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Literatur - Special

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Vom Verschwinden des Autors
Pablo de Santis' Roman „Die Fakultät“
 von Gaby Küppers

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Am Anfang kann eine Handlung jede Richtung nehmen und die Illusion provozieren, dass jeder Weg gangbar ist. Am Ende muss sie absolut zwingend sein“, sagt einer der Protagonisten gegen Ende des Romans. Eine literaturwissenschaftliche Aussage, die der Sprecher buchstäblich am eigenen Leibe spürt. Haben die Figuren eines Romans ein Eigenleben, wie ist das Verhältnis zwischen Schreiber und Beschriebenen, zwischen Fiktion und Wirklichkeit? Hat der Autor Autorität über seine Figuren? Ein Romantitel wie „Die Fakultät“ – übrigens eine literaturwissenschaftliche Fakultät – lässt keine leichte Kost vermuten. Aber sie schmeckt.
Als das eingangs erwähnten Zitat fällt, ist das Ende abseh-, aber immer noch nicht voraussehbar. Bis dahin hat der eigentlich wenig zielstrebige 30jährige, gerade diplomierte Fernando Miró bereits einen langen Weg durch wahrhaft kafkaeske Korridore, Säle und Tunnel in der Universität von Buenos Aires hinter sich. Im dortigen Institut für Nationale Literatur hat er durch Fürsprache seiner Mutter, einer Professorin, eine Stelle als Sekretär bei einem ihrer Kollegen, Prof. Emilioano Conde, bekommen. Conde ist Biograph und Herausgeber des Werks eines gewissen Homero (!) Brocca. Allerdings ist unklar, ob dieser je gelebt hat. Auch seine Werke sind verschwunden. Unversehens gerät der Ich-Erzähler in einen erbarmungslosen Kampf zwischen mehreren Literaturwissenschaftlern um Broccas Werk und die rechte Interpretation. Ein Männerkampf übrigens: Im Roman treten nur zwei Frauengestalten auf, beide sind für die Protagonisten angstbesetzt und werden aus der Geschichte herausgedrängt. Ein Entrinnen gibt es für Fernando Miró spätestens da nicht mehr, als Conde ihn beauftragt, aus den vielen Umschreibungen von Broccas einziger erhaltener Erzählung eine Urfassung zu erstellen. Deren vielsagender Titel: „Substitutionen“. Bald taucht die erste Leiche auf, dazu das erste – leere! – Heft des Autors Brocca. Eine Spur führt in die Psychiatrie, weitere in die zerfallenden Etagen des Fakultätsgebäudes, die bald auch von Wasser überschwemmt werden – eine originelle Variation des Themas der Bibliothekszerstörung, die in der Regel in Flammen aufgehend imaginiert wird. Ein Detektiv – ebenfalls Literaturprofessor –versucht sich an dem Fall, ein Universitätsgericht tagt im Keller. Schachspielartig fallen die Figuren, am Ende stürzt das gesamte Universitätsgebäude in sich zusammen. Esteban Miró entdeckt die Spur, die zum Autor führt. Doch wo sonst keine Zeugen bleiben, liegt die Wahrheit allein bei dem einen Überlebenden. Seine Fiktion ist fortan die Realität.
De Santis' Krimis – vor zwei Jahren erschien auf deutsch: „Die Übersetzung“ – sind weit entfernt von der angelsächsischen Tradition. Weder das Abarbeiten an verbrecherischen Personen oder – moderner: – Strukturen, weder der lonely fighter gegen das Böse oder die detektivische Spürnase stehen im Mittelpunkt. Bei dem 1963 geborenen Argentinier, der als Autor für Comics und Kinderbücher begann, erfolgt auf das Räsel die erneute Verrätselung. Das Spiel mit literarischen Motiven und philosophischen Konzepten – kafkaeske Bibliotheken, das Verhältnis von Wort und Tat wie auch das von Autor, Biograph und Kritiker treibt er auf die Spitze. Doch keine Angst, der Roman ist kein Vorwand zur Entwicklung einer neuen philosphischen oder literaturwissenschafliche Theorie, sondern lediglich Spiel mit dem Arsenal, das die Gattung inzwischen angesammelt hat. 

Pablo de Santis, Die Fakultät, Roman, Ü: Claudia Wuttke, Unionsverlag, Zürich 2002, 223 Seiten, 16,80 Euro

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