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Inhalt
Literatur Special 2003
Einschlagende Blauwale
Neue Erzählungen aus Argentinien
von Gaby Küppers
Wohl kein anderes Land Lateinamerikas hat in den 90er Jahren einen solch rasanten ökonomischen Abstieg erlebt wie Argentinien. In der vor Jahrzehnten noch sechstreichsten Nation der Erde gilt inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung als arm. Gerade die Mittelschicht hat diese Entwicklung lange Zeit nicht für möglich gehalten und daher auch in keiner Weise vorgesorgt. Es fällt ja auch kein Blauwal mir nichts, dir nichts vom Himmel.
Bei Elvio E. Gandolfo fällt aber doch einer. Und zwar in der Großstadt Rosario, mitten am hellichten Tag. Zunächst will keiner etwas merken. Denn ein den geruhsamen Alltag störendes Phänomen passt nicht ins Selbstverständnis, und als er erstmals sichtbar wird, ist die Entfernung noch zu groß, um viel zu hören. Dann, als sich schon keiner mehr retten kann, starren alle nur noch ungläubig gebannt ihrer Zerstörung entgegen. „Der Moment des Einschlags“, Elvio E.Gandolfos mit fast wissenschaftlicher Nüchternheit gezeichnete und dennoch surreale Parabel von der wirtschaftlichen Katastrophe, in die das Land in den letzten Jahren offenen Auges gerannt ist, ist eine der vierzehn in Thema und Stil vollkommen unterschiedlichen Kurzgeschichten, mit denen Burkhard Pohl und der Argentinier Patricio Pron das Panorama der aktuellen Erzählliteratur Argentiniens auffächern. „Zerfurchtes Land“ enthält vierzehn Facetten Argentiniens aus der Feder von jüngeren AutorInnen, die mit Ausnahme von Ricardo Piglia noch nicht oder nur mit Kurztexten ins Deutsche übertragen sind.
Einen gemeinsamen Nenner gibt es kaum – oder vielleicht den, dass die Literatur Argentiniens absolut vielfältig ist. Die Diktatur, wenn auch seit Mitte der 80er Jahre vorbei, kehrt in Guillermo Saccomannos „Haustiere“ wie auch in Sergio Olguíns „Und wurde zur Furie“ wieder. In der ersten Geschichte wirkt sie als unauflösbares Trauma bei den Eltern verschwundener Kinder nach. Bei Olguín bricht sie erst ins Bewußtsein hervor, als ein in einer oberflächlichen Glamourwelt lebendes Model für eine Werbefotoserie dem Sohn eines der Haupttäter der Diktatur begegnet. Und sie weiß sich zu wehren.
Den städtische Gesellschaften weltweit kennzeichnenden Zerfall familiärer Beziehungen beschreibt Martín Rejtman in „Velcro und ich“. Rassismus entpuppt sich ganz allmählich als das Band, das die Familie von „Dennis, Walter, Ryan, Will, Buddy, Henry, Trevor“ bei Anna Kazumi-Stahl gegenüber Außenstehenden zusammenhält. Patricia Suárez' „Herr und Frau Schwarz“ sind zwei deutschstämmige Altnazis, die die argentinische Realität nicht wahrnehmen.
Patricio Pron identifiziert in „Die Singer-Maschine“ Frauenunterdrückung bildlich mit dem Galeerenschicksal – solch eine klassische Inszenierung ist einigermaßen erstaunlich, handelt es sich bei Pron doch um den jüngsten der aufgenommenen Autoren (Jahrgang 1975). Auch Andrés Rivera geht es um Geschlechterhierarchie. Sein „Willy“ hält geradezu erschütternd unbeirrt an deren Fortbestehen fest.
Während hier aus männlicher Feder männliche Dominanz kritisiert wird, entwerfen aus weiblicher Perspektive Cristina Civale und María Farce in ihren Geschichten Frauen als diejenigen, die am Ende doch siegen oder mit einem Happy End belohnt werden.
Ein Merkmal durchweg aller Texte ist die Abkehr von der Beschreibung allgemeiner Verhältnisse und die Hinwendung zu deren subjektiven Auswirkungen. Nicht zufällig sind die Geschichten in Ich-Form deswegen auch in der Überzahl.
Die großartigste darunter ist, so meint zumindest die Rezensentin, Rodrigo Fresáns „Der Zauberlehrling“. Der Ich-Erzähler schafft es locker, jede Theorie über den Aufbau einer Geschichte auf den Kopf zu stellen, indem er Anfang, Ende, Rätsel und Elemente der Lösung in beliebiger Abfolge häppchenweise serviert und dabei trotzdem in Atem hält. Ganz nebenbei, während er unverdrossen Töpfe in einem Londoner Restaurant schrubbt. Und alles nur, weil er als Kind den „Zauberlehrling“ von Walt Disney gesehen hat. Beim Lesen ist ein konstantes Kichern unvermeidbar. Und die Lust auf mehr auch. Burkhard
Pohl, Patricio Pron (Hrsg.): Zerfurchtes Land. Neue Erzählungen aus
Argentinien. Übersetzung: Kerstin Cornils, Stefanie Karg, Klaus Laabs,
Burkhard Pohl, Birgit Wolter, Hainholz-Verlag, Göttingen 2002, 190 S.,
€19,50
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