|
Inhalt
Literatur Special 2003
Zerstörerische Familienbande
Milton Hatoums Roman „Zwei Brüder“
von Gert Eisenbürger
Der Roman des 1952 geborenen Autors erzählt von einer libanesischen Einwanderfamilie in der brasilianischen Amazonasmetrople Manaus. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis der Zwillinge Yaqub und Omar zueinander und zu den anderen Familienmitgliedern, ein von emotionalen Abhängigkeiten und Verweigerungen geprägtes Beziehungsgeflecht. Das Buch beginnt Ende der vierziger Jahre mit der Rückkehr des inzwischen 17-jährigen Yaqub nach Brasilien. Er hatte mehrere Jahre bei Verwandten im Libanon verbracht und wird nun von seinem Vater Halin in Rio de Janeiro erwartet. Im Lauf des Buches erfahren wir den Grund des Aufenthaltes des Jungen in der fernen Heimat der Eltern. Als beide Zwillinge 13 Jahre alt waren, verletzte Omar den Bruder mutwillig mit einer Glasscherbe, weil Yaqub Zärtlichkeiten mit einem Nachbarsmädchen ausgetauscht hatte, für das sich auch Omar interessierte. Um weitere Tätlichkeiten zwischen den Brüdern zu verhindern, entscheiden die Eltern, einen Sohn zur Familie in den Libanon zu schicken. Auf Intervention der Mutter Sana ist dies nicht der Angreifer Omar, sondern das Opfer Yaqub. Sana liebt Omar abgöttisch, weil der wenige Minuten jüngere Sohn der schmächtigere und hilflosere der beiden Zwillinge war.
Vom Moment der Rückkehr Yaqubs an ist das Verhältnis der beiden Brüder ein einziger Konkurrenzkampf, der letztlich darauf zielt, den anderen zu zerstören. Dabei agieren beide entsprechend ihrem Naturell: Omar laut, roh und (körperlich) gewalttätig, Yaqub ruhig, überlegt, zielgerichtet, aber nicht weniger aggressiv. Omar eckt mit allem und jedem an, fliegt von der Schule, bekommt beruflich kein Bein auf den Boden. Yaqub wird schnell der Klassenprimus, geht zum Studium ins ferne Sao Paulo und macht dort Karriere als Ingenieur.
Während Yaqub eine glückliche Ehe führt, scheitert Omar auch im Beziehungsleben. Er lebt ausschweifend, verbringt seine Nächte meist mit Huren. Die Mutter deckt und finanziert seine Eskapaden, gerät aber außer sich, wenn Omar eine festere Bindung eingehen will. Unter Einsatz aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel gelingt es ihr stets, seine Beziehungen zu zerstören. Omar wütet und randaliert dann, schafft es aber nicht, sich von der Mutter zu lösen.
Der Vater Halin wiederum liebt nur seine Frau und leidet darunter, dass für sie die Söhne, und unter ihnen wiederum Omar, im Mittelpunkt stehen. Er hasst Omar und lässt ihn spüren, dass er ihn für einen Versager und Taugenichts hält.
Die Zwillinge sind nicht die einzigen Kinder Halins und Sanas, vier Jahre nach ihnen kam die Tochter Rânia zur Welt. Auch sie ist Teil jenes von erdrückender Liebe bestimmten Familienkosmos. Ihre ganze Emotionalität richtet sie auf die beiden großen Brüder, die sie beide gleichermaßen vergöttert. Für sie kommt kein anderer als Partner in Frage, so dass auch sie beziehungslos bleibt, obwohl sie von vielen Männern umworben wird. Sie übernimmt später den runtergekommenen Laden der Eltern, den sie modernisiert und wieder auf Vordermann bringt.
Neben der Familie leben im Haus das indianische Dienstmädchen Domingas und deren Sohn Nael. Erst allmählich erschließt sich, dass dieser Nael die Hauptperson des Romans ist: Er ist derjenige, der die Geschichte der Familie erzählt. Außerdem ist einer der beiden Zwillingsbrüder sein Vater, wobei offen bleibt, wer. Mit Yaqub hatte Domingas geschlafen, von Omar war sie brutal vergewaltigt worden.
In diesem Sinne ist „Zwei Brüder“ ein Entwicklungsroman, wenn auch ein untypischer. Er erzählt nicht, wie das bürgerliche Subjekt sich seinen Platz in der Welt sucht und ihn dann selbstverständlich einnimmt. Über die Beschreibung des Lebens der Brüder erschließt sich die Kindheit und Jugend eines Randständigen, nämlich des Sohns des Dienstmädchens, mit dem die Jungs aus der Ober- und Mittelschicht in Brasilien früher gemeinhin ihre ersten sexuellen Erfahrungen machten. Gleichzeitig ist es genau dieser Randständige, dem es als einzigem gelingt, eine autonome Persönlichkeit zu werden, weil er sich von der Familie emanzipieren kann.
Schon als psychologischer Roman wäre „Zwei Brüder“ ein außergewöhnliches Buch. Doch er beschreibt nicht nur das familiäre Drama, sondern ist auch ein Zeitportrait. Während die Familienmitglieder sich das Leben schwer machen, verändert sich Brasilien in den fünfziger und sechziger Jahre grundlegend. Die Wirtschaft entwickelt sich rasant, gleichzeitig tritt die Militärdiktatur auf den Plan und in das Leben der ProtagonistInnen, deren Rollenbeschreibungen sich dadurch grundlegend verändern.
Milton Hatoum, brasilianischer Autor libanesischer Abstammung aus Manaus, ist beileibe kein Vielschreiber. „Zwei Brüder“ ist erst sein zweiter Roman, aber beide Bücher haben es in sich. Erfreulicherweise wurde sein auf Deutsch seit längerem vergriffener erster Roman, der 1992 unter dem Titel „Emilie oder der Tod in Manaus“ erschienen war (vgl. ila 178) kurz nach dem Erscheinen der „Zwei Brüder“ unter dem Titel „Briefe aus Manaus“ neu aufgelegt. Milton Hatoums:
- Zwei Brüder, Ü: Karin von Schwedere-Schreiner, Suhrkamp Verlag, Ffm/M.
2002, 252 S., € 22,90
- Briefe aus Manaus, Ü: s.o., Suhrkamp Taschenbuch, Ffm/M. 2002, 236
S., € 9,-
|