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Literatur-Special
Diskriminierung und Kriminalisierung
Zwei neue Bücher über (amtlichen) Rassismus in D
von Ali Al Nasani
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Mit der gesellschaftlichen und politischen Realität des Rassismus in Deutschland beschäftigen sich zwei Bücher, die trotz ihrer unterschiedlichen Aspekte zusammen gelesen werden sollten. Änneke Winckel schließt mit ihrer Studie über Rassismus gegen Sinti und Roma in Deutschland eine Lücke in diesem Forschungsbereich. Dabei konzentriert sie sich auf die Situation im vereinigten Deutschland, in dem rassistische und diskriminierende Stereotypen gegenüber „Zigeunern“, die ins 19. Jahrhundert und zum Teil bis ins Mittelalter zurück reichen, nahtlos weiter transportiert werden. Sie geht zu Recht davon aus, dass selbst „positive Stereotype“ wie z.B. zugeschriebene Musikalität, im Grunde nur eine Variante von Rassismus sind, da sie von Individuen abstrahieren und unveränderliche biologistische Gegebenheiten annehmen. Vor dem Hintergrund konkreter antiziganistischer Vorkommnisse in Berlin, Bochum, Köln oder Frankfurt beschreibt Winckel diese Funktionsweisen rassistischer Zuschreibungen. Sie beschreibt und dekonstruiert Motive wie Kriminalität, Betteln, Kinderreichtum oder Wanderschaft, mit deren Hilfe Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma bis heute funktionieren.
Winckel schließt ihre Studie mit einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Zeitungslandschaft zwischen 1987 und 2001 ab und weist nach, wie oft gegen besseres Wissen rassistische Stereotypen zur Meinungsmache in der Bevölkerung eingesetzt werden. Dahinter verbirgt sich auch ein politisches und gesellschaftliches Kalkül, da die Verantwortung für die historische Schuld auf Grund der Verbrechen im Nationalsozialismus gegenüber Sinti und Roma von Nachkriegsdeutschland bis heute nicht einschränkungslos übernommen wurde. Im Gegenteil, ihnen wurde sogar mit dem Hinweis, sie seien „asozial“, einerseits eine Entschädigungszahlung verweigert, andererseits die nationalsozialistische Zuschreibung weiterhin angeheftet. Diese auf Abwehr angelegte Politik zeigt sich derzeit ganz konkret in Nordrhein-Westfalen, wo eine Gruppe von mehreren hundert Sinti und Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die Ausweisung in die nicht mehr existente „Heimat“ vor Augen, seit Wochen für ihren Verbleib in Deutschland demonstriert. Vielen Familien droht eine Abschiebung in unterschiedliche Länder, weil der Vater aus Mazedonien stammt und die Mutter aus dem Kosovo (oder umgekehrt). Die ersten Abschiebungen, bei denen Familien auseinandergerissen wurden, haben bereits stattgefunden. Es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass einige dieser Menschen eher untertauchen werden, als sich abschieben zu lassen. Mit diesem Aspekt der Illegalisierten in Deutschland beschäftigt sich das zweite Buch.
Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die sich ohne gültige Aufenthaltspapiere in Europa aufhalten. Allein für Deutschland liegen die Schätzungen zwischen 500 000 und einer Million OhnePapiere. In der allgemeinen Öffentlichkeit werden diese Menschen zumeist mit Kriminellen gleichgesetzt. Diese Stigmatisierung hat jedoch mit der Realität nicht viel zu tun. Erst langsam wird der Politik, die das Thema bisher auf Asyl und Asylverfahren reduziert hat, bewusst, dass es sich bei dem Phänomen um ein Kernproblem von Zuwanderung handelt. Nun haben Matthias Blum und andere unter dem Titel „Die Grenzgänger. Wie illegal kann ein Mensch sein?“ eine Aufsatzsammlung vorgelegt, die sich mit historischen, juristischen und humanitären Aspekten von Illegalität beschäftigt. Die Sammlung umfasst die Vorträge, die im Sommersemester 2001 unter dem Titel „Menschen – Kirchen – Illegale“ u.a. von Kardinal Sterzinsky, Bischof Huber und Albert Schmid, dem Leiter des „Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge“ an der Freien Universität Berlin gehalten wurden. Es wird deutlich, dass Flüchtlinge nicht nur vor politischer Verfolgung, sondern auch vor der Zerstörung wirtschaftlicher und ökologischer Ressourcen fliehen. Globalisierungstendenzen befördern Migration zusätzlich. Die undurchlässige Grenze ist einerseits ein Konstrukt von Sicherheitspolitik, das der Realität nicht entspricht. Andererseits fordert diese Politik jährlich eine ungenannte Zahl von Menschenleben an den technisch hochgerüsteten, auf Abwehr ausgerichteten Grenzen der wohlhabenden Staaten. Im Rahmen der Migration sind vor allem Frauen und Kinder zusätzlich der Gefahr des Menschenhandels und der Zwangsprostitution ausgesetzt. Ebenso zeigt sich auch ein Wandel der Rolle der Frauen, deren Anteil an der Migration steigt. Sie müssen zunehmend ihren Beitrag zur finanziellen Versorgung der Familien leisten. Ein Trend zur Feminisierung von Flucht- und Wanderungsbewegung ist deutlich zu verzeichnen. Diesen Aspekten geht die Aufsatzsammlung nach. Allerdings liegt ein Manko des Buches in der Reduzierung des Problems auf die deutsche Perspektive. Zwar klingt manchmal an, dass es sich beim Phänomen der Illegalität um eine internationale Erscheinung handelt. Eine Betrachtung des Umgangs mit OhnePapieren in anderen Ländern, die teilweise einen ganz anderen Weg in der Behandlung der Thematik gefunden haben, unterbleibt jedoch. Ein Blick auf die Erfahrungen mit Legalisierungskampagnen in Frankreich, Italien, den USA, Spanien oder Belgien wäre sicherlich gewinnbringend für die Diskussion in Deutschland gewesen.
Matthias Blum, Andreas Hölscher, Rainer Kampling: Die Grenzgänger. Wie illegal kann ein Mensch
sein?, Verlag Leske und Budrich, Opladen 2002, 166 Seiten, 12,80 Euro
Änneke Winckel: Antiziganismus. Rassismus gegen Roma
und Sinti im vereinigten Deutschland, UNRAST-Verlag, Münster 2002, 197 Seiten, 14,- Euro
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