dort oben in Sonora, auf einer staubigen Landstraße, auf dem Beifahrersitz eines Ford Impala endet. Aber ein solcher Einwand kümmert den Autor ebenso wenig wie seine über die ganze Welt verstreuten Helden. Er und sie schreiten ja rückwärts voran, mit dem Gesicht nach hinten, der Geschichte zugewandt und dem Traum. Diese Art der Fortbewegung gilt es zu retten. „Alles übrige war nicht wichtig.“

Trotz seiner vielen Anspielungen, die Kenner des mexicanischen und spanischen Literaturbetriebs erheitern, ist der Roman überall lesbar. Er braucht nicht entschlüsselt zu werden, er sprengt seinen zeitlichen und geografischen Rahmen. Trotzdem schadet nicht der Hinweis, dass mit den Realviszeralisten die so genannten Infrarealisten gemeint sind, die um das Jahr 1975 in Mexico-Stadt ihr literarisches Unwesen trieben, dass für Ulises Lima der früh verstorbene Dichter Mario Santiago Pate stand und dass sich hinter Arturo Belano der Autor versteckt, der nach dem Staatsstreich von General Pinochet von Chile nach Mexico zurückgekehrt war, ehe er nach Spanien ging, wo er heute auch lebt, in einer Kleinstadt an der Costa Brava, mit dem Rücken zur Kulturindustrie und überzeugt davon, dass „nur das Fieber und die Poesie Visionen hervorbringen./Nur die Liebe und die Erinnerung.“ 

Roberto Bolaño: Die wilden Detektive, Roman, Übersetzung: Heinrich von Berenberg. Hanser Verlag, München 2002, 656 Seiten, 29,90 Euro

Von Erich Hackl ist im September 2002 im Diogenes-Verlag die Erzählung „Die Hochzeit von Auschwitz“ erschienen.

1968 – vom vierten Stock aus gesehen
Der Roman „Amuleto“ von Roberto Bolaño
 von Gaby Küppers

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Mit dem Jahr 1968 verbindet man in Mexico nicht nur die Hochzeit der Studentenbewegung, sondern – und das vor allem – die traumatisierende Erinnerung an deren blutige Niederschlagung. Es war einer Revolte gegen Missstände und Unterdrückung, der sich im Laufe weniger Monate rund 200 000 Studierende angeschlossen hatten. Am 2. Oktober, wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Mexico Ciudad, eröffnete die Armee auf dem Tlaltelolco-Platz das Feuer auf die versammelten DemonstrantInnen. Bei dem Massaker starben mehr als 300 Menschen, nach Regierungsangaben waren es lediglich 30. Zu einer ernsthaften Aufklärung und Strafverfolgung kam es nie. Am 18. September war die Armee bereits in den Universitätscampus eingedrungen, mehr als 700 Studierende und Lehrende wurden festgenommen.

Der Schock jenes 18. September ist Dreh- und Angelpunkt von „Amuleto“ (dt. 2002), des vorletzten Romans des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño (geb. 1953). An diesem Tag sitzt Auxilio Lacouture, Uruguayerin mit einem Faible für die mexicanische Lyrik und gelegentlich Hilfskraft an der UNAM, der Autonomen Universität Mexicos, auf der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Literatur und Philosophie, just als die Militärs das Gebäude stürmen. Auxilio entgeht dadurch der Verschleppung, vielleicht auch dem Tod, gerät aber im Laufe der Stunden, Tage, womöglich zwei Wochen ohne Nahrung in ihrem Versteck in halluzinatorische Zustände. Diese reale Ebene ist jedoch kaum mehr als ein Merkposten, eine Metapher für den traumatischen Moment, von dem ausgehend die mexicanische Geschichte neu gedacht werden muss.

