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aus Lima / ila 257

Literatur muss informieren 
– auch wenn es schmerzt

Interview mit dem uruguayisch-cubanischen Schriftsteller Daniel Chavarría

Neben dem Mexicaner Paco Ignacio Taibo II und dem Brasilianer Rubem Fonseca gehört der auf Cuba lebende Uruguayer Daniel Chavarría zu den international bekanntesten lateinamerikanischen Krimiautoren. Gerade wurde er in Großbritannien für seinen Roman „Adiós Muchachos“ mit dem Edgar Allen Poe Award ausgezeichnet. Vier seiner Romane wurden inzwischen ins Deutsche übersetzt, ein fünfter wird demnächst erscheinen.1 In seinem zuletzt auf Spanisch veröffentlichten Kiminalroman „El Rojo en la Pluma del Loro“ zeigt Chavarría die menschenverachtenden Machenschaften der argentinischen Diktatur auf. Der Roman zeichnet sich aus durch einen hohen Grad an Spannung und politischer Reflexion, verbunden mit einem gelungenen Maß an Ironie und einem sprachlichen Potpourri aus cubanischen und argentinischen Wendungen. Die Lebensgeschichte Daniel Chavarrías bietet selbst genügend Stoff für einen Thriller, wie man im Lebenswege-Interview mit ihm in der ila 208 nachlesen kann. Im folgenden Interview von Ute Evers geht es jedoch weniger um seine aufregende Vita als um die Literatur Chavarrías und seine Sicht der Realität Cubas.

Wolltest du schon immer Schriftsteller werden?

Ja, eigentlich schon. Es war aber, glaube ich, auch ein wenig mit dem Zufall verbunden. Schon als kleiner Junge wusste ich, dass ich schreiben konnte. Doch mein Leben führte mich zunächst auf andere Wege, die mir nicht erlaubten, mich dem literarischen Schreiben zu widmen. Mit neunzehn Jahren fing ich an zu reisen, ich wollte andere Länder kennen lernen und entwickelte bald ein großes Interesse für Politik. Nach fast vier Jahren kehrte ich nach Uruguay zurück, engagierte mich aktiv in der Kommunistischen Partei, gründete eine Familie, die ernährt werden musste. Kurz: Die Zeit zum Schreiben war einfach noch nicht gegeben. 
Im Jahre 1969 ging ich schließlich mit meiner Frau nach Cuba, um meinen Beitrag zur cubanischen Revolution zu leisten. Ich wurde ruhiger und fing schließlich eines Tages an zu schreiben. Naja, in der ersten Zeit war das nicht ganz einfach, weil wir uns wirtschaftlich erst einmal festigen mussten und einige Entbehrungen hatten, die aber im Großen und Ganzen nicht dramatisch waren.

Wann erschien dein erstes Buch?

Im Jahre 1978 erschien mein erster Roman Joy, der insbesondere in den sozialistischen Ländern großen Erfolg hatte. Er besteht aus Monologen, indirekten Dialogen, es liegen Zeitbrüche vor, das heißt, in jener Epoche war er kein Roman mit traditionellen Strukturen, aber dennoch wurde er nicht nur von den Lesern, sondern auch von der Kritik gut aufgenommen.

... und du wolltest schon immer Kriminalromane schreiben?

Nein, denn ich fühlte mich zunächst zu Abenteuerromanen berufen, wie solchen aus der griechischen Antike oder jenen aus dem Mittelalter oder auch der Odyssee. Alle diese Romane sind für mich Abenteuerromane. Auch heute noch neige ich in meiner Literatur dazu, die Grenzen zwischen beiden Gattungen, dem historischen und dem fiktionalen Roman, zu durchbrechen, zu vermischen.

Welche Charaktere bevölkern deine Romane?

Mich interessiert insbesondere die menschliche Marginalität: Und das sind die jineteras (cubanische Prostituierte), die Kriminellen, Gauner, Alkoholiker etc. Außerdem fasziniert mich das Phänomen der „sozialen Pathologie“: der Verrat, die Korruption, die Lüge als Waffe in der Politik. Meine Figuren sind innerhalb dieser sozialen Marginalität aber immer etwas Besonderes; es sind außergewöhnliche Menschen, unter außergewöhnlichen Lebensbedingungen. Mein jüngst veröffentlichter Roman El Rojo en la Pluma del Loro beispielsweise handelt von einer jinetera – für die Verhältnisse der cubanischen Revolution ist diese Prostituierte eine absolut negative Person: Sie arbeitet nicht und studiert nicht. Trotzdem ist sie menschlich gesehen eine positive Person, denn sie ist loyal, mutig, fähig, jegliches Risiko für ihre Freunde einzugehen. 
Sie ist außerdem Opfer dieser Gesellschaft und versucht, auf ihre Weise, also in der Prostitution, gut zu überleben. Mich interessiert diese Figur vor allem auch deswegen, weil die cubanische Revolution nicht fähig war, sie zu retten. Deswegen wollen auch einige Leute in meiner Literatur eine Art „Subversivität“ heraussehen. Insbesondere die Traditionalisten und Fundamentalisten der cubanischen Revolution billigen es nicht, dass ich als literarische Heldin eine Prostituierte ausgewählt habe, weil sie eine negative Gestalt ist.

Welchen anderen Hintergrund hat dieser Roman?

El Rojo en la Pluma del Loro ist ein typischer Kriminalroman sowohl von seiner Struktur als auch von seiner Geschichte und den Figuren her. In diesem Roman habe ich versucht, ein großes Publikum anzusprechen, nicht nur die Leser von Kriminalromanen. Es gibt Sex, Abenteuer und Humor. Sein ideologischer Hintergrund ist die Anklage der Diktatur in Südamerika. Ich ertrage es nämlich nicht, „taube“ Literatur zu lesen und zu schreiben. Das Tagebuch der Anne Frank ist ein Beispiel für die Art Literatur, die schmerzt, die dir aber gleichzeitig die Augen öffnet. 
Ich, obwohl ich Folter ablehne, bin davon überzeugt, dass Literatur informieren muss. Und in diesem Roman suche ich ein Gleichgewicht zwischen Erträglichkeit und Aufklärung: Dass der Leser atmen kann, während er meinen Roman liest, aber dennoch von dem Terror erfährt, der dort passierte.

Du lebst jetzt seit mehr als dreißig Jahren in Cuba und wirst auch immer als uruguayisch-cubanischer Autor vorgestellt. Was bedeutet für dich der Begriff »cubanidad«? 

Die cubanidad besteht ohne Zweifel in jedem Moment unseres Lebens und nicht nur im kulturellen, sondern auch im alltäglichen Leben. Diese Insel hat eine außergewöhnliche historische Persönlichkeit, die erlaubt einen solchen Begriff zu verwenden, um ihren eigenen Charakter zu beschreiben und zu benennen. Der Begriff wird von sehr vielen Cubanern verwendet. Ich lehne ihn dennoch ab. Nicht, weil ich Cuba seine Eigenart absprechen will. Nein, es ist vielmehr meine persönliche Abneigung gegen alles, das von Ideen eines Nationalismus geprägt ist. (sehr sympathisch – d. Säz.) Ich verleugne damit selbstverständlich nicht, dass es Regionalität in Cuba und der ganzen Welt gibt. 

In der Kulturzeitschrift „La Gaceta de Cuba“ spricht man in einer Ausgabe von „Der Ofen der neunziger Jahre“, um die Situation jener Jahre in Cuba zu beschreiben – nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus in Europa ...

„Der Ofen“ als Metapher für das, was wir während dieser Jahre erlebt haben, erscheint mir sehr treffend. Für meine Generation, lass mich hier etwas ausholen, war Cuba immer der „Altar der Amerikanischen Revolution“. Ich ging nach Cuba, um meinen Beitrag für die cubanische Entwicklung zu leisten. Und als in den Jahren 1989/90 die alte Partei Lenins verschwindet und mit ihr die Sowjetunion, sah ich mich untergehen, wie neunzig Prozent des Landes. Nie glaubte ich, dass wir überleben könnten. Und ab der Periode der Perestroika distanzierte ich mich komplett vom Thema „Cuba“. Ich flüchtete nach Athen in die Zeit 432 vor Christus, um nicht von der Gegenwart reden zu müssen und schrieb meinen ersten historischen Roman (1994 unter dem Titel El Ojo dindymenio, 2000 unter dem Titel El Ojo de Cibeles erschienen). Ich war dermaßen pessimistisch. Ich war davon überzeugt, dass sie uns besiegt, dass sie uns zerstört hatten und mit uns die Idee, die Internationale Kommunistische Bewegung könne eines Tages zur Humanität gelangen. Mit dem historischen Roman distanzierte ich mich komplett von der Politik. Aber dann, als wir sahen, dass wir, und mit uns die Sache, bis Ende der neunziger Jahre überlebt hatten, fing ich wieder an Hoffnung zu schöpfen und mich aufs Neue der literatura militante zu nähern, und zwar kämpferisch und nicht deklamatorisch.

Was wird es nach Fidel Castro geben?

Ein großes Begräbnis! 
Cuba ist sogar für uns ein Geheimnis, die wir hier leben. Nie wirst du voraussehen können, was in diesem Land passieren wird. Die cubanische Jugend, die ich sehr genau kenne, ist grundlegend negativ eingestellt. Das einzige, was sie im Kopf hat, ist Dollar, Frauen, Marihuana und nicht arbeiten. Schau, ich habe vier Söhne: Zwei leben in Rom; sie sind aus Argentinien exiliert. Einer war mit 17 Jahren in der Escuela Mecánica de la Armada (berüchtigtes Folterzentrum der argentinischen Militärdiktatur – die Red.) und der andere war 13 Jahre jung, als er von der damaligen Diktatur gefoltert wurde. Sie gingen beide nach Rom und fingen dort mit Straßenverkäufen an, ganz bescheiden. Und heute leben sie mit ihren Familien sozial und wirtschaftlich gesehen gut.
Meine anderen zwei Söhne, die ich hier in Cuba aufgezogen habe, im Paradies der Ideen, haben an nichts Interesse, obwohl sie in unserem Haus nie alberne Unterhaltungen gehört haben. Das sind die Widersprüche sozialistischer Länder und deswegen spreche ich in meinem Roman von Bini, der Prostituierten. 
Aber trotz allem: Ich bin ein alter Revolutionär, der unbedingt an die Gerechtigkeit der Revolution glaubt (und mehr als je zuvor). Auch wenn ich die Umstände in Cuba kenne, die Fehler sehe, bin ich weiterhin davon überzeugt, dass ich in der gerechtesten Gesellschaft lebe, die existiert. Ich kenne keine bessere.

Was bedeutet für dich La Habana?

Es ist meine Heimat, ich kann nicht mehr außerhalb von La Habana leben.


Das Gespräch führte und übersetzte Ute Evers im Februar 2002 in Havanna.

Macho pikant (kann hier über Amazon bestellt werden)
Ende September Erscheint im Europa-Verlag Hamburg Daniel Chavarrías Kriminalroman „Macho Pikant“ (ISBN 3-203-85200-4, 80 Seiten, 7,90 Euro).

1) Daniel Chavarría auf deutsch:
Operation Joy, Verlag Neues Leben, Berlin 1984
Die sechste Insel, Verlag Neues Leben, Berlin 1989
Die Wunderdroge, Heyne, München 1996
Die Radfahrerin, Heyne, München 2000
Diese Romane sind derzeit vergriffen. 

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