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Inhalt
Literatur Special 2003
Genitalprosa aus Havanna
Pedro Juan Gutiérrez' Roman „Der König von Havanna“
von Erich Hackl
Scheiße, Möse, Möpse, Schwanz, Arsch, Blut, Hunger, Tod, Dreck. Das sind die zentralen Begriffe in einem Roman, den der 52jährige Schriftsteller Pedro Juan Gutiérrez seinem Erstling, der „Schmutzigen Havanna Trilogie“, hinterher geschickt hat. Im Mittelpunkt steht ein junger, fast noch halbwüchsiger Mulatte, der nach seinem Vornamen Reynaldo als Rey, König, der kubanischen Hauptstadt bezeichnet wird. Die Geschichte beginnt mit einer Familientragödie apokalyptischen Ausmaßes und endet mit Reynaldos jämmerlichem Tod auf einer Müllhalde. „Die Aasgeier kamen und zerfleischten ihn nach und nach. Der Schmaus dauerte vier Tage. Sie fraßen ihn langsam. Je mehr er verweste, desto besser schmeckte ihnen das Aas. Und niemand hat je etwas erfahren.“
Zwischen Anfang und Ende passieren etliche Morde im Affekt, Häuser stürzen ein, austretendes Ammoniak sorgt für eine Massenvergiftung, Leute krepieren oder werden um die Ecke gebracht, genauer gesagt, von weit oben aufs holprige Pflaster der Altstadt geworfen. Bauern und Kranke sind da, um übers Ohr gehauen zu werden, Frauen, um gefickt und geschlagen zu werden oder um afrikanische Gottheiten zu beschwören und Touristen anzumachen. Die Stadt ist voll von Nutten, Zuhältern, Transvestiten, Dealern, Wichsern, Straßenmusikanten, Leichenfledderern, Schwarzhändlern und Alkoholikern. „Zudem ein paar unglückliche Frauen, ein paar Alte, ein paar Kinder, die Ärmsten der Armen, die Tag für Tag unablässig um Kleingeld bitten.“ Alle sozialen Bindungen und wirtschaftlichen Strukturen haben sich aufgelöst, der Staat tritt nur mittels Polizeikontrollen in Erscheinung, die Beziehungen zwischen den Menschen sind auf Maß, Merkmal und Funktionstüchtigkeit ihrer Geschlechtsorgane reduziert. Das von Rey „war ein wunderschöner dicker Schwanz von zweiundzwanzig Zentimeter Länge, in der Farbe dunklen Zimts, mit einem schwarzen Glanz“. Wie und wen er damit rammelt, wird über knapp 300 Seiten ausführlich beschrieben.
Der Roman ist also ziemlich pornographisch, ähnelt darin den literarischen Produkten von Gutiérrez' Kollegin Zoe Valdés, die in Europa einige Anerkennung gefunden hat. Anders als sie stellt er sexuelle Triebhaftigkeit aber nicht als Ventil für politische Gängelung dar, sondern als ein Moment mehr im tristen Überlebenskampf aller gegen alle. Und während Valdés indirekt, in ihren Attacken auf Castro und sein Regime, noch moralische Prinzipien zu verteidigen vorgibt, schreibt dieser Erzähler ohne Groll, ohne Zärtlichkeit, ohne Interesse. Irgendwann kommt ein Spruchband mit einer revolutionären Losung vor, als topographischer Verweis, nicht als Bedeutungsträger. Irgendwo stehen Frauen und Männer vor Gemüseständen, staunen über die unerschwinglich hohen Preise und schieben Hunger. „Ein paar alte Leute hofften weiter, die Regierung würde hier und da mal eine Lösung finden. Man hatte ihnen diese Idee eingetrichtert und sie waren von ihr genetisch durchdrungen.“ Es gibt keine Rettung, kein Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit, keinen Anlass, sich mit irgend jemandem zu verbünden. Liebe ist nur als Trieb von Belang, Arbeit als Vorwand, Sprache als Mittel andere zu übervorteilen. „Es gibt Leute, die leben für den Tag. Rey lebte für die Minute, für exakt den Moment, in dem er atmete. Das war entscheidend um zu überleben, und gleichzeitig machte es ihn unfähig konstruktiv zu planen. Er lebte auf dieselbe Weise wie stagnierendes Wasser in einer Pfütze: unbeweglich, verdreckt und in widerlicher Fäulnis verdampfend, sich verflüchtigend.“
Es fällt schwer, sich für diesen Roman zu erwärmen, der kein Mitleid kennt, keinen Humor und keine Hoffnung. Er ist schlampig, beinahe achtlos geschrieben (und von Harald Riemann angemessen übersetzt; eine Heidenarbeit, stelle ich mir vor, im Gemenge dieser genitalen Dödelprosa) und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Man könnte ihn lesen als Havannas aktuellen Stadtroman, bei dem einem – verglichen mit der Lektüre von Cabrera Infantes „Drei traurigen Tigern“ – Hören und Sehen vergeht, und als böses Zerrbild des Neuen Menschen, den Che Guevara gefordert hatte. Provokation und Kalkül halten sich darin die Waage. Vielleicht ist „Der König von Havanna“ auch nur eines jener eher seltenen Exempel faschistischer Literatur. Die Grausamkeiten, in denen er schwelgt, wären demnach nicht der Realität nachgebildet, sondern als Aufforderung gedacht, sie der eigenen Lebenspraxis einzuverleiben.
Pedro Juan Gutiérrez lebt nach wie vor in Havanna. Seine Bücher können in Cuba nicht erscheinen. Diese Information macht uns nicht klüger.
Pedro Juan Gutiérrez :
- Der König von Havanna, Ü: Harald Riemann, Hoffmann und Campe, Hamburg
2003, 287 S., € 19,90
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