Nicht die Fakten, die Verbrechen jener Tage sind Gegenstand des Romans. Vielmehr erzählt Auxilio von ihrem prosaischen und gleichzeitig vieldeutigen Ort aus jene andere verrückte Geschichte der Hoffnungen, Aufbrüche und Illusionen, auf deren Boden sich die Ereignisse überhaupt erst entwickelten, aber kündet auch von den psychischen und sozialen Beschädigungen, die deren Zerstörung bewirkten. Auxilio, die „Mutter der mexicanischen Poesie“, wie sie, bei allen Dichtertreffen zugegen, sich bisweilen nennt, verwahrt, ja rettet in ihrem Zeit, Raum und Ordnung aufhebenden – kurz: lyrischen – Diskurs die Erinnerung an mehr als eine Generation IdealistInnen, angefangen von den spanischen Exildichtern bis zu den sogenannten Infrarealisten der 70er Jahre, an Maler und politische Aktivisten, von denen im 20. Jahrhundert nicht wenige immer wieder in Mexico Zuflucht gefunden haben. Auxilio, mit vollem Vornamen Auxilio Socorro Amparo Caridad Remedio – alles mit nur leicht ironischem Unterton gewählte Synonyme für Hilfe und Unterstützung aus dem katholischen Namensfundus –, legt mit zahllosen perspektivischen Brechungen das Panorama des politisch-künstlerisch-moralischen Aufbruchs der lateinamerikanischen Jugend Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre aus, erwähnt Personen, zitiert Werke und literarische Motive, deren komplette Auflösung kaum einem Leser gelingen dürfte. 

Bedeutsamer als die exakte Aufdeckung aller Sinn- und Referenzschichten ist aber die auf diese Weise geschaffene Stimmung jenseits einer linearen Handlung. Irgendwann wird Auxilio aus ihrem Toilettenverlies gerettet, doch die Frage, was nun aus ihr wird, verschwindet hinter einer Vision, die den Schlüssel für die vielleicht wichtigste der erzählten Traumpassagen, den Mythos von Orest und Erigone – von Liebe und Tod liefert: Vor Auxilios Augen ersteht ein unendlicher Zug der singenden, ihr Scheitern noch nicht voraussehenden Schar lateinamerikanischer BefreiungskämpferInnen. Ihr Lied ist das Unheil abwendende „Amulett“, das dem Roman den Titel spendet. Eine Hommage somit an eine zerstörte Generation und eine vernichtete Hoffnung und damit aber auch eine „echte Horrorgeschichte... ein Ding aus der schwarzen Serie... die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens“, wie Auxilio ganz zu Anfang und da erst einmal unverständlich verkündet.

Ebenfalls zu Anfang und scheinbar zusammenhanglos erwähnt Auxilio den jungen Arturo Belano, einen chilenischen Dichter aus ihrem Bekanntenkreis. Eben dieser Belano spielte in Bolaños vorherigem, mit dem Romulo-Gallegos- Preis ausgezeichneten Roman „Die wilden Detektive“ (dt. 2002, vgl. Besprechung von Erich Hackl in dieser ila) über die Folgejahre in Mexico eine tragende Rolle. In beiden Romanen ist der Dichter unschwer als alter ego des Autors zu erkennen. Wie Belano lebte auch Bolaño in Mexico, ging unter Allende nach Chile zurück, wurde nach dem Pinochet-Putsch verhaftet und kehrte nach seiner Freilassung nach Mexico zurück. Heute lebt Bolaño in Spanien. Die ProtagonistInnen seiner Romane sind in vielen Ländern zu Hause, und doch hat Bolaño nichts gemein mit jenen AutorInnen, die so genannte universale Themen für ein universal angepeiltes Publikum aufbereiten. Seine Literatur ist historisch konkret verankert, auch wenn die Texte vor allem davon zeugen, was in und mit den Köpfen, und weniger, was an Fakten geschah. Sie ist engagiert – zeitgeistuntypisch, glücklicherweise.

Roberto Bolaño: Amuleto, Ü: Heinrich von Berenberg, Verlag Antje Kunstmann, München 2002, 16,90 Euro

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