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Literatur - Special

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Klischeebild einer Killerin
Jorge Francos Roman „Rosario Tijeras“
von Gaby Küppers

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coverEigentlich konnte gar nichts schief gehen. Eine amouröse Dreiecksgeschichte à la „Jules und Jim“, dem legendären Film von François Truffaut – zwei Männer eine Frau. Sie eine femme fatale vom fatalsten: mit lockerem Schießeisen und Dutzenden Toten auf dem Gewissen. Dazu die Szenerie: das kolumbianische Medellín in der heißesten Phase Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, im Milieu der Drogenkartelle. Die Story des 1962 geborenen Jorge Franco über seine Heimatstadt musste einfach ankommen.

Nicht mehr als zehn Seiten braucht der Autor, dann ist im Grunde alles gesagt. Die überaus attraktive Rosario Tijeras liegt auf dem Operationstisch eines Krankenhauses. Den Beinamen „Tijeras“, Schere, trägt sie, seit sie sich einmal dieses Instruments bediente, um sich nachhaltig am verantwortlichen Körperteil eines Mannes zu rächen, der ihr aufgelauert hatte. Irgendwie unappetitlich, findet auch der vor der OP-Tür bangende Erzähler. Aber die Sitten sind rau. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Rosario liegt im Sterben, weil ihr jemand mit genau der Methode heimzahlte, die sie üblicherweise anwendet, wenn ihr jemand auf den Wecker geht: ein Kuss, der vom Schuss weiter unten in den Bauch ablenkt, das war's.

Rosario, aus ärmsten Verhältnissen, vaterlos, Mutter verhasst, großer Bruder vergöttert, tötet, weil sie eine maßlose Wut hat, weil die Drogenbosse sie dafür bezahlen, weil sie sonst nie nach oben käme. Sie ist Killerin, sicaria, in der Szene trotz aller Eskapaden respektiert, glücklicherweise, sonst käme der Roman schließlich nicht auf gute 180 Seiten. So aber folgen wir einer schlichten Chronologie. Rosario leistet sich ihrem Milieu zum Trotz einen Freund aus der Oberschicht, Emilio, der wiederum seinen besten Freund, den Erzähler, in die Beziehung einbringt. Die beiden Jungs aus gutem Hause sind fasziniert, Emilio als Liebhaber, der Erzähler als schmachtender Kumpel. Noch einmal zwei Seiten und man erfährt, dass Rosario die Beiden auch auf ihre Drogentrips mitnimmt, dass die Jungs anfangen, Rosarios Verbrechen zu decken oder gar mitzumachen. Dann tröpfeln die neuen Informationen nur noch und die Handlung lahmt im „Déjà vu“.

Dass die alteingesessene Elite Kolumbiens zunächst arrogant den rasanten Aufstieg der in Geld schwimmenden Drogenbosse unterschätzte, ist bekannt. Auch, dass der Krieg in der Stadt vor allem mit Killern aus den Armenvierteln, den sogenannten sicarios, geführt wurde, amulettbehangenen Jungs, kindlich religiös, die sich als Retter ihrer Familien imaginierten und mit dem schnellen Geld der Mutter einen Kühlschrank kaufen wollten. Die Kids wussten alle, dass es sie irgendwann selbst treffen würde. Er habe verstehen wollen, was in den jungen Killer-Mädchen vor sich geht, sagte der Autor in einem Interview. Und gab dann zu, dass er als an der London International Filmschool gelernter Filmemacher literarisch noch nicht auf der Höhe sei. Immerhin.

Tatsächlich lebt der Roman von einer filmischen Erzählweise. Der Erzähler vertreibt sich vor dem OP die Zeit mit Erinnerungen, das ist das Gerüst. In scharfen Schnittfolgen löst eine Episode die andere ab, um dem zweiten Sieger im Liebeswerben Anlässe zur Illustration seiner ehemaligen Obsession zu geben. Die Klischeekiste wird dabei reichlich geplündert. So schmecken die Küsse Rosarios wie von einer Toten – das sind Visionen! Oder: Rosario sühnt für ihre Verbrechen typisch „weiblich“, denn zur Strafe leidet sie nach jedem Mord regelmäßig an Fressanfällen. Das Ende des Romans ist dann wie im richtigen Leben Medellíns – sonst hätte es das Genre erzwungen: Rosario, die edle Killerin, stirbt. Der Erzähler gibt ihr dann doch keinen letzten Kuss in der Leichenhalle. Er weiß ja, wie der schmeckt.
Die Story traf zielsicher den angepeilten Nerv. 300 000 mal wurde der Roman im Original verkauft, das hat in den letzten Jahrzehnten kaum ein Roman in Lateinamerika geschafft.

Im Jahre 2000 erhielt „Rosario Tijeras“ den Dashiell-Hammett-Preis. Die Verfilmung ist in der Mache. Francos nächster Roman wird wieder ein heißes Eisen behandeln: „Paraíso Travel“ handelt von MigrantInnen in den USA. Da könnte es dann aber tatsächlich brenzliger werden. Die Hochphase der Drogenkartelle ist lange vorbei – stellvertretend hat auch der Erzähler vor der Einlieferung ins Krankenhaus Rosario drei Jahre nicht mehr gesehen. Ihre Freunde – Freundinnen kommen keine vor – aus der Unterschicht sind alle tot. Schaurig-schöne Erinnerung geht da vor Aufarbeitung der wahren Verhältnisse. Die Haltung des Oberschichtjungen ist sicher nicht weit entfernt von der des Lesepublikums. In Sachen Migration wird es da schon schwieriger. 

Jorge Franco: Rosario Tijeras, Roman, Übersetzung: Susanne Mende, Unionsverlag, Zürich 2002, 14,80 Euro

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