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Literatur-Special
Von Vietnam bis Genua
Eine Archäologie der Internationalismusbewegung
von Theo Bruns
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Seattle, Göteborg, Genua – geografische Namen markieren die Anfänge einer neuen internationalen Protestbewegung, nachdem in den grauen 90er Jahren die One World des Kapitals Wirklichkeit geworden zu sein schien. Reichweite, Radikalität und inhaltliche Bestimmung dieser neuen Bewegung sind noch nicht klar erkennbar. Sie in ein Verhältnis zu den Vorläuferbewegungen zu setzen erlaubt nun eine Einführung in die Geschichte des Internationalismus, die der langjährige BUKO-Aktivist Moe Hierlmeier vorgelegt hat.
Vorgeschichte: Für Marx und Engels war klar, dass die Arbeiter kein Vaterland haben. Der – proletarische – Internationalismus gehörte zum Kernbestand ihrer Revolutionsvorstellung. Von wenigen Ausnahmen – wie den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg – abgesehen blamierte sich diese Idee jedoch vor der Realität. Zumal in Deutschland setzte die Arbeiterklasse schon lange vor dem Faschismus das nationale Interesse stets über die Solidarität mit den Klassenbrüdern und -schwestern außerhalb der Landesgrenzen. Sie unterstützte den Kolonialismus im Namen des Fortschritts und stimmte am Vorabend des Ersten Weltkriegs den Kriegskrediten zu. Die kommunistische Komintern hingegen stellte den Solidaritätsgedanken ganz in den Dienst der außenpolitischen Interessen der stalinistischen Sowjetunion.
In den späten sechziger Jahren reformuliert die Außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik einen Internationalismus im emphatischen Sinn. Die Chiffre „68“ steht für den frontalen Zusammenprall einer Protestgeneration mit einer Nachkriegsgesellschaft, die durch aktives Beschweigen der NS-Vergangenheit und „vertuschte Biografien“ (Norbert Frei) geprägt ist. Die obrigkeitsstaatliche Tradition ist ungebrochen, die Kontinuität der faschistischen Eliten kaum angetastet. Hierlmeiers Buch unternimmt es ausdrücklich, die „Legitimität von 68“ zu verteidigen. In der dichten Beschreibung jener weltweiten Rebellion, die durch das Gefühl einer ungeheuren zeitlichen Beschleunigung, subjektive Zuspitzung und leidenschaftlichen Überschwang gekennzeichnet war, finden sich die stärksten Passagen des Buches. Angesichts der scheinbaren Ortlosigkeit des Widerstandes in den Metropolen, zumal in der postfaschistischen BRD, gewann die Dritte Welt eine zentrale Bedeutung.
Hierlmeier betont völlig zu Recht, dass im Denken und Handeln jener Zeit „Internationalismus kein Anhängsel war, sondern Erste, Zweite und Dritte Welt eine untrennbare weltweite Totalität“ bildeten. Die Sensibilität für Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse im Trikont und die Überzeugung, dass sich Emanzipation nur im internationalen Maßstab interpretierten lässt, bleiben eine wichtige Erbschaft dieser Zeit. Das zentrale Ereignis jener Jahre war zweifelsohne der Vietnamkrieg. „Mit Vietnam war etwas explodiert“, konstatierte später Klaus Vack. Die Empörung über Flächenbombardements und Napalmeinsatz verknüpfte sich mit einem kulturrevolutionären Aufbruch, der sich vom Mief der fünfziger Jahre abstieß und die nationale Borniertheit abstreifte. Nur von den Rändern, den Marginalisierten aus ließ sich die Revolution denken.
Hierlmeier hebt bei aller Sympathie die Ambivalenzen dieser Bewegung, die nach einem Bohrer-Zitat zwischen „Provokation und Größenwahn“ schwankte, hervor. Kritisch bewertet er ihren Rigorismus, die Verabsolutierung der Militanz, das messianische Endzeitgefühl. Seine schärfste Kritik gilt jedoch der „antizionistischen Wende“ nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967. „Historische Amnesie und moralische Desintegration“ konstatierten rückblickend auch die Revolutionären Zellen in einer schonungslosen Selbstkritik. Ein Antizionismus, der Israel „nicht mehr aus der Perspektive des nazistischen Vernichtungsprogramms“ – also als Zufluchtstätte der Überlebenden des Holocaust –, „sondern nur noch aus dem Blickwinkel seiner Siedlungsgeschichte“ (RZ) wahrnahm, mündete in einem linken Antisemitismus, der selbst vor Aktionen gegen jüdische Einrichtungen und Menschen nicht Halt machte. Es ist die irritierendste Paradoxie der Protestbewegung, dass sie sich durch die Auseinandersetzung mit der „Generation von Auschwitz“ (Gudrun Ensslin) politisierte und der Abscheu über die faschistischen Kontinuitäten ihr Handeln motivierte, sie später aber durch eine Inflationierung und ökonomistische Verkürzung des Faschismusbegriffs eine Geschichtsentsorgung von links betrieb.
Durch die Projizierung auf den Vietnamkrieg wird Auschwitz „ein Zeichen, das auf etwas anderes verweist“, der Holocaust zu einer Leerstelle. In dieser abgebrochenen Auseinandersetzung mag einer der Gründe für die heutige Sprachlosigkeit zwischen „alten“ Antiimperialisten und manchen „Antideutschen“ liegen. Hierlmeiers Fazit ist eindeutig: „Lange vor Walser betrieb die deutsche Linke eine Relativierung des Nationalsozialismus.“
Gegenüber dem kompakten ersten Teil gerät die Schilderung der „Phase II“ der Dritte-Welt-Bewegung etwas blass. Nicaragua-Solidarität und Schuldenkrise stehen nun im Fokus der Bewegung. Christlich inspirierten Gruppen, die sich unter dem Einfluss der Befreiungstheologie politisiert haben, kommt eine wachsende Bedeutung zu. Hierlmeier konstatiert allerdings eine defensive Grundausrichtung des Engagements. Die Dritte Welt habe vor allem als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche gedient, und den neuen sozialen Bewegungen sei es primär darum gegangen, Freiräume zu verteidigen. Eine Einschätzung, die sich mit der Erinnerung mancher AktivistInnen dieser Zeit nicht unbedingt decken wird.
Phase III: Der Epochenbruch von 1989 stürzt die Internationalismusbewegung in eine tiefe Krise. Der Siegeszug des Neoliberalismus scheint unaufhaltsam, das Ende der Geschichte unter kapitalistischem Vorzeichen eingeläutet zu sein. Die „Seite des Guten“ ist verwaist. Im zweiten Golfkrieg und den Jugoslawienkriegen ist eine Solidarisierung nur noch mit den Opfern auf beiden Seiten möglich. Ein explosionsartig anwachsender Rassismus stellt neue Anforderungen an die Linke.
Gleichzeitig schlägt mit dem „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro und dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung die Sternstunde der Nichtregierungsorganisationen und des Lobbyismus. Hierlmeier geht mit der neuen Gestaltungseuphorie hart ins Gericht. Die Dialogorientiertheit der „Runden Tische“ blende Herrschaftsverhältnisse aus und führe zu Entpolitisierung. „Die Abnahme von Gesellschaftskritik und die Zunahme von Gutgläubigkeit“ verlaufe „umgekehrt exponentiell“. Demgegenüber beharrt der Autor auf einer umfassenden Macht- und Herrschaftskritik, die er mit einem Plädoyer für postmoderne und dekonstruktivistische Ansätze verknüpft. Mit dem Aufstand der mexikanischen Zapatistas sei ein neues Politikverständnis, welches mit einer „antiheroischen Haltung“ einhergehe, entstanden. In den neuen Bewegungen nach Seattle sieht er Zeichen der Hoffnung, ohne sich dabei unkritisch auf den schwammigen und problematischen Begriff der „Globalisierungskritik“ zu beziehen.
Das Buch ist „aus der Perspektive eines linken Aktivisten geschrieben, der seine nächsten Irrtümer vorbereitet“. Hierlmeier erweist sich dabei als ein ausgezeichneter Archäologe der Bewegung. Er versteht es nicht nur, komplexe Sachverhalte gestrafft darzustellen, ohne zu simplifizieren, sondern sein ausgeprägtes Gespür für die Knotenpunkte der Debatte garantiert eine jederzeit spannende Lektüre.
Josef
(Moe) Hierlmeier: Internationalismus. Eine Einführung in die Ideengeschichte des Internationalismus – von Vietnam bis Genua, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2002, 180 S., 10 Euro
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