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Inhalt
Literatur Special 2003
Gehe hin und werde berühmt!
Zwei Romane von Santiago Gamboa
von Gaby Küppers
Ein gewisser Esteban Hinestroza hat es ziemlich gut getroffen im Leben. Er wurde Mitte der 60er Jahre als Kind von UniprofessorInnen in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá geboren, wuchs behütet unter netten Menschen in Medellín auf, war in der italienischen Schule, studierte Literaturwissenschaft, wohnte in Rom und Madrid, von wo er nach Paris umgezogen ist, und verdiente seinen Unterhalt mit Schreiben. Der kolumbiansche Autor Santiago Gamboa auch. Wer würde da den Ich-Erzähler nicht mit dem Autor identifizieren?
Sagen wir also, die Parallelen sind gewollt, und „Das glückliche Leben des jungen Esteban“ ist als Autobiographie zu lesen, die in ein politisches Fresko eingebettet ist. Als frühe Memoiren eines selbst noch jungen Zeitzeugen. Eines, der offensichtlich ein tiefes Bedürfnis hat, sich und sein Land zu erklären. Aus Rückblicken erfahren wir Details über den Beginn der „violencia“, die Ermordung des liberalen Politikers Jorge E. Gaitán und die Ursprünge der kolumbianischen Guerilla. Dann wiederum begleiten wir den jungen Esteban während seiner Umzüge von Stadt zu Stadt und im Alltag unter seinen Mitschülern. Dazwischen finden die großen Weltereignisse statt: Einmal ist es die erste Mondlandung, ein anderes Mal kriegt der Kolumbianer Gabriel García Márquez den Literaturnobelpreis. Das ist soweit noch ganz nachvollziehbar.
Irgendwann in der Buchmitte zieht Estebans Familie nach Europa. Ab da tritt die Landes- und Leutekunde
zunehmend in den Hintergrund. Esteban sieht in einem Schaufensterfernseher noch den Justizpalast in Bogotá brennen und schiebt noch das eine oder andere Zeitzeichen ein, jedoch die Seitenerzählstränge zerfasern immer mehr. Vorrang hat ab jetzt die Auseinandersetzung Estebans mit dem Schreiben (des vorliegenden Romans, ist zu vermuten) und mit Schreibern. Unter uns, die massierte Beschreibung gelehrter Literaturzirkel kann richtiggehend anstrengend sein.
Die erste Hälfte des Buches ist wie getragen von der Absicht, Kolumbien als ein „normales“ Land darzustellen, in dem man ganz „normal“ leben kann. Politik und größere Schicksale werden indessen am Rande referiert, sie greifen nicht wirklich in das Leben des Erzählers ein. Das mag für einen Großteil der KolumbianerInnen durchaus zutreffen. Für die Zeit vor dessen Geburt steht die Figur des Paters Blas Gerardo, eines spanischen Pfarrers, der auf Seiten der Republik gekämpft hat, nach Lateinamerika geflohen, dort weiter politisch aktiv ist und sich schließlich gegen die Soutane und für die Liebe zu dem Dienstmädchen in Estebans Familie, Delia, entscheidet. Das geht nicht ohne Schmalz und wortwörtlichem Blitz und Donner im entscheidenden Moment ab. Ein Griff zur Kitschromansprache, die bei dem bemühten Literaturwissenschaftler eher befremdlich wirkt.
Delia gibt dem Pfarrer zuliebe ihrem Jugendfreund Toño den Laufpass, der darob tief geknickt zur Guerilla geht und von dort Briefe schickt. Das verschafft dem Erzähler die Möglichkeit, im Gewande des Zitators fortan eine Vorstellung vom Wirken der Guerilla zu vermitteln. Die Figur des Federico, ein Freund von Estebans Onkel, zeichnet für die Themen Suizid und dessen diverse Motivationen sowie gut situierte Mittelschichtkids auf der Suche nach Abenteuern. Nach einigen Szenen aus dem Studentenleben kündigt sich mit Aníbal und seinem Bekannten Rodolfo in Madrid das Thema Migrantenleben an, aber da Esteban-Santiago absolut schachbegeistert ist, geht dieser Faden alsbald verloren und es beginnt das Thema Schach. In diesem Spiel nur mittelmäßig bis gar nicht Bewanderte müssen den ausführlichen Bericht der einzelnen Partien eines Schachwettbewerbs über sich ergehen lassen. Dass Rodolfo eigentlich Geheimagent ist und unter seltsamen Umständen stirbt, macht den Roman auch nicht gerade übersichtlicher. Merkwürdig hausbacken nehmen sich daneben die Liebesaffairen Estebans aus. Und immer wieder kommen Makkaroni und Coca Cola auf den Tisch. Ein Feinschmecker ist Esteban definitiv nicht.
