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Inhalt
Literatur Special 2003
Lakonischer Chronist
Portrait des guatemaltekischen Autors Rodrigo Rey Rosa
von Jérôme Cholet
Ein junger Mann aus wohlhabendem Hause wird entführt. Eine Bande Krimineller verlangt von seinem Vater Lösegeld und schneidet der Geisel erst den Zeh ab, dann den ganzen Fuß – um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Schließlich kommt es zur Übergabe des Geldes, die Täter tauchen unter, das Opfer wird befreit und muss fortan durch die Straßen humpeln.
Entführungen gehören heute in den meisten Ländern Lateinamerikas zum Alltag. Diese hier ist Thema des Buches „Die verlorene Rache“, dem zweiten Roman des guatemaltekischen Autoren Rodrigo Rey Rosa, der derzeit zum wohl bedeutendsten zeitgenössischen Literaten seines Landes seit Miguel Angel Asturias avanciert.
Eine weitere Geschichte: Ein junger Offizier möchte beim Militär aussteigen, sein Freund bezeichnet ihn als Waschlappen. Er lernt eine Studentin kennen, verliebt sich in sie und wird von ihrem Liebhaber erschossen. Nichts Besonderes? Noch eine: Ein Journalist recherchiert Fälle von Kinderhandel, er wird erschossen, eine Freundin spürt ihm nach und wird auch erschossen. Drei Morde, keiner wird aufgeklärt. Der Rest ist Schweigen.
Auch der neueste Roman von Rey Rosa „Die Henker des Friedens“ ließe sich auf diese Weise reduzieren. Und wären die Werke des jungen Autoren nicht in so eindringlicher Intensität geschrieben, niemand hätte Notiz von ihnen genommen. Sie wären wohl nie in sieben Sprachen übersetzt worden. Doch es ist der strenge und kalte Stil des Autors, ein Klima zu beschreiben, in dem Sicherheit und Geborgenheit Fremdwörter geworden sind, der selbst bei der Lektüre der Übersetzungen noch unter die Haut geht.
Guatemala-Stadt hat unter allen Hauptstädten der Welt die dritthöchste Mordrate. Für das erste Halbjahr 2002 registrierte Amnesty International mehr als 125 Fälle von Einschüchterungen und Angriffen gegen Menschen, die sich für die Menschenrechte und gegen Straflosigkeit einsetzten. Und auch im zweiten Halbjahr hielt dieser Trend an. Unzählige Verbrechen aus der Zeit des Bürgerkrieges warten weiterhin darauf, aufgearbeitet zu werden. „Zur Zeit geraten die Ermittlungen jedoch immer mehr ins Stocken“, weiß auch Rey Rosa, „und die Bevölkerung ist gespalten. Viele würden die Vergangenheit lieber ruhen lassen.“
Seit einigen Jahren erst lebt der heute 42-Jährige wieder in Guatemala. Nachdem mehrere seiner Freunde und Bekannten umgebracht wurden, ging er 1980 ins marokkanische Exil. „Das politische Klima in Guatemala war mir unerträglich“, entschuldigt er sich. Seine Eindrücke aus Marokko hat er unter anderem in dem Roman „Tanger“ niedergeschrieben.
Doch zurück nach Guatemala. Auf dem Land hat die schlecht funktionierende Justiz zu einem Zusammenbruch des Rechtsempfindens geführt. Statistiken belegen, dass sich Fälle von Lynchjustiz besonders dort häufen, wo die Armee während des Bürgerkrieges jahrelang die Zivilbevölkerung brutal unterdrückte und damit die Schwelle zur Gewalt einebnete.
Dass ein guatemaltekischer Schriftsteller Gewalt, Straflosigkeit und Verbrechen zum Thema macht, verwundert also nicht. Für Rey Rosa scheinen sie obligatorisch: „Ich glaube, dass es eine Tradition der Gewalt gibt, von der man sich hier nur schlecht lösen kann.“ Am liebsten sähe er die Entwaffnung der gesamten Bevölkerung, „un desarme general“. Doch ist dies wenig realistisch.
Eine moralisch erneuerte und gerechtere Nachkriegs-Gesellschaft kennen weder die Romane Rey Rosas noch die guatemaltekische Wirklichkeit. Bestes Beispiel dafür ist ein möglicher Wahlsieg des Ex-Diktators Efraín Ríos Montt, der sich heute vor Gericht wegen schlimmster Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Genozid während seiner Regierungszeit in den Jahren 1981/82 verantworten muss. „Seine Kandidatur für die Wahlen im November ist eines der zur Zeit am heftigsten diskutierten Themen“, so Rey Rosa, „meiner Meinung nach dürfte er sich das nicht erlauben. Aber anscheinend gibt es viele, die nicht so denken, insbesondere in der Hauptstadt, und die sind es schließlich, die Capitalinos, die den entscheidenden Ausschlag geben. Auf dem Land hingegen werden viele gar nicht erst zur Wahl gehen.“
In Guatemala wurden Rey Rosas Werke nur wenig gelesen, so berichtet der Autor selbst. Einheimische Kritiker warfen ihm zudem vor, von Dingen zu schreiben, die ihn nichts angingen oder die er nicht kennen würde. Der Autor lacht. „Zum Vatertag werden die Zeitungen wieder voll von Werbeanzeigen für Kleinwaffen sein. Das beste Geschenk für den geliebten Papa. Die neue Vollautomatische.“ Woher Rey Rosas Ideen zu seinen Romanen kommen ist eindeutig. Die Wirklichkeit schreibt immer noch die wahnsinnigsten Geschichten, schließt er und kommt zu dem traurigen Schluss, dass „man definitiv noch nicht von Frieden in Guatemala sprechen kann“. Rodrigo
Rey Rosa:
- Die verlorene Rache. Roman Übers.: Erich Hackl, Rotpunkt-Verlag, Zürich
2000, 128 S., geb. € 15,- / 29,-sfr, Taschenbuchausgabe: Piper-Verlag.
München 2002 , 125 S., € 7.90/ 14,10 sfr.
- Die Henker des Friedens. Roman, Übers.: s.o., Rotpunktverlag, Zürich
2001, 180 S. geb.,€ 15,- / 29,-sfr
- Tanger Roman, Übersetzung: Arno Gimber, Rotpunktverlag, Zürich 2002, 188
S., € 17,50 / 30,-sfr
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