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Buchbesprechungen

Inhalt Literatur Special Herbst 2003

Eine Vorliebe für das Groteske
Zwei Bücher von Sergio Pitol
 von Gaby Küppers

Einer Parade eitler und verschrobener Gestalten sieht sich unversehens der mexikanische Historiker Miguel del Solar in „Defilee der Liebe“ (1984, dt. 2003) von Sergio Pitol gegenüber. Eigentlich steht der in England Lebende bei einem Heimatbesuch im Jahre 1973 eher zufällig vor dem „Minerva“, einem großen, altmodischen Mietshaus, in dem er als Junge 30 Jahre zuvor kurzzeitig bei Tante und Onkel lebte, just als dort ein nie aufgeklärter Mord geschah.
Die Neugier, das Rätsel zu lösen, lässt ihn dann aber die Bewohner von damals nach dem ausforschen, was sein Gedächtnis nicht mehr freizulegen vermag. Die Gewohnheit des Historikers, systematisch Quellen auszuwerten, tut ein übriges.

Doch seltsamerweise offenbart niemand ein Interesse an Aufklärung. Je mehr del Solar erfährt über Seilschaften, Missgunst und Intrigen, über dunkle politische Machenschaften extremer Rechter, Verstrickungen mit Nazis, Korruption und undurchsichtige Geschäfte, desto verwirrender wird der Mikrokosmos des „Minerva“ und desto mehr Spuren erweisen sich als falsche Fährten. Verfolgte und Kollaborateure des Naziregimes, Hysteriker, Neider und selbstverliebte Wissenschaftler geben sich ein Stelldichein, bei dem bei aller Selbstdarstellerei niemand seine Karten offenlegen will. Zudem fehlen del Solar stimmige Beurteilungskriterien, da der Zwang der Konventionen, wie er eine festgefügte Gesellschaft beherrscht, in der nach Herkunft und Schichten bunt zusammengewürfelten Gesellschaft brüchig geworden ist und keine eindeutigen Maßstäbe für das Verhalten der Befragten mehr liefert. So wird aus der simpel geglaubten Recherche, aus der Detektivarbeit aus Zeitvertreib beim Heimaturlaub ein Bachtin'scher Karneval, bei dem hinter jeder Maske eine neue Maske lauert. Sinn, so begreift del Solar allmählich, hängt von der Position des Betrachters ab. Und seine persönliche Quintessenz: Er kehrt definitiv nach Mexiko zurück, um ein wissenschaftliches Buch über das besagte Jahr 1942 zu schreiben. Man ahnt nach der Lektüre des schillernden, sarkastischen Porträts einer in Mexiko aufeinander getroffenen Gesellschaft, dass der Autor an dessen Machbarkeit zweifelt.

Pitols Vorliebe für das Groteske findet sich auch in dem zweiten, bei Wagenbach übersetzten Roman aus seiner sogenannten Karnevalstrilogie, „Eheleben“ (1991, dt. 2002). Allein der Titel! Der beschriebene Mikrokosmos ist hier auf ein Ehepaar der gehobenen Mittelschicht reduziert. Während er, Nicolás Lobato, beruflich und damit sozial aufsteigt, ergeht sie, die sich mit weltläufigem Gestus Jacqueline nennt, aber auf María Magdalena getauft ist, sich in Ausbruchsphantasien aus ihrem irgendwie unerfüllten Leben. Alldieweil er seine Seitensprünge offenbar wie Tennisstunden wegsteckt, um in seiner Karriere fortzufahren, fehlt ihr ein Ziel jenseits repräsentativer oder kultureller Zeitvertreibe. Unzufriedenheit setzt sie in destruktive Energien um, die sie auf ihren Ehemann richtet, die aber in Autodestruktion enden. Regelmäßig flüstert sie ihren Liebhabern ein, sie müssten mit dem Ziel einer gemeinsamen unbeschwerten Zukunft den Ehemann umbringen. Doch unweigerlich gehen die Attentate schief. Nicolás überlebt unverletzt, doch Jacqueline ist nach jedem Anschlag lädierter, bis sie am Ende – mit beißender Kritik übrigens an Folterpraxis und Korruption des mexikanischen Polizeiapparats – nach einem Gefängnisaufenthalt und sozialem wie ökonomischem Totalabstieg nur noch dahinvegetiert. Ihr Ehemann – und damit der Sparringpartner für ihre Lüste und Aggressionen – hat sich nach einem Bankrott nach Spanien abgesetzt. Ein Jahrzehnt später trifft sie ihn wieder und das Spiel beginnt von vorn.

Pitol parodiert meisterlich die Bigotterie jener Gesellschaft, die sich Frauen nur als ergebene Ehefrau, bestenfalls mit Ambitionen als Hobbyliteratinnen und Wochenendkunsthistorikerinnen, vorstellen kann. Diese Parodie ist allerdings nicht nur leicht angestaubt, was die beschriebene Gesellschaft betrifft, sie schöpft auch in der Anlage ungebrochen aus der Klischeekiste überkommener Geschlechtervorstellungen. Frauen, so der literarische Topos, definieren sich nur über den Mann. Sie werden stets körperlich bestraft, wenn sie die ihnen vorbestimmten Pfade verlassen wollen. Jenseits von Krankheit, Mord oder Selbstmord gibt es keinen Ausweg. Pitol macht sich über die Enge des Weltbildes seiner Gestalten lustig, aber seine Satire bleibt selbst auf der Ebene der – konservativen – Schadenfreude stecken. Da wurden Anfang der 90er Jahre schon fortschrittlichere Romane auch von Männern geschrieben.
Sergio Pitol, Jahrgang 1933, gilt als Heterodoxer in der mexikanischen Literatur. Ausgedehnte Reisen und Diplomatentätigkeit in Warschau, Budapest, Paris, Moskau und Prag prägten seine literarische Perspektive und machten ihn zum Kenner und Übersetzer von Werken, die für den mexikanischen Literaturbetrieb nicht gerade Allgemeingut sind. Erstaunlich, dass er in Deutschland so wenig bekannt geworden ist. 

Sergio Pitol, Defilee der Liebe. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2003, 263 s., 21,50 Euro 
Sergio Pitol, Eheleben.Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2002, 139 s., 13,90 Euro 

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