Home  Wir über uns  Aktuelle Ausgabe  Leseproben  Archiv  Solidarität  Notizen  Termine  TV/Radio  Links   Bestellungen

Literatur - Special

  Inhalt Literatur-Special 

Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben
Exil-ChilenInnen schildern ihr Leben zwischen 
Unidad Popular und der neuen Heimat Österreich
 von Joachim Becker

  Hier bestellen
coverDie Regierungszeit der Unidad Popular war für die 21 chilenischen AutorInnen eine Zeit der Hoffnung und des gesellschaftlichen Engagements. Sie berichten über Alltag, Arbeit und politisches Wirken in den Armenvierteln wie über ein Aufwachsen in materiell gesicherten Mittelklasseverhältnissen und die politische Arbeit an Sekundarschulen und Universitäten, je nach Klassenzugehörigkeit. Dieser Teil der Lebensberichte ist farbig gehalten und oft sehr ausführlich. Über dieser Zeit lag jedoch schon zunehmend der Schatten eines drohenden Staatsstreichs. Hierauf waren die Parteien der Linken, wie mehrere der AutorInnen anmerken, nur unzureichend vorbereitet.

Der Putsch am 11. September 1973 zerstörte die Hoffnungen, gab den Lebenswegen eine ganz andere Richtung. Die Periode nach dem Staatsstreich war durch Angst, Untergrundarbeit, Verfolgung und oftmals schwere Folter gekennzeichnet. Das in der Haft Erlittene war oft so traumatisierend, dass viele der Misshandelten auch mehr als ein Vierteljahrhundert nicht darüber schreiben konnten. Das Exil bedeutete das Ende der politischen Verfolgung in Chile, aber auch die Aufgabe der bisherigen Lebensperspektive und des Verwandten- und FreundInnenkreises. Nicht alle der AutorInnen kamen direkt in das Österreich der sozialdemokratischen Regierung Bruno Kreiskys. Manche flohen erst ins benachbarte Argentinien. Doch der rechte Terror noch während der Amtszeit von Isabel Perón und später während der Militärdiktatur machten den Staat am Río de la Plata zu einem unsicheren Aufenthaltsort. Eine weitere Flucht wurde erforderlich.

Was die Exilierten in Österreich erwartete, wussten sie nicht. Der unmittelbare Eindruck war meist trist, denn die erste Etappe war das Flüchtlingslager Traiskirchen, das die gerade der Diktatur Entkommenen an andere Lager erinnerte. „Und dann blieben wir vor dem Tor des Lagers Traiskirchen stehen: eine Absperrung, Bewaffnete, kaum eine Beleuchtung, Geräusche. Alles war unheimlich.“ So erinnert sich María Martínez an ihre Ankunft. Die Zeit in Traiskirchen schildern alle als bedrückend. Erst mit dem Umzug in andere Flüchtlingsheime oder Wohnungen hellte sich der Alltag etwas auf. Doch die Perspektive des Alltags war unklar. „Wir hatten unser ganzes Leben zurückgelassen,“ so María Teresa Gallardo, „in unserer Existenz hatte sich eine Klammer aufgetan und wir wussten nicht, wann wir sie schließen könnten. Wir mussten versuchen, unser Leben zu normalisieren. Es war notwendig, die Sprache zu lernen und zu verstehen, wie das Land organisiert ist. Alles war sehr schwierig und manchmal fragten wir uns, ob das überhaupt sinnvoll ist, da wir doch nur vorübergehen da sein und bald in unsere Heimat zurückkehren würden – aber wann? Vielleicht schon im nächsten Jahr? Aber die Jahre vergingen und in unserer Heimat kam die erhoffte Veränderung nicht zustande.“

Dies hieß, sich zumindest einen Lebensunterhalt zu suchen. AkademikerInnen und StudentInnen konnten bei der Lohnarbeit nicht dort weitermachen, wo sie in Chile aufgehört hatten. Sie mussten sich in der Regel mit weit weniger anspruchsvollen Tätigkeiten bescheiden. Nur wenige konnten – nach großen Anstrengungen – in der Arbeitswelt aufsteigen. Für viele bedeutete der Arbeitsalltag oftmaligen Stellenwechsel. Für die Generation der Exilierten zeigte sich Österreich – zumindest in dieser, oft aber auch in anderer Hinsicht – als ziemlich geschlossene Gesellschaft. Auch andere Facetten des Alltags bargen große Herausforderungen, eher implizit erkennbar wird ein hoher Anpassungsdruck. 

