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Inhalt
Literatur Special Herbst 2003
Die Austreibung des Dämonen
Ariel Dorfmans Beschreibung des Pinochet-Prozesses
von Gert Eisenbürger
In den frühen Morgenstunden des 17. Oktober 1998 wurde der ehemalige chilenische Diktator Augusto Pinochet Ugarte aufgrund eines spanischen Haftbefehls in London verhaftet. Mit dieser Nachricht begann für den von Pinochet ins US-amerikanische Exil getriebenen Schriftsteller Ariel Dorfman ein jahrelanger Prozess des Kampfes, des Hoffens und des Bangens. Wie viele andere setzte sich Dorfman dafür ein den greisen Tyrannen für seine Untaten zur Verantwortung zu ziehen und ihn damit endlich wirklich zu entmachten. Von diesem Kampf handelt sein soeben erschienenes Buch „Den Terror bezwingen“.
Mit der Übergabe der Regierungsmacht an zivile Politiker am 11. März 1990 hatte Pinochet seine Macht keineswegs verloren. Er blieb nicht nur Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Senator auf Lebenszeit, sondern er war auch die graue Eminenz im Hintergrund, die den gewählten Zivilregierungen ihre engen Grenzen zeigte. So machte der alte Potentat immer klar, dass die Armee eingreifen werde, sollten zivile Gerichte versuchen Militärangehörige wegen Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung zu ziehen.
Sein fortdauernder Einfluss führte dazu, dass die Diktatur auch in den Köpfen der ChilenInnen nicht wirklich zu Ende ging. Die Angst blieb und bei den Opfern auch die Scham, über das zu sprechen, was ihnen widerfahren war. Der Kompromiss mit der Diktatur, den die politischen Parteien eingegangen waren, um die Rückkehr zu einem zivilen Regierungssystem zu ermöglichen, erwies sich als zunehmend schwere Hypothek für die chilenische Gesellschaft.
Das Thema des Schergen der Diktatur, der – weil er sich für seine Taten nicht verantworten muss – weiterhin Macht über die Opfer behält und es ihnen unmöglich macht, das Erlebte zu verarbeiten und wieder ein normales Leben zu führen, hatte Ariel Dorfman 1992 in seinem Stück „Der Tod und das Mädchen“, einem der größten Theatererfolge der vergangenen Jahrzehnte, thematisiert und darin auch die Phantasie eines Gerichtsverfahrens, in dem sich Täter und Opfer in die Augen sehen und der Folterer mit den Fragen seines Opfers konfrontiert wird, behandelt.
In seinem neuen Buch beschreibt Dorfman nun, wie mit der völlig überraschenden Verhaftung des alten Diktators ein Prozess eingeleitet wurde, der den General nicht nur formal entmachtete, sondern auch das Schreckgespenst Pinochet in den Köpfen demontierte und damit den Weg für die Austreibung des Dämonen ebnete.
Zunächst löste die Verhaftung in Chile Angst aus. Die mächtigen AnhängerInnen des Generals im Militär, der Polizei, der Wirtschaft und den wohlhabenden Stadtteilen waren entsetzt. Ihr unverwundbar geglaubter Held, der Chile vor dem Kommunismus bewahrt hatte, dem sie ihren Status und ihren Reichtum verdankten, war einfach so festgenommen worden. Das Land lahm zu legen drohten sie an und verbreiteten Angst und Schrecken. Sie übten Druck auf die Zivilregierung aus, sie verschickten Drohbriefe an Intellektuelle, Künstler und Menschenrechtsorganisationen. Der Pressesprecher des Militärs, Oberst Pedro Ewing, erklärte, die Armee werde „sorgfältig darauf achten, wie jeder sich im Fall Pinochet verhalte“. Nicht wenige in Chile fürchteten einen neuen Militärputsch.
Doch je länger sich das Verfahren hinzog, je mehr Niederlagen Pinochet erlitt – seine Anwälte konnten weder verhindern, dass das britische Oberhaus ihm die Immunität als ehemaliges Staatsoberhaupt verweigerte, noch dass ein formelles Auslieferungsverfahren eröffnet wurde, desto mehr stürzte der General von seinem Sockel. Dabei waren es, so Dorfman, weniger die juristischen Entscheidungen, die die Autorität des Generals unterminierten. Es waren kleine, scheinbar nebensächliche Momente. Etwa, als einer von Pinochets Anwälten nach der Entscheidung über die Eröffnung eines Auslieferungsverfahrens den Vorsitzenden Richter frage, ob sein Mandant einen Spaziergang im Garten des Gerichts machen dürfe. Das habe sich bei den ChilenInnen mehr eingeprägt als vieles andere. Der unantastbare Pinochet, jahrzehntelang Herrscher über Leben und Tod, musste einen britischen Richter um Erlaubnis bitten, ein wenig Luft schnappen zu dürfen.
Dorfman beschreibt den Fortgang des Verfahrens in allen Einzelheiten. Dazwischen montiert er Berichte über die Schicksale von Pinochets Opfern, darunter viele persönliche Freunde und Freundinnen des Autors, und Reportagen über den Kampf und die Aussagen ihrer Angehörigen. Die „Familiares“ der Opfer, die oft jahrzehntelang, ohne große Resonanz, Gerechtigkeit gefordert und versucht hatten die Erinnerung an ihre verschwundenen PartnerInnen, Geschwister oder Kinder aufrecht zu halten, spielen in dem Verfahren eine wichtige Rolle, weil sich die Anklage des spanischen Richters Garzón, der Pinochets Auslieferung betreibt, auf die von ihnen vorgetragenen Fälle stützt.
Der große Traum von später Gerechtigkeit geht jedoch nicht in Erfüllung. Pinochet wird nicht an Spanien ausgeliefert und dort vor Gericht gestellt, sondern kann nach 17 Monaten Hausarrest in London nach Chile ausreisen. Jedoch nicht, weil er vor Gericht erfolgreich war, sondern einzig und allein aufgrund seiner angegriffenen geistigen Gesundheit, die ihm – so die Gutachter – nicht mehr erlaube dem Prozess zu folgen. Nicht nur Dorfman mutmaßt, dass dies vor allem eine politische Entscheidung war, die zwischen den Regierungen Chiles, Großbritanniens und Spaniens ausgehandelt wurde um die gegenseitigen Beziehungen nicht weiter zu belasten.
Doch Pinochets Macht war längst auch in Chile angeknackst. Was zwei Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre, trat nun ein. In Chile eröffnete ein Richter ein Verfahren gegen Pinochet. Selbst dort, wo seine Getreuen noch immer Schlüsselpositionen besetzen, steht er nicht mehr außerhalb des Gesetzes. Wie wir wissen, kam es letztlich nicht zu einem Prozess, auch hier wird in – höchst fragwürdigen – Gutachten die Prozessunfähigkeit Pinochets bestätigt. Aber es ist ein schaler Sieg des alten Diktators – er kann einem Prozess nur um den Preis entgehen, dass er „zum altersschwachen Idioten“ erklärt wird. Dies zeigt für Dorfman, dass die Festnahme Pinochets in London, das dreijährige juristische Tauziehen und ein Gerichtsverfahren im eigenen Land Chile verändert haben. „Angesichts der Tatsache, dass Pinochet über fünfundzwanzig Jahre lang der verehrte und unbestrittene Führer einer Armee war, die ihren Krieg nicht verloren hat und immer noch das militärische Gewaltmonopol besitzt, scheint es noch erstaunlicher, dass die Pinochetistas fast eineinhalb Jahre brauchten, um einen Weg zu finden, ihren Helden aus dem bevorstehenden Prozess auf erbärmliche Weise herauszupauken.“
Mit „Den Terror bezwingen“ zeigt Ariel Dorfman, dass er nicht nur ein begnadeter Erzähler und Dramatiker ist, sondern auch ein großer Essayist. Obwohl bekannt ist, wie das Verfahren endete, bleibt das Buch über 189 Seiten ungeheuer spannend. Und es macht Hoffnung. Statt als strahlender Sieger über den Kommunismus in die Geschichte einzugehen, wie es Pinochet sich gewünscht hatte, wurde er zum Präzedenzfall in der internationalen Justizgeschichte. Der „Fall Pinochet“ wird fortan allen Tyrannen deutlich machen, dass sie nach ihrem Abgang von der politischen Bühne größte Schwierigkeiten haben werden, einen Platz zu finden, wo sie unbehelligt leben können.
Ariel Dorfman: Den Terror bezwingen - der lange Schatten des General
Pinochets, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2003, 191 S., 15,00 Euro
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