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Buchbesprechungen

Inhalt Literatur Special 2003

Und wenn er nicht gestorben ist ...
Antonio Skármetas Roman „Das Mädchen mit der Posaune“
von Gaby Küppers

Es war einmal eine Insel namens Malizia, irgendwo im Mittelmeer. In den 40er Jahren liebten dort die beiden Brüder Stefano und Reino Coppeta, der eine mutig, der andere ein Träumer, dieselbe Frau, Alia Emar. Nach blutigen Widerstandsaktionen gegen die eindringenden Nazis müssen die beiden Brüder die Heimat und die von den Invasoren vergewaltigte Geliebte verlassen. Auf dem Weg nach Chile springt Reino in New York von Bord, um in den USA sein Glück zu machen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er immer noch irgendwo in den USA, meint die kleine Magdalena, die von einem Posaunenspieler von Malizia nach Antofagasta in Chile zu ihrem vermutlichen Großvater Stefano gebracht wird. Ihr großer Traum: Sie will Reino finden. Aus Skármetas vorherigem Roman «Die Hochzeit des Dichters“ (2000) sind die ProtagonistInnen und deren Schicksale noch bekannt. Jetzt spinnt das Mädchen Magdalena als verpflanzte Vollwaise den Faden in Chile weiter. Sie wächst allmählich heran, plant jahrelang ihre Flucht in die USA zusammen mit einem Freund und kommt nicht recht voran.

Wie das bei Märchen so üblich ist, geht es nicht um Wahrhaftigkeit und noch weniger um stimmige Charaktere und psychologische Zeichnung. Aber um Moral und die ist versteckt in einer außerordentlich dicken Kruste von Rührseligkeit und Pathos. Die Märchenerzählerin Magdalena ist immer ganz nah dran am Erleben. Doch die Drei- oder Fünfjährige ist klug wie eine Dreißigjährige und die Fünfzehnjährige hat offenbar von Problemen der Pubertät noch nie was gehört, sondern benimmt sich wie eine gewiefte Unternehmerin. Um die lineare Erzählform aufzulockern, schaltet Skármeta fiktive Korrespondentenberichte über Boxkämpfe und Jazz sowie Zeugnisse anderer Beteiligter zwischen. Das wirkt, als habe der Autor schlicht ein paar Themen zuviel auf Lager und wüsste nicht wohin damit.
Da die trotz der Ich-Form wie aus einer Onkelbrille erzählte Kindergeschichte allein nicht viel hergibt, hat Skármeta sie in den Wahlkampf Salvador Allendes bis zum seinem Sieg im vierten Anlauf 1970 münden lassen. Dafür hat er sich folgendes ausgedacht: Eines Tages taucht ein alter Mann auf, den Magdalenas Großvater oder -onkel einst bei einem Massaker auf Malizia verschont hat. Aus lauter Dankbarkeit hat er mühsam das Mädchen aufgespürt und schenkt ihr ein Auto. Das kann Magdalena dann Allende im Wahlkampf zur Verfügung stellen. Und dann wird alles gut. Magdalena bekommt den, den sie liebt und ein Kind. Und Allende wird Präsident. Die schwierige Zeit danach, der Sturz und die Diktatur fehlen.

Als eloquentes Mitglied des chilenischen Exils wurde Antonio Skármeta in den 70er Jahren in Deutschland mit Romanen und Erzählungen wie „Mit brennender Geduld“ und „Der Radfahrer von San Cristóbal“ bekannt. Derzeit macht er, erneut in Deutschland, eine ganz andere Karriere. Nachdem er gegen Ende der Diktatur im Zeichen Pinochets nach Chile zurückgekehrt und Literaturwerkstätten sowie ein bekanntes Literaturprogramm im Fernsehen geleitet hatte, wurde er im Jahr 2000 zum Botschafter Chiles in Berlin berufen. Da blieb dann für mehr als traditionell geschriebene Unterhaltungsliteratur offenbar keine Zeit mehr. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, dass Skármeta kürzlich seinen Rücktritt vom Botschafterposten und seine Rückkehr nach Chile bekannt gab.

Antonio Skármetas :
Das Mädchen mit der Posaune. Ü: Willy Zurbrügge, Piper-Verlag. München, Zürich 2002, 336 S., € 19.90 

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