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Inhalt
Literatur Special Herbst 2003
Die „irische Evita“
Elisa Lynch und der Große Krieg in Paraguay
von Klaus Jetz
Im 20. Jahrhundert wurde in Lateinamerika kaum eine Frau so geschmäht und zugleich so vergöttert wie Evita Perón. Für das lateinamerikanische 19. Jahrhundert trifft dies auf Elisa Lynch zu. Erstaunlich sind auch einige Parallelen in deren Biographien: Beide entstammten ärmlichen Verhältnissen, kämpften unermüdlich und skrupellos um ihren sozialen Aufstieg, wurden einflussreiche Gefährtinnen von Diktatoren, erklommen sozusagen den Gipfel der Macht und erlitten einen frühen Tod oder einen tiefen Fall. Ein Unterschied liegt darin, dass Lynch in Europa kaum bekannt ist. Das soll sich nun ändern, denn binnen eines Quartals erschienen in Großbritannien
vier Bücher, die sich ganz oder teilweise dieser „irischen Evita“, der „Kaiserin von Paraguay“ oder der „paraguayischen Lady Macbeth“ widmen.
Im Februar erschien das Paraguay-Buch „At the Tomb of the Inflatable Pig“ des britischen Reiseschriftstellers John Gimlette, der ausgiebig über Elisa Lynch und andere skurril anmutende historische Persönlichkeiten sowie die leidvolle Geschichte des südamerikanischen Landes berichtet. Dann folgte im März die irische Autorin Anne Enright mit ihrem historisch unpräzisen Trivialroman „The Pleasure of Eliza Lynch“. Bereits im Januar erschienen zeitgleich „The Empress of South America“, ein Buch des britischen Autoren Nigel Cawthorne, der eher durch seine Liebeslebenreihe mit Titeln wie „Sex Lives of Hollywood Goddesses“, „Sex Lives of the Popes“ oder „Sex Lives of the Great Dictators“ bekannt geworden ist, sowie das Sachbuch „The Shadows of Elisa Lynch“, das sich wie ein Roman liest und aus der Feder der in Cornwall beheimateten Historikerin und Autorin Sian Rees stammt. Die gerade im Europa Verlag erschienene deutsche Übersetzung dieser „Elisa Lynch“ trägt den Untertitel „Die wahre Geschichte einer irischen Kurtisane und wie sie zur mächtigsten Frau Paraguays wurde“.
Elisa Lynch wird 1831 in Irland geboren. Mit zehn Jahren landet die Halbwaise in einem Dubliner Internat. Vor den Hungersnöten in der Heimat flieht ihre Familie bald nach Paris, wo die fünfzehnjährige Elisa einen vierzigjährigen französischen Militärarzt heiratet, mit dem sie in die neue
Kolonie Algerien übersiedelt. Die Ehe geht bald in die Brüche, Elisa kehrt ohne Scheidung alleine nach Paris zurück, wo sie in einem Freudenhaus unterkommt. Zeit ihres Lebens sollte sie deshalb immer wieder als demimondäne Kurtisane und Prostituierte verspottet und später von der paraguayischen Oberschicht als “esa grandísima puta” geschnitten werden. Im Pariser Bordell trifft sie den jungen General Francisco Solano López aus Paraguay, Oberbefehlshaber des Heeres und Sohn des Diktators Carlos Antonio López.
Der hatte seinen Sohn 1854 mit sehr viel Geld und in diplomatischer Sondermission nach Europa geschickt. Er sollte Waffen und Schiffe einkaufen und Investoren gewinnen für das nach der langen Diktatur von Gaspar
Rodríguez de Francia (1820-1840) noch immer isolierte südamerikanische Land.
Am kaiserlichen Hof in Paris wird López von Napoleon III. empfangen. Schon bald verwandelt er sich in einen glühenden Bewunderer des Kaisers. Nach dessen Vorbild will er als Gründer einer Erbmonarchie nach Paraguay
zurückkehren und sein Land in ein mächtiges Kaiserreich verwandeln.