Mit der Situation des erzwungenen Exils wurde sehr unterschiedlich umgegangen. Manche nutzten die Hilfestellung der Wiener Sozialdemokratie für ihre GenossInnen, andere wollten bewusst ihren eigenen Weg gehen. Manchen blieb ihr nicht-chilenisches Umfeld immer fremd, aber auch die Entwicklungen im Chile der sozialliberalen „Concertación-Regierungen“ in der Zeit nach der Diktatur boten ihnen keine Perspektive. „In Chile gibt es keine Revolution mehr“, so Dante Notari. „Wir sind dageblieben, mit dem Wunsch zu gehen. Meine Frau und ich haben uns nicht integriert. Wir haben keine österreichischen Freunde und Freundinnen. Das ist nicht die Schuld Österreichs, aber auch nicht unsere.“ Andere setzten sich mit ihrem neuen gesellschaftlichen Umfeld – bei allen Schwierigkeiten – aktiver auseinander. „Unsere Zeit in Österreich war keineswegs nur negativ,“ markiert Gladys Henríquez diese Gegenposition, „wir haben viele gute Tage gehabt. Hier kamen unsere Enkelkinder zur Welt und in irgendeiner Weise haben wir uns integriert und Wurzeln geschlagen in diesem Land, ohne es eigentlich bemerkt zu haben.“

Das politische Engagement galt Chile, wobei die politische Arbeit unter den ChilenInnen, wie aus den Lebensberichten deutlich wird, alles andere als spannungsfrei war. Hier spielten nicht nur unterschiedliche politische Orientierungen eine Rolle, auch die Wahrnehmungen der Situation in Chile liefen, speziell während der Diktatur, auseinander. Die später Exilierten hatten oft eine skeptischere Einschätzung der Widerstandsperspektiven als jene, die schon länger im Exil waren. Eine kleine Minderheit hat sich über die Exilarbeit hinaus für MigrantInnen oder andere gesellschaftliche Fragen engagiert. Es ist für die meisten der Exilierten ein Leben im Zwiespalt geblieben: „Mit dem Verstand Wienerin, mit dem Herzen als Chilenin“, bekennt Alejandra Olivares. Nur eine Minderheit der AutorInnen kehrte nach Chile zurück. Private Gründe, aber auch politische Perspektivlosigkeit in Chile veranlassten viele, in Österreich zu bleiben. Zuweilen verhindert scheinbar Banales eine (dauerhafte) Rückkehr. Wer chronisch krank ist, kann in Chile mit seiner privatisierten Krankenversicherung nicht über die Runden kommen. Und ginge es nach Versicherungsvertretern und hochrangigen PolitikerInnen, würde in Deutschland und Österreich bald ein Stück Chile realisiert, allerdings nicht das Chile der Unidad Popular, sondern das autoritärliberale Chile mit seiner freien Wahl der Privatversicherung für Krankheit und Pension...

Die HerausgeberInnen Sigrun und Herbert Berger, die während der Zeit der Unidad Popular in Chile arbeiteten, nach dem Putsch ausgewiesen wurden und sich in Österreich für ein demokratisches Chile und die Exilierten engagierten, komplettieren die Lebensgeschichten durch einen sehr informativen Überblick zur Lebenslage der chilenischen Flüchtlinge in Österreich und einen knappen Abriss zur jüngeren Geschichte Chiles. Das sorgfältig edierte Buch ist nicht nur ein Blick auf das schmale Land am Pazifik, sondern auch eine durch lateinamerikanische Erfahrungen geschärfte kritische Sicht der österreichische Gesellschaft.

Sigrun und Herbert Berger (Hg.): Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben. Chilenische Flüchtlinge und Österreich, Wien (Mandelbaum Verlag) 2002, 313 Seiten, 19,90 Euro

Anfang