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Inhalt
Literatur Special 2003
Militante Untersuchung
Ein Buch über Krise und Widerstand in Argentinien
von Olaf Berg & Helen Schwenken
Die Übersetzung des in Argentinien 2001 erschienenen Buches des Colectivo Situaciones ist die erste auf Deutsch erschienene Veröffentlichung zu den Aufständen in dem südamerikanischen Land. Sich auf die Spurensuche nach neuen Formen emanzipativer Politik in Argentinien zu begeben ist das Anliegen der AutorInnen. Die Methode ist die der investigación militante, d.h., sie versuchen mit den ProtagonistInnen Reflexionen zu organisieren und festzuhalten, ohne vorschnelle Diagnosen zu stellen. Die Nachzeichnung neueren Überlebens- und Widerstandsverhaltens, das am 19./20. Dezember 2001 kulminierte und zum Ausgangspunkt neuer Praxen wurde, ist in den empirischen Teilen spannend nachzulesen. Beiträge gibt es zur Piquetero-Erwerbslosenbewegung, Stadtteilversammlungen, Plünderungen sowie besetzten Betrieben. Leider bleiben die theoretischen Teile allzu häufig formelhaft und widersprechen z.T. ihren eigenen Ansprüchen.
Exemplarisch sei auf die Kapitel zu den Piqueteros verwiesen. Die argentinischen Medien schufen ein Stereotyp der Piqueteros als Arbeitslose, Ausgeschlossene und Opfer. Legitime Ziele seien, wieder in Lohn und Brot zu kommen und in die Nation inkludiert zu werden. Das Colectivo Situaciones hingegen zeigt, wie sehr diese Interpretation von dem Interesse geprägt ist, jeglichen Widerstand in kapitalistisch-verwertbaren Dimensionen kanalisiert zu denken. Sie interessieren sich weniger für die gewerkschaftlich oder klassenkämpferisch-traditionalistischen Strömungen, denen es v.a. um den Einschluss der Ausgeschlossenen und die Eroberung der Staatsmacht geht, sondern mehr für weniger durchstrukturierte Organisationen, die gesellschaftliche Alternativen mitzudenken versuchen. Sie analysieren scharfsinnig Fallen politischer Repräsentation, zu denen sich auch emanzipatorische Piquetero-Gruppen verhalten müssen. Die Vielfalt in den Kämpfen werde nicht als Chance, sondern Kräftezersplitterung wahrgenommen. Da traditionelle, machtorientierte Strömungen immer wieder eine Einheit anstrebten, versuchten sie die Basis zu disziplinieren, ihr die Radikalität zu nehmen und FührerInnen zu etablieren, die für die Bewegung sprechen. Folge sei, dass die Aktionen berechenbar würden. Der für die RepräsentantInnen zählende Raum ist nicht länger der lokale, sondern jener der politischen Macht. Sie können aufgrund der monopolisierten Kenntnis dieses Raumes der Basis vermeintliche Notwendigkeiten aufnötigen. Vollversammlungen verlieren ihre kollektive Funktion und werden zum Ort der Legitimation für die RepräsentantInnen. Wenn der Prozess so weit fortgeschritten sei, öffneten sich zwar Türen zu Verhandlungen, das Ergebnis könne aber kein anderes als das des Integrationsangebots für die Ausgeschlossenen sein. Sie zeigen eine Dynamik auf, mit der soziale Bewegungen allenortens konfrontiert sind. Ihre These demgegenüber ist, dass Teile der Piqueteros die Existenz als Ausgeschlossene überschritten und – ähnlich den Zapatistas – eine „Würde der Rebellion“ lebten (87). Sie kämpften gegen die entfremdete Arbeitsgesellschaft, Individualismus und Konkurrenz. Allerdings sei diese libertäre Praxis nicht gefestigt, da „sie sich nicht von einem Ort der Macht aus entwickelt“ (94). Die Betonung der Fragilität ist zum einen wichtig um die Piquetero-Bewegung nicht zum neuen unfehlbaren revolutionären Subjekt zu erheben, andererseits ist der Machtbegriff wieder auf staatliche Macht beschränkt. Bei der Analyse der Piquetero-Bewegung gehen sie leider nicht auf das Geschlechterverhältnis ein, obwohl es im Sinne der AutorInnen Neues gäbe: Nicht nur sind 80 Prozent der Piqueteros Frauen, auch gibt es z.T. spannende Ansätze einer Selbstreflexion über das Geschlechterverhältnis innerhalb der Bewegung und Versuche, es nachhaltig zu verändern.
