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Inhalt
Literatur Special 2003
Mekkin Histri – Geschichte machen
Linton Kwesi Johnsons Gedichtband „Die Neue Wortordnung“
von Malte Schnitger
Der aus Jamaika stammende, in England aufgewachsene Linton Kwesi Johnson (oder einfach LKJ) hat sich auf mehreren Gebieten einen Namen gemacht. Als Dichter, als Reggae-Interpret sowie durch sein politisches Engagement in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Großbritanniens. So liegt auch der inhaltliche Schwerpunkt seiner Gedichte auf der Beschreibung von Rassismus und Diskriminierung der Schwarzen durch Polizei und Gesellschaft.
Ende der 70er Jahre kam der Black Panther-Aktivist auf die Idee, seine Gedichte mit Reggae-Musik zu unterlegen, und schuf damit den sogenannten „Dub-Poetry“1, der daraufhin auch von anderen Dichtern (Musikern), wie Mutabaruka und Benjamin Zepheniah aufgegriffen wurde. Das deutsche Reggae-Magazin riddim bezeichnet ihn als „eine der Kult-Figuren des Reggae“, besonders aufgrund seiner frühen Alben vom Ende der 70er Jahre, die vom Kampf gegen die National Front, von Straßenschlachten und der Armut in den Schwarzenvierteln erzählen.
Seit Mitte der 80er Jahre sind seine Veröffentlichungen rar geworden, sowohl was seine Platten, als auch was seine gedruckte Lyrik anbetrifft. Zum bisher zweiten Mal, nach 1984, werden jetzt in dem Buch: „Die Neue Wortordnung / New Word Hawdah“ wieder Gedichte von Linton Kwesi Johnson im Original und in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Die Ausgabe umfasst die Gedichte des 1991 erschienenen Gedichtbandes „Tings an Times“ sowie der neuesten Platte „More Time“ von 1998. Die 21 Texte finden sich auch auf seinen letzten drei Alben: Making History (1984), Tings an Times (1991) und More Time (1998).
Das Themenspektrum des bekennenden Sozialisten hat sich in den letzten zehn Jahren merklich erweitert. Neben Reflexionen über den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa („Mi Revalueshanary Fren“) auf dem „Tings an Times“-Album finden sich auf „More-Time“ auch Gedanken über Beziehung und Liebe, wie etwa in „Hurricane Blues“. Zusammen mit den Texten von „Making History“ zeigt der Gedichtband so die ganze thematische Bandbreite des Autors und seine dichterische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre.
Johnson hat, wie die meisten Jamaikaner in England, weiterhin eine starke, auch familiäre Beziehung zu seinem Geburtsland, was in seinen Gedichten „Reggae fi Dada“ (Reggae für Vater) und seinem Text über den ermordeten guayanischen Bürgerrechtler und Sozialwissenschaftler Walter Rodney (Reggae fi Radni) zum Ausdruck kommt. Zur Hochform aber läuft er auf, wenn es um sein Paradethema geht: Polizeigewalt und Diskriminierung, so in dem Gedicht „Liesense fi Kill“ (Lizenz zum Töten). Mit Hilfe eines Glossars am Ende des Buches, das Fachtermini, wie etwa die Abkürzungen unterschiedlichster Polizeisondereinheiten, erklärt, erhält man durch seine Texte Einblick in die gesellschaftliche Situation der Schwarzen in England. LKJ fasst die Problematik von „Lizenz zum Töten” in einem Interview von 1997 so zusammen: „In the last 25 years, at least 50 black people have died in police custody, which is a disgraceful record for any democratic country. There needs to be a political will to tackle the issue of rascist and fascist attacks against the Black and Asian communities by terrorists. That, I think, can only be the way forward.“ (In den letzten 25 Jahren sind mindestens 50 Schwarze in Polizeigewahrsam umgekommen, was einen schändlichen Rekord für jedes demokratische Land darstellt. Es fehlt der politische Wille, das Problem der rassistischen und faschistischen Angriffe durch Terroristen auf die schwarzen und asiatischen Gemeinschaften anzupacken. Das, denke ich, ist der einzige Weg der uns weiter bringt.)
Die Originaltexte in diesem Buch sind in der Phonetik des jamaikanischen Englisch (Patra) verfasst, die charakteristisch für Rhythmus und Klang von LKJs Gedichten ist. Die deutsche Übersetzung wird im Anschluß an das Original abgedruckt, nicht wie häufig üblich auf der gegenüberliegenden Buchseite. Damit soll ein ständiges Hin und Herwechseln vom Original zur Übersetzung vermieden werden, was jedem, der nicht Experte in jamaikanischem Patra ist, zwangsläufig passieren würde. Der Übersetzer betont, dass die deutsche Version keinen eigenen literarischen Anspruch erhebt, und tatsächlich kann die Übersetzung nicht das vermitteln, was seine Gedichte an Wortspiel, Melodie und Rhythmus ausmachen. Als Übersetzungshilfe ist die deutsche Version allerdings unerlässlich, da das jamaikanische Englisch geschrieben noch schwerer zu verstehen ist als gesprochen. LKJ-Gedichte muss man hören, geschrieben sind sie nur halb so stark, deswegen empfiehlt es sich die Texte laut zu lesen oder neben dem Buch ein LKJ-Album, besser noch eine Konzertkarte zu erwerben.
Linton Kwesi Johnson:
- Die Neue Wortordnung. New Word Hawdah, Übersetzung: Claus-Ulrich Viol, Agentur Machtwort, Bochum 2002, 136 S.,
€ 12 Euro.
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