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Inhalt
Literatur Special Herbst 2003
radikal global
von Werner Rätz
Seit Jahren bemüht sich die Bundeskoordination Internationalismus (Buko –früher Bundeskongress
entwicklungs- politischer Aktionsgruppen) die verschiedenen Debatten in der Soliszene und darüber hinaus in großen Teilen der (radikalen) Linken für sich selbst produktiv und für interessierte LeserInnen nachvollziehbar zu machen. 1992, 1994 und 1997 erschienen jeweils Sammelbände. Nun liegt eine weitere Publikation mit knapp zwanzig Texten vor.
Auf den ersten Blick scheint die Vielfalt der Themenblöcke und Einzelfragen verwirrend. Da geht es um den Zapatismus und seine Bedeutung für die Bewegung in den Metropolen, um Globalisierungskritik oder globale soziale Bewegung, Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung, Antirassismus – Migration – Sicherheitsgesetze, Imperialismus oder Empire und Israel, Palästina und die deutsche Linke. Tatsächlich handelt es sich um sehr unterschiedliche Aspekte einer Wirklichkeit, die sich als solche nicht einheitlich präsentiert.
Nicht nur sind die Zeiten vorbei, als die Weltlage übersichtlich und geordnet erschien: Da gab es zwei feindliche Blöcke, je nach eigenem Standpunkt waren die einen oder die anderen die Guten und um die Zuneigung des Restes wurde konkurriert. Die Buko vertritt auch explizit einen Standpunkt, der auf ein eindeutiges Weltbild verzichtet. Wir wissen nicht mehr immer und genau, was Ereignisse bedeuten, Rollenzuteilungen stimmen nicht mehr immer, Handelnde können für das Eine stehen und gleichzeitig für sein Gegenteil oder auch noch ein Drittes.
In einem aus den vielen guten Beiträgen dieses Buches noch einmal herausragenden, paradigmatischen Artikel über „The People of Genova“ bemerkt Thomas Seibert, dass „noch keine Bewegung so entschieden die eigene heterogene
Zusammen- setzung bejaht (hat)“ (S.59) wie die globalisierungskritische. Gleichzeitig gab es noch nie eine Bewegung, die „in einem ebenso programmatischen wie organisatorischen Internationalismus bereits ihren Ausgangspunkt gefunden (hat)“ (ebda.). Beides geschieht nicht zufällig, sondern auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen und „reflektiert… dergestalt das relative Scheitern sämtlicher antikapitalistischer Projekte“ (S.60).
Das Wissen darum, dass man durch viele Niederlagen (nicht nur die der 90er Jahre, sondern auch die der Epoche vorher) gegangen ist, hat nebenbei zu einem anderen Blick auf die politischen Nachbarn geführt. „Ein großer Gewinn der jüngsten Bewegungen“, schreiben Markus Wissen, Friederike Habermann und Ulrich Brand in ihrem Beitrag über den „Gebrauchswert radikaler Kritik“ (der durchaus als programmatischer Text der Herausgeber gelesen werden kann), „ist ja der Versuch, sich gegenseitig zur Kenntnis zu nehmen und voneinander zu lernen.“ (S. 44)
Dieser Versuch wird im Buch bis in die Form hinein praktiziert: Ariane Brenssell und Katharina Pühl gestalten ihren Beitrag über „hegemoniale Geschlechterverhältnisse im Neoliberalismus oder Geschlechterverhältnisse als neoliberale Hegemonie“ (S. 84 – 100) als Abfolge je eigener Kurztexte zu gemeinsamen Fragestellungen, so dass
Überein- stimmung und Differenzen selbst in Nuancen nachvollziehbar werden. Dabei geht es ganz wesentlich darum, wie und inwieweit „Geschlechterverhältnisse als konstitutiver Teil hegemonialer gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse“ zu begreifen sind.
Insgesamt fällt bezüglich dieses Themas ein relativer Fortschritt gegenüber manch anderer Veröffentlichung auf: Die Frage von Patriarchat und Geschlechterverhältnissen ist nicht einfach als „Frauenfrage“ ausgegliedert. Andrea Nachtigall und Anette Dietrich („GeschlechterKrieg und FriedensFronten. Zur Funktion(alisierung) der Kategorie Geschlecht im Kontext von Krieg“) weisen darauf hin, dass „eine feministische Perspektive keine ‚Frauenfrage' (ist), die nur danach fragt, wie wirkt sich dieses und jenes für Frauen aus? Das Geschlechterverhältnis ist ein
Struktur- prinzip, das unauflöslich mit kapitalistischer Vergesellschaftung verbunden ist… Die Geschlechterperspektive außen vor zu lassen, ist nicht bloße Nachlässigkeit…, sondern bedeutet vielmehr, ein grundlegendes Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft in seiner unauflösbaren Verknüpfung mit andren Strukturen nicht anzuerkennen.“ (S.139f) So wichtig diese Betonung, so bedauerlich ist es, dass auch in diesem Buch nur Frauen darüber schreiben.
„Radikal Global“ ist ein wichtiges Buch, das alle lesen sollten, die sich über den Stand vieler Debatten im radikaleren Teil der globalisierungskritischen Bewegung informieren wollen, und das alle lesen müssten, die ihrerseits „Bausteine für eine internationalistische Linke“ (so der Untertitel des Buches) beitragen wollen. BUKO
(Hrsg.) radikal global - Bausteine für eine internationalistische Linke,
Verlag Assoziation A, Berlin, Hamburg, Göttingen 2003, 272 S., 16,00 Euro
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