Nach dem Erfolg seines – inzwischen auch verfilmten – Romans „Verlieren ist eine Frage der Methode“ hat Santiago Gamboa sich viel, allzu viel vorgenommen. Sein Esteban soll ein literarischer Kopf sein, dem man auch politisch trauen kann. Man erfährt Seite um Seite, dass Esteban sich an Unmengen Zitate, Buchtitel und Autoren erinnern kann. Und dann sagt Delia, das einstige Hausmädchen im Dienst von Estebans Familie, am Ende plötzlich: „Geh hin und werde Schriftsteller, Esteban, Blas und ich werden immer hier sein und auf dich warten ...“ Vielleicht um Esteban zu trösten, wenn ihm ein Lektor den Satz um die Ohren haut.
Die Schlusspassage des vorher erschienenen Romans offenbart ein vergleichbar spießiges Ambiente. Da verlässt der Polizeijournalist Víctor Silanpa mit seiner Kollegin die Redaktion und freut sich kolumbianisch korrekt auf einen typischen Eintopf am Samstag bei Freunden. Zuvor war er Mord, Korruption und Unterschalgung auf die Spur gekommen, sekundiert von einem bauernschlauen, zufällig in den Fall geschlidderten Hobbyassistenten und einer in jeder Hinsicht hilfsbereiten, minderjährigen Prostituierten. Sie kommt ins Bild, nachdem Silanpa – wie ein Schlosshund leidend – seine Dauerliebesbeziehung vor lauter Fall-Lösen ruiniert hat.
Déjà vu und lu? Aber sicher. Keine andere Gattung hat im 20. Jahrhundert eine solche Entwicklung durchgemacht und keine schöpft ihren Unterhaltungswert so sehr aus dem Wiedererkennen und der Abwandlung geronnener Konstellationen.
Silanpa steht in der Tradition einer dritten Generation von Detektiven, die auf eigene Faust handeln. Sie machen das Böse nicht im individuellen Triebtäter dingfest, vielmehr hat es sich in der (oberen) Gesellschaft ausgebreitet. Die Aufklärung führt hingegen nicht zu dem Ziel, eine staatliche Ordnung wiederherzustellen. Silanpa ist Polizeireporter. Er braucht gute Stories. Der Staat bzw. die Regierung stehen selbst am Pranger. Einer aus dem Täterkreis ist ein ausgekocht korrupter Senator. Die Gangster stammen aus der High Society: Baulöwen, Rechtsanwälte, Politiker, aber erfrischenderweise klischeevermeidend nicht aus dem Milieu der Drogenmafia. Eine befriedigende Lösung und eine gerechte Bestrafung der Verbrecher fehlen – abgesehen von tödlichen Abrechnungen innerhalb des kriminellen Spektrums. Soweit ist der Roman lediglich eine Variante der zeitgenössischen Krimikonfiguration mit kolumbianischem Flair.
Eine Überraschung hält Gamboa dennoch bereit. Die Polizei, die den ganzen Roman hindurch irritierend gutmütig und sauber schien, bekommt am Ende doch noch im doppelten Sinne ihr Fett ab. Wie, wird hier natürlich nicht verraten. Santiago
Gamboa:
- Das glückliche Leben des jungen Esteban. Wagenbach-Verlag, Berlin 2002,
399 S., €19,50
- Verlieren ist eine Frage der Methode. Wagenbach-Verlag, Berlin 2001
345 S., € 9,90
Übersetzungen: Stephanie Gerhold,
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