Elisa Lynch folgt ihm 1855 nach Südamerika, es beginnt ihr 15 Jahre dauerndes Abenteuer in Paraguay. Etwa diesen Zeitraum deckt Sian Rees' Buch ab, wenn auch hin und wieder einige historische Exkurse für enorme Zeitsprünge sorgen. Zunächst schildert Rees Elisa Lynchs Ankunft und erste Jahre in Asunción, wo sie sich einer ihr feindlich gesinnten provinziellen Gesellschaft gegenübersieht. Nur der „populacho“, die einfachen und besitzlosen Mestizen,
interessieren sich nicht für ihre Vergangenheit und bewundern in ihr die hübsche Gefährtin des Generals, der seinen Vater einmal als Diktator beerben wird. Über Jahre hinweg kämpft Elisa um soziale Anerkennung und Zugang zu den führenden Kreisen der Hauptstadt. Erst als der alte López
stirbt (1862), tritt allmählich eine Veränderung ein. Die Lynch wird zur inoffiziellen First Lady, die tonangebenden Familien wagen es nicht länger, die verrufene und schöne „inglesa“ zu brüskieren. Elisa gibt Dinnerpartys, veranstaltet Bälle und rauschende Feste nach Pariser Vorbild, und „tout Asunción“ gibt sich die Ehre. Sieben Jahre nach ihrer Ankunft hat sie sich als wohlhabende, einflussreiche Frau etabliert. Sie verändert das gesellschaftliche Leben und die Sitten in der Hauptstadt, führt Pariser Moden ein, französische Weine und Parfüms, es entstehen literarische Salons
und Kaffeehäuser. Sie verkehrt mit Ministern, empfängt Diplomaten und mischt sich immer wieder in die Regierungsgeschäfte ein, was ihr bald den Ruf einer heimlichen Staatschefin einbringt. Doch privat ist Elisa unglücklich, denn von einer Heirat will López, der bald zum ersten Marschall in der Geschichte Paraguays befördert wird, trotz der vier Söhne und Töchter, die Elisa zur
Welt bringt, nichts wissen. Sie ist noch immer nicht geschieden und López tröstet sich gerne mit seinen Gespielinnen und Geliebten, die ihm ebenfalls Söhne und Töchter schenken.
Gegen Ende des Jahres 1864, zehn Jahre nach seiner Rückkehr aus Europa, hielt López die Zeit für gekommen, dass Paraguay seiner Stimme in Amerika mehr Gewicht verleihen müsse. Ein Anlass bot sich, als Brasilien in Uruguay einmarschierte. López reagierte mit einem Ultimatum und einer Kriegserklärung, blockierte den Rio Paraguay und marschierte in den Mato Grosso ein. Bereits im Frühjahr 1865 unterzeichneten daraufhin Brasilien, Argentinien und Uruguay, wo zwischenzeitlich die Regierung gestürzt worden war, den so genannten Vertrag der Triple Alianza, und Paraguay sah sich plötzlich im Kriegszustand mit dreien seiner vier Nachbarn. Der Vertrag setzte als Kriegsziele den Sturz López' und Reparationen fest. In einem Zusatzprotokoll, das zunächst geheim gehalten, bald aber öffentlich gemacht wurde, beschlossen die drei Staaten, den Großteil Paraguays unter sich aufzuteilen. Es war also genau die Situation eingetreten, die das „Polen
Südamerikas“ seit seiner Unabhängigkeit 1820 immer als schlimmste aller Möglichkeiten befürchtet hatte.
Worin lagen López' Denkfehler, als er sein Land leichtfertig und voller Größenwahn in diesen selbstmörderischen Krieg führte? Zunächst verachtete er die Außenpolitik seines Vaters. Der alte López hatte sich darauf versteift,
alle Konflikte mit den großen Nachbarn Argentinien und Brasilien auf diplomatischem Wege zu lösen. Der junge López unterschätzte die Nachbarländer und überschätzte die militärische Stärke des von ihm und seinen Vorgängern militarisierten Paraguay. Zudem unterlag er dem Trugschluss, die Unabhängigkeit des kleinen, von Brasilien überfallenen Nachbarlandes Uruguay sei Voraussetzung für die eigene Unabhängigkeit. Durch diesen Irrtum sah Paraguay sich bald in einen Mehrfrontenkrieg gegen die
Triple Alianza verwickelt und aus dem Feldzug zur Rettung des Nachbarn sollte schon bald ein blutiges und verheerendes Rückzugsgefecht zur Rettung des eigenen Landes werden. Die Hoffnungen, die López auf innerargentinische Auseinandersetzungen zwischen Föderalisten und Unitariern sowie Streitereien innerhalb der Triple Alianza setzte, gingen zwar in Erfüllung, doch sorgten diese nur dafür, den Krieg über Jahre hinaus zu verlängern und Paraguay auszubluten.
