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Buchbesprechungen

Inhalt Literatur Special Herbst 2003

Packender Krimi aus Cuba
Leonardo Paduras Roman „Ein perfektes Leben“
 von Torsten Tulius

Die Lektüre von Truman Capotes Frühstück bei Tiffany veranlasste Leonardo Padura Schriftsteller zu werden. Nach Beendigung seines Studiums der Lateinamerikanistik 1980 in Havanna arbeitete Padura, für den der Journalismus „ein Laster“ ist, zunächst für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, bevor er sich ganz dem literarischen Schreiben widmete. In diese Zeit fiel auch die Veröffentlichung seines ersten Romans Fibre de Caballos (1988). Es folgten literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Erzählungen und weitere Romane. Für seine Kriminalgeschichten erhielt er zweimal den spanischen Premio Hamett. Obwohl Padura sich selbst nicht als Krimiautor bezeichnet, zählt er dennoch neben Daniel Chavarría zu den meistgelesenen Schriftstellern dieses Genres in Lateinamerika. Leonardo Padura lebt in Havanna. Ein perfektes Leben (Pasado perfecto) ist das erste seiner Werke, das ins Deutsche übertragen wurde. Es bildet gleichzeitig den Auftakt des Romanzyklus' Das Havanna-Quartett.

Rafael Morín, ein hoher Kader im Ministerium für Außenhandel, verschwindet spurlos am Neujahrstag 1989. Für Leutnant Mario Conde, den „besten Mann“ der Mordkommission, ist dies in jeder Hinsicht eine schlechte Nachricht: Noch schwer verkatert von einer Geburtstagsfeier wird Conde nicht nur um sein freies Wochenende gebracht, sondern zudem mit der Suche nach einer Person beauftragt, die er seit der gemeinsamen Schulzeit aus seinem Gedächtnis gestrichen geglaubt hatte. Morín war schon damals ein Musterknabe, Musterschüler und vorbildlicher Genosse „mit Colgate-Lächeln“, einer, dem alles gelang und der alles bekam – auch Tamara, die große Liebe Mario Condes. Moríns Aufstieg vom Schülersprecher zum hohen Funktionär war vorprogrammiert. Im Zuge seiner Recherchen entfaltet sich vor dem Leutnant das Bild eines Mannes mit scheinbar absolut makellosem Werdegang – sowohl geschäftlich als auch privat: kompetent, integer, pflichtbewusst. Entsprechend drohen die Ermittlungen im Sande zu verlaufen, wären da nicht eine Anzahl von Indizien, die peu à peu seine weiße Weste beschmutzen...

Mit dem Leutnant Mario Conde betritt nach Brahim Llob in den Romanen von Yasmina Kahadra und Fabio Montale in denen von Jean-Claude Izzo ein weiterer Idealist und Melancholiker die Krimibühne im Unionsverlag. Nach Algier bzw. Marseille wird nun Havanna Abbild nationaler Befindlichkeiten und tiefer sozialer Abgründe. Padura siedelt seine Geschichte zu Beginn des Jahres 1989 an, entsprechend sind zukünftige Probleme des Inselstaates, wie zum Beispiel der Zusammenbruch der Sowjetunion und die damit verbundenen Verlockungen des Kapitalismus, in die Handlung eingewoben.

Der Autor zeichnet diese Vorausschau in dezenten, fast traurigen Bildern, seine Liebe zu Cuba ist offenkundig, ohne auch nur ein einziges Mal kitschig zu sein. Gerade dieser Tenor von Ein perfektes Leben wird die Gemüter erhitzen: Nach der Verhaftung von mehr als 75 Oppositionellen und der Wiederverhängung der Todesstrafe im April dieses Jahres – die Bundesrepublik Deutschland sagte darauf die offizielle Teilnahme an der Internationalen Buchmesse 2004 in Havanna ab (vgl. Interview mit Arturo Aranga in dieser ila) – ist Cuba Gegenstand internationaler Debatten. Unabhängig von dieser oft allzu polemisch und unsachlich geführten Diskussion ist Ein perfektes Leben jedoch vor allem eines: ein packender Krimi.

Leonardo Padura, Ein perfektes Leben, Unionsverlag, Zürich, Juli 2003, 286 S., 18,90 Euro

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