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Literatur - Special

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Papayas und Bananen
Erzählungen aus Zentralamerika
 von Gaby Küppers

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coverZentralamerika ist von der literarischen Landkarte weitgehend verschwunden, und das aus einem außerliterarischen Grund: Nach den Friedensschlüssen, die auch die Hoffnung auf eine umfassende Befreiung aus diktatorischen Regimen dämpften, kehrte in der Region ab Anfang/Mitte der 90er Jahre die unspektakuläre „Normalität“ armer Länder wieder ein, und das hiesige Verlags- wie Leseinteresse wandte sich anderen Weltgegenden zu. Zu Unrecht, wie die in dem neuerschienenen Band „Papayas und Bananen“ versammelten höchst sensiblen und aufschlussreichen Kurzgeschichten beweisen.

Gleich die erste der, so der Untertitel: „erotischen und anderen Kurzeschichten“, „Half-time Helden“ von Justo Arroyo aus Panamá, gibt den Grundton des Bandes vor. Ein zufälliger Kneipenthekennachbar lotet vor dem Ich-Erzähler selbstironisch aus, was Schmerz bedeutet. Witz und Schwermut halten sich die Waage, es geht – wie auch in den beiden folgenden Geschichten – um subjektive Befindlichkeit, Verletzlichkeit und Konstitution des Individuums jenseits des politischen Kontextes, den zu be- und verarbeiten noch zentrales Element der in den 70er und 80er Jahren entstandenen Geschichten war. Jetzt taucht er nur noch in wenigen Texten auf, so bei zwei Geschichten aus Nicaragua, in Lizandro Chávez Alfaro in „Das erste Mal – das letzte Mal“ und Juan Sobalvarros „Warum viele Worte machen?“, sowie in Dante Lianos „Democrash“ aus Guatemala. Chávez Alfaros Geschichte gipfelt in den dramatisch-komischen Folgen einer heimlichen Liebesnacht in einem Guerillacamp; Juan Sobalvarro gibt den Monolog eines mordenden Soldaten wieder; Dante Liano beschreibt die Hilflosigkeit eines Mannes am Wahltag. Nicht ein politischer Konflikt wird hier primär beleuchtet, sondern dessen Auswirkungen auf das Individuum. So auch in Enrique Jaramillos „Der Eindringling“ aus Panama über Beziehungsprobleme und Liebesverlust nach Exil und Trennung.

Männer sind in den Geschichten keinesfalls mehr Helden – weder des Guten noch des Bösen. Machos kriegen ordentlich ihr Fett ab: In Patricia Delgadillos (Nicaragua) „Der Voreilige“ blamiert ein sich aufplusternder Angeber in Sachen Sex selbst, so gut er kann. Bei Eduardo Callejas (Honduras) hat „Der Freischütz“ nicht nur die Blamage zu ertragen, sondern am Ende auch ein echtes Gesundheitsproblem. In „Weihnachtsgefühle“ von Evan X Hyde – im vorliegenden Band werden, ein dickes Lob, Autoren aus dem englischsprachigen Belize einmal nicht unterschlagen – sehnt sich der Ich-Erzähler nach einer Geliebten, doch ist ihm die Pflege des Wunschtraums lieber als die Realität. Um den verweigerten Initiationsritus ins Machodasein, den von den männlichen Familienmitgliedern vorbereiteten ersten Besuch bei einer Prostituierten, geht es in Salvador Canjuras „Eine Nutte für drei“ aus El Salvador. Und die Kehrseite, die verweigerten Erwartungen an Mädchen, zeigt Roberto Castillo aus Honduras in „Anita, die Insektenfängerin“. Dauernd auf der Kippe steht das Machtgefälle zwischen Frauen und Männern in „Fade-out“ von Rafael Menjívar Ochoa (El Salvador). Eine bittere Geschichte aus dem Schwulenmilieu schließlich liefert Mauricio Ernesto Orellana Suárez (El Salvador) mit „Morbus erectus“.

Abgesehen von zwei Ausnahmen – Episoden über die Doppelmoral in der Kolonialepoche – liegen alle Geschichten nah bei der Gegenwart. Literarisch am experimentellsten präsentieren sich Jacinta Escudos (El Salvador) mit ihrem dramatischen, gedichtähnlichen Text „MAMA KELLER blues“ über einen Tochter-Mutter-Hass, der sich am ausgespannten Freund entzündet, und Claudia Hernández (Guatemala) in „Melissa: Spiele 1 bis 5“.

Texte von Frauen stellen fast ein Drittel – ein sehr erfreulicher Fakt – und sind quer über den Band verteilt. Der Herausgeber hat nämlich eine sehr unorthodoxes, aber äußerst fruchtbares Ordnungskriterium gewählt: das Alphabet. Damit sind Alter (Jahrgang 1929 bis 1975), Geschlecht, Themen, Stile und Herkunftsländer zwangsläufig bunt durcheinander gewürfelt. Für die Frage Vergleichbarkeit der zentralamerikanischen Literatur angesichts unterschiedlicher politischer Entwicklungen in den einzelnen Ländern ist das enorm hilfreich, werden doch unkonventionelle Gegenüberstellungen geradezu provoziert.

„Geschichten von der Liebe in den Zeiten des Krieges“ – frei nach García Márquez – schlägt der Herausgeber Werner Mackenbach in seinem empfehlenswerten Vorwort alternativ als Titel vor. Besonders des Spanischen Kundige mögen die Doppeldeutigkeit von „Papayas und Bananen“ bevorzugen, die Alternative aber bringt auf den Punkt, was die neuen Geschichten aus Zentralamerika alle im Kern beinhalten. Auch nach dem Waffenstillstand schmerzen die Wunden weiter, Gewalt ist offen wie latent weiterhin präsent. Gefühle bleiben davon nicht unberührt.

Werner Mackenbach (Hrsg.): Papayas und Bananen. Erotische und andere Erzählungen aus Zentralamerika, Verlag Brandes und Apel, Frankfurt/Main 2002, 19,90 Euro

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