Die Historiker sind sich uneins, welche Rolle Elisa Lynch in dieser nationalen Tragödie spielte. Versuchte sie mäßigend auf López einzuwirken oder trieb sie ihn in dieses Abenteuer, weil sie davon träumte, Kaiserin eines paraguayischen Napoleons zu werden? Sian Rees hat darauf, trotz ihres fleißigen Quellenstudiums in Asunción, keine Antwort gefunden. Denn ganze Archive wurden im Krieg gegen die Triple Alianza und im Chaco-Krieg gegen
Bolivien (1932-1935) zerstört. Hinzu kommt, dass in der Stroessner-Zeit Lynch und López als Nationalhelden mythologisiert wurden. Stroessner hat im Juli 1961 Lynchs sterbliche Überreste auf einem Pariser Armenfriedhof ausgraben, nach Paraguay zurückbringen und in einer feierlichen, an Napoleons „Retour des Cendres“ erinnernden Zeremonie im Militärmuseum von Asunción bestatten
lassen. All dies erschwert den Versuch einer objektiven Betrachtung beträchtlich, wie auch das Beispiel von Hubert Krier, von 1965 bis 1970 deutscher Botschafter, zeigt. Der hatte in den 70er Jahren ein tendenziöses, Stroessner freundliches Buch mit dem Titel „Tapferes Paraguay“ veröffentlicht und dafür gar die Ehrendoktorwürde der Universität Köln erhalten. Krier gewinnt in seinem historischem Abriss unterschiedslos allen Diktatoren von
Francia bis Stroessner vor allem Positives ab und folglich findet er auch für Elisa Lynch als „treue Gefährtin des jungen López“ nur lobende Worte.
Mehr als die Hälfte ihres Buches widmet Sian Rees dem Großen Krieg, dem, neben Lynch, zweiten Protagonisten ihres Werkes. In epischer Breite rekapituliert sie den Verlauf dieser mehrere Jahre dauernden Schlächterei. Ihre Schilderungen erinnern an Grimmelshausens Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg. Fassungsloses Entsetzen macht sich beim Leser breit. Am Ende hatten Krieg, Seuchen und Hunger drei Viertel der Bevölkerung dahingerafft.
Darüber hinaus schildert Rees die ständigen „Rückversicherungen“ der habgierigen Elisa Lynch, die nichts so sehr fürchtet wie den Rückfall in die Armut. Während des Krieges schaffte sie mit Hilfe befreundeter Diplomaten
Unmengen von Geld außer Landes, kaufte zu Spottpreisen riesige Ländereien auf und riss das Vermögen von zum Tode verurteilten „Verrätern“ an sich. Doch alles umsonst: Als López am 1. März 1870 fiel, musste die Lynch Hals über Kopf das Land verlassen. Fünf Jahre später versuchte sie nach Paraguay zurückzukehren um ihre Interessen vor Ort zu verteidigen. Eine aufgebrachte Menschenmenge hätte sie beinahe gelyncht. 1886 starb sie verarmt in Paris.
Sian Rees ergreift weder für noch gegen Elisa Lynch Partei. Voller Spannung schildert sie die unglaublichen Ereignisse, präsentiert Quellenmaterial und sich widersprechende Urteile der Zeitgenossen und Historiker. Ihre Stärke
liegt in der Psychologisierung der Charaktere. So gelingt es der Autorin, nicht nur die LeserInnen aufzuwühlen, sondern auch etwas Licht auf den wohl blutigsten Krieg Südamerikas zu werfen.
- Sian Rees, Elis Lynch. Die wahre Geschichte einer irischen Kurtisane
und wie sie zur mächtigsten Frau Paraguays wurde, Europa-Verlag, Hamburg
2003, 352 S., 19,90 Euro
- John Gimlette, At the tomb of the Inflatable Pig, london 2003, 385 S.,
14,99 br. Pfund
- Hubert Krier, Tapferes Paraguay, Würzburg 1976 (vergriffen)
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