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Entwicklungsenergie / ila 273

Dignas Schicksal ist 
das Schicksal vieler Frauen
Interview mit dem mexicanischen Regisseur Felipe Cazals
von Philipp Lichterbeck und Charlynne Curiel

Der mexicanische Regisseur Felipe Cazals hat auf der 54. Berlinale seinen neusten Film „Digna hasta el último aliento“ vorgestellt. Der Film behandelt die Umstände des Mordes an der mexicanischen Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa y Plácido, die im Oktober 2001 in Mexico-Stadt erschossen wurde. Die 38-Jährige vertrat unter anderem die Angehörigen der Massaker von Aguas Blancas und Acteal in Chiapas. Sie ging auch gegen Verantwortliche in Staat und Militär vor und wurde deshalb immer wieder bedroht. Im Oktober 1999 wurde sie von Vermummten in ihrer Wohnung neun Stunden gequält und verhört. Nach dem traumatischen Erlebnis ging sie für mehrere Monate nach Washington. Im April 2001 kehrte sie nach Mexico zurück, um sich im Fall der Ökobauern in der Sierra de Petatlán in Guerrero zu engagieren. Die Bauern, die sich gegen die Abholzung ihrer Wälder zur Wehr setzten, wurden von Militärs und Paramilitärs terrorisiert. Es ging in dem Fall jedoch offenbar weniger um Holz, als vielmehr um den Anbau von Drogen. Obwohl viele Spuren Richtung Guerrero wiesen, wurde die Behauptung, Digna Ochoa habe Selbstmord verübt, schon kurz nach ihrem Tod in Umlauf gebracht. Der Suizid-These schloss sich die den Fall untersuchende Staatsanwältin an. Unter Hinweis auf den „instabilen und umtriebigen“ Charakter der Menschenrechtlerin erklärte sie den Fall im Sommer 2003 für abgeschlossen.

Felipe Cazals scheint diese dunkellila Baseballmütze nie abzusetzen. Bei der Premiere seines Dokumentarfilms „Digna hasta el último aliento“ auf der 54. Berlinale trägt er sie ebenso wie zwei Tage später im Hotel Crowne Plaza: tief ins Gesicht gezogen, am Hinterkopf schaut ein Schopf silberner Haare heraus. Cazals lädt zum Kaffee ein, bestellt selbst einen Tee. Er ist in unauffälligen grauen Cord gekleidet, um den Hals trägt er den Berlinale-Pass. Während das Festival nach drei Tagen langsam hysterische Züge annimmt, bewahrt sich Cazals eine angenehme Unaufgeregtheit. Der 1937 in Frankreich geborene Mexicaner formuliert knapp und klar, kein „bueno“ oder „pues“ unterbricht seine präzisen Gedankengänge. Cazals, der heute zu den wichtigsten Regisseuren Mexicos gerechnet wird, hat seit seinem Debüt 1965 weitere 24 Filme gedreht. Der Durchbruch gelang ihm 1975 mit „Canoa“. Darin erzählt Cazals die wahre Geschichte eines Lynchmordes an mehreren mexicanischen Studenten, die von den Bewohnern eines Dorfes für kommunistische Agitatoren gehalten wurden. Nach 1975 und 1986 ist Cazals dieses Jahr zum dritten Mal auf der Berlinale vertreten. Er glaubt, das Festival finde zur falschen Jahreszeit statt. Es sei immer so bitterkalt, sagt er, und traue er sich daher kaum aus dem Hotel, um andere Filme anzuschauen.

Señor Cazals, sind Sie zufrieden mit der Reaktion des Berlinale-Publikums auf ihren Film? 

Ich muss sagen, die Zuschauer hier sind immer pünktlich und gebildet. Man interessiert sich und ist offen für neue Themen. Vor der Premiere hoffte ich eher auf Stille als auf das obligatorische Applaudieren bei Ende des Films. Und so war es auch. Die Zuschauer brauchten erst eine Weile, um wieder zu sich kommen. 

Die Betretenheit, das war doch kein Wunder. Das Bild, das Sie von Mexico zeichnen, ist ziemlich düster. Die zentrale Botschaft lautet: Es gibt keine Gerechtigkeit. 

Das ist die Realität. Mein Land durchlebt eine schwarze Epoche. Der Fall Digna Ochoa ist das beste Beispiel. Die Mörder laufen frei herum, die Staatsanwaltschaft beharrt auf einer absurden Selbstmordversion. Dahinter stecken Herrschaften, die glauben – und meistens zu Recht – , sie stünden außerhalb des Rechts. Präsident Fox sagte in einer ersten Stellungnahme, der Mord an Digna sei ein Verlust für ganz Mexico. Gleichzeitig unternahm seine Regierung nichts, um den Fall aufzuklären. 

Ihr Film dauert fast zwei Stunden. Sie lassen mehr als ein Dutzend Personen auftreten, darunter Militärs, Menschenrechtler, Jesuiten, Journalisten, Guerilleros, Freunde von Digna, Familienangehörige. Nicht nur weil sich deren Aussagen teilweise widersprechen, entsteht ein eher undurchsichtiges Bild. Haben Sie bei Ihrem Film nicht das Publikum aus den Augen verloren, von dem sie nicht annehmen können, über den Fall Digna Ochoa Bescheid zu wissen?

Es stimmt. Aus den vielen verschiedenen Stimmen im Film entsteