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Buchbesprechungen

Inhalt Literatur Special Herbst 2003

Durch ein Kaleidoskop (ge)sehen
„Über Lebende“ von Esther Andradi
 von Lea Fletcher 

Ich werde zum Anachronismus jedes Mal, wenn ich nach Hause zurückkehre ... Gail Godwin

Die Träume haben nur die Pigmentfärbung der Realität. Djuna Barnes

"Über Lebende" ist ein wunderschönes Kaleidoskop in Romanform, das Esther Andradi teils aus Ühellen, leuchtenden Farben komponiert, dann wieder aus dunklen, sich verwischenden Tönen zusammensetzt. Entsprechend sind es stets Bruchstücke, die sich zu fragmentierten Abbildungen der Realität fügen. Die Fragmentierung ergibt sich auf mehrerlei Weise. So gibt es nicht nur eine Erzählstimme, doch, so die Autorin, „die Pronomen sind durch ein paar minimale Veränderungen austauschbar. Nicht so die Leben, die einzigartig sind.“ (S. 9) Mit jeder Episode über die Protagonistin – manchmal eine Reisende, manchmal jemand, mit der sie redet, dann wieder eine Person aus der Erinnerung – dreht die Autorin das Kaleidoskop ein Stück weiter. So entstehen ganz persönliche Bilder und Szenen, die aus der Warte anderer Beteiligter wiederum ganz anders aussehen. Die Leben sind einzigartig. Auch deren Wahrnehmung.

Die bunten Fragmente sind einerseits Lebenserinnerungen, Erlebnisse – oder Träume – aus der Vergangenheit und bilden doch gleichzeitig das gegenwärtige Leben der Protagonistin ab. „Die Träume haben“, sagte Djuna Barnes , „nur die Pigmentfärbung der Realität“, die weder einzigartig noch statisch ist. Die bunten Fragmente, Ausschnitte aus der Geschichte, drehen sich immer wieder neu zu Szenen zusammen, die bei der Protagonistin ein Gefühl von „déjà vu – oder doch nicht oder vielleicht doch?“ hervorrufen. Ein weiterer Schwenk, schon wird die Szene unfassbar, nicht wiederzuerkennen als reale Gegenwart. An die Stelle von Chronologie tritt in dem Roman die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit. Deswegen gibt es auch nicht einen einzigen Anfangspunkt, wohl aber einen Endpunkt. Die Autorin dreht das Kaleidoskop in den acht Kapiteln, die das Buch ausmachen, mal nach hinten, mal nach vorn. Aus diesen strukturellen Unterteilungen ergeben sich neue Gliederungen, die selbst wieder weitere Momente hervorbringen. Denn das Kaleidoskop hat bekanntlich viele Kombinationsmöglichkeiten, wie auch der vorliegende Roman. Abgesehen vom ersten Kapitel, in dem sich die Autorin auf das Buchthema bezieht, sind alle Teile fortlaufend mit römischen Ziffern überschrieben. Darin besteht der einzige nicht fragmentarische Aspekt des Buchs.
Darüber hinaus sticht als wesentliches Element die Lyrik hervor. Bisweilen besteht ein Unterkapitel allein aus einem Gedicht oder begleitet Prosa, die selbst ausgesprochen lyrisch ist. Struktur wie Schreibweise des Werks sind so fragmentarisch wie das Leben der Reisenden. „Im Aufbau begriffen“ sind gleichsam Werk und Reisende.
„Nicht von hier“ zu sein ist schmerzlich. Der Roman lässt uns das lebhaft spüren, bleibt aber nicht beim Schmerz stehen, denn die Reisende durchwandert ihre Welt, inexistent ansonsten, und lernt, dass ihr Leiden mit der Entdeckung nachlässt, dass in ihr eine Geschichte existiert, die ihr niemand nehmen kann.

„Wo bist du denn gewesen, dass du das nicht mitbekommen hast?“ (S.17), sagt eine der Personen in diesem Buch zu der Reisenden, als diese nach etwas fragt, das offensichtlich seit einiger Zeit gar nicht mehr hergestellt wird. Vielleicht ist es aber auch die Reisende selbst, die sich selbst in einem längst vergangenen Moment begegnet. Wie sagte Osvaldo Bayer auf dem Buchumschlag: „Die Rückkehr zu diesem Leben, das uns überrumpelte und am Arm führte“. Bei der Rückkehr in ihr Heimatdorf auf der Suche nach der Ursprungsgeschichte – ihrer eigenen wie der des Dorfes – findet sie Reste der Vergangenheit in einer Gegenwart, die ihr nicht geläufig ist und doch nicht aufhört es zu sein.
Kurzwarenladen, Schuster, Bettlaken Marke „graffa“, Spielzeuge, stillgelegte Züge, die feinen Handwerke der Zimmermänner, Schreiner, Weberinnen... alle sind Teil vom Wiedersehen mit und Abstandnahme von der eigenen Geschichte. „Wo bist du denn gewesen, dass du das nicht mitbekommen hast?“ Die Reisende gehört nicht mehr dazu. Sie ist von auswärts, wo sie auch nicht dazugehört. Sie lebt den doppelten Umstand, von hier und von auswärts zu sein. „Aus welchem Loch war sie hervorgekrochen? Aus welcher Ecke war sie am Sprechen (sic)? Wozu war sie jetzt gekommen, wo alle weggehen wollen? Wozu zurückkommen? Fragen oder Vorwürfe, die Reisende war im Hafen angelangt. Es fehlte nicht die Versuchung, ihre Schritte wiederaufzunehmen, aber der Rückweg kam ihr entgegen.“ (S. 107)

Eine jüngere Untersuchung über AuswanderInnen aus Argeninien machte deutlich, dass selbst dann, wenn jemand unter guten Umständen weggeht, er oder sie im neuen Land unter Entwurzelungserscheinungen leidet, aber auch im eigenen, denn „auch wenn er oder sie später zurückkehrt, ist diese Rückkehr nicht mehr komplett. Es pflegt sich das seltsame Gefühl einzustellen, man lebe für immer in einem eingebildeten Raum auf halber Strecke... zwischen zwei Leben.“ (La Nación, 4. 4. 2002) Und wenn es sich bei der Person um eine Frau handelt? Die Erzählstimme sieht das so: „Die Reisende überquert Grenzen, verkehrt mit dem Anderen, geht in der Sprache des Nachbarn zu Bett, schafft Mischungen. Die Nomadin bringt ein Floß auf die Welt, um sich in der Wüste zu orientieren. Wird sie ihr Gesetz aufschreiben, um sich ein Territorium zu sichern? Oder wird sie im Risiko schweben, um nicht anzustehen? Wenn die Gründungsfahrt des Helden die Äneis ist, wie wird dann wohl das Epos heißen, Grenzen zu überspringen? Eine Loslösung vom Vaterland?“ (S. 115) Für Frauen bedeutet die Emigration Entwurzelung, aber sie schafft auch die Möglichkeit sich neu zu erfinden. Wenn Frauen reisen, ist das eigene Heim beim Abschied wie bei der Ankunft, und das im realen wie im übertragenen Sinn. Egal wie dieses eigene Heim aussieht, es ist für Frauen immer ein Bezugspunkt. Wenn es um mehr geht als eine Reise, von der bald die Rückkehr nach Hause ansteht, wenn es sich um Migration handelt, wird diese Beziehung intensiver, aber auch komplizierter, weil es keine Rückkehr gibt. Nie wieder ist das verlassene das eigene Heim, wie auch die Frauen nicht mehr dieselben sind, die sie bei der Abreise waren. Trotzdem bleibt dieser Ort, dieses Heim in ihrer Psyche lebendig und real.

Die Reisende des Romans schafft es, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart miteinander in Einklang zu bringen, und zwar so: „Ich erreichte den Bahnhof, als die Sonne gerade unterging. Auf dem Boden verstreute Essensreste, Müllsäcke, leere Plastikflaschen bezeugten, dass vorher jemand dagewesen war. War er etwa stark besucht? Gab es einen Markt? Spielzeugautochen? Ein Mädchen, das seiner Mutter in die Arme lief? Luftschlösser? All das gab es und noch mehr, was ich nicht sah, weil ich ankam, als der Zug abgefahren war. Ich erriet, wie er sich am Horizont auflöste, während der Bahnsteig grau wurde, der Berg für die Schienen verantwortlich war, die Gleise langsam vom Unkraut überwuchert wurden. Und ich ließ zu, dass das Gras in mir wuchs.“ (S. 125)

Übersetzung: Gaby Küppers

Esther Andradi: Sobre Vivientes - Über Lebende. Miniaturas - Miniaturen, Zweisprachige Ausgabe, Übersetzung: Maargit Klinger-Clavijo, teamart Verlag, Zürich 2003, 133 S., 18,50 Euro/30,50 sFr

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