Während die empirische Seite der Texte kenntnisreich und erhellend ist, fällt demgegenüber der theoretische Teil ab. Vor allem das Colectivo Situaciones erweckt den Eindruck, Versatzstücke gerade hipper Theorien, wie die Negri/Hardts, Foucaults, Debords, zusammengewürfelt zu haben. Heraus kommen wortgewaltige Sätze, welche die Inkonsistenz des Gedankengangs nur mühsam verschleiern.
An Begriffen wie Subjekt, Repräsentation, Gesellschaftsstruktur und Fortschritt lässt sich sicherlich Vieles zu Recht kritisieren. Situaciones wenden sich gegen universale Kategorien, beziehen sich aber zugleich auf „die Probleme einer Epoche, d.h. bestimmte für alle existierende Hindernisse“ (189), als ob diese natürlich gegeben wären. Sie ersetzen Subjektivität durch Protagonismus, Struktur durch Situation, Zusammenhang durch Resonanz diffuser Netze und meinen damit dem Problem zu entkommen, dass jede begriffliche Bestimmung ihren Gegenstand erst schafft und damit ein Vorgang der Einschließung und Ausgrenzung ist.
Immer wieder scheint im theoretischen Ansatz der Situaciones eine Gegenüberstellung zwischen dem „konkret Universellem“ der Situation und der Abstraktion der kapitalistischen „politischen Subjektivität“ auf. Was sich da an verkürztem Antikapitalismus anbahnt, offenbart sich in der Analyse der Tauschmärkte.Die Tauschmärkte, deren Anfänge in Argentinien acht Jahre zurückliegen, haben nach dem 19./20. Dezember einen enormen Zulauf verzeichnet und im Jahre 2002 bis zu sechs Millionen regelmäßige NutzerInnen gehabt. Diese explosionsartige Ausdehnung hat mittlerweile zu einer Krise und zur Auflösung vieler Tauschmärkte geführt. Produkte, Dienstleistungen und Wissen werden teils direkt, überwiegend aber über ein „creditos“ genanntes selbstgedrucktes Geld ausgetauscht, das überregional gültig ist. Ein zentraler Gedanke der Tauschmärkte ist es, „die ,Arbeitenden' (die Subjekte) erneut mit ihren ,Erzeugnissen' (den Objekten) zusammenzubringen. (...) Darum zielt die erneute Verknüpfung zwischen Produktion und Verbrauch darauf ab, ein Regulierungskriterium zu etablieren, das der Abstraktionskraft des allgemeinen Äquivalents (des Geldes) widersteht“ um so „mit der Vorherrschaft der vom Markt auferlegten genormten Verteilung zu brechen“ (155). Vergessen scheint dabei, dass die Ausbeutung nicht in der Zirkulation, sondern in der Produktionssphäre stattfindet, indem der Käufer von Arbeitskraft sich den von dieser produzierten Mehrwert aneignet und dass der Tauschakt als solcher die Abstraktion hervorbringt (was sonst macht beispielsweise eine Banane mit einem Haarschnitt vergleichbar?) und nicht das daraus entstehende allgemeine Äquivalent Geld.
Die folgenschwere Verkürzung der Kritik am Kapitalismus auf die Zirkulationssphäre setzt sich im Artikel von Stefan Thimmel fort. Kenntnisreich und durchaus kritisch stellt er die Entwicklung und Krise der Tauschmärkte dar, begrifflich bleibt er unklar.
Die Knotenpunkte im Netz der Tauschmärkte „verstehen sich nicht als reiner Markt, sondern auch als Austauschplatz von Gütern, Produkten und Kenntnissen. Dahinter steckt die Idee eines ,gerechten Marktes', solidarisch und in beiderseitigem Interesse“ (161), heißt es da und mensch fragt sich, was ein „reiner Markt“ wohl anderes ist als jener Austauschplatz. Was den „gerechten Markt“ gegenüber dem „reinen“ auszeichnet, erhellt Thimmels Analyse des Niedergangs der Tauschmärkte: „Das Marktsystem von Angebot und Nachfrage wurde mit zunehmender Größe durch den Einfluss des kapitalistischen Marktes korrumpiert. So wurde z.B. Importzucker im Supermarkt gekauft und gegen Waren oder eben Créditos eingetauscht.“ (165) Die Ausbeutung der ehrlichen Produzenten erscheint als ein Problem der Zirkulationssphäre, wo Spekulanten sich unlauter bereichern. Für die Marktgerechtigkeit ist es jedoch egal, ob die Ware vom Verkäufer selbst produziert wurde oder nur weiterverkauft wird. Nicht ungerechter Handel tritt hier zu Tage, sondern die produktive Schwäche der am Tauschmarkt Beteiligten. Ein Problem der Produktivität, vor dem in ähnlicher Weise auch die „instandbesetzten“ Fabriken stehen, wie in dem erfreulich klaren und kritischen Beitrag von Alix Arnold geschildert.
Wer die Kritik am Kapitalismus auf die Zirkulationssphäre beschränkt, begibt sich in gefährliche Nähe zu strukturell antisemitischen und faschistischen Ansätzen, wie der Geldkritik von Silvio Gesell. Von ihm stammt die Idee des „rostenden Geldes“, das die Geldakkumulation und damit die Spekulation verhindern soll. Im Angesicht der Krise des Tauschmarktsystems wurde versucht, diese Idee in die Tat umzusetzen, wie Thimmel zu berichten weiß. Seine einzige Kritik daran ist die schlechte Vermittlung des Experiments. „Für die meisten Tauschwilligen war der Crédito ein Geld wie unzählige andere Zahlungsmittel auch. (...) Niemand wollte einsehen, dass auch das ,Geld' des Trueque an Wert verliert. Die Menschen fühlten sich betrogen“ (167), was von einem erfreulichem Maß an Rationalität zeugt, möchte mensch hinzufügen.
Die ausführliche Chronologie der Ereignisse in Argentinien von den 1970er Jahren bis heute am Ende des Buches liest sich als Erfolgs- und Gründungsgeschichte emanzipativer (Basis-) Bewegungen, obwohl im theoretischen Teil richtigerweise die Relevanz des Lernens aus Niederlagen (199) hervorgehoben wird. Eine Reihe problematischer Seiten der Linken werden von den AutorInnen weitgehend ausgeblendet, vom Herausgeber Ulrich Brand in der informativen und einordnenden Einleitung jedoch benannt, so etwa das widersprüchliche Erbe des Peronismus. Dieses macht es nötig, sich von korporativen und korrupten Verhältnissen zwischen Gewerkschaftsbürokratie und Staat zu verabschieden und auch dem argentinischen Nationalismus und Patriotismus weitaus skeptischer und kritischer zu begegnen als es im Buch geschieht.
Das Buch ist somit als streitbare Aufforderung zu verstehen, die Ereignisse in Argentinien nicht nur von einer widerständischen Perspektive her zu begrüßen, sondern in die Diskussion um ihre gesellschaftstheoretische Interpretation einzusteigen. Colectivo
Situaciones: !Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. (Hrsg)
Ulrich Brand, Übersetzung: Stefan Armborst, Verlag Assoziation A, Berlin,
Hamburg, Göttingen, März 2003, 224 S., € 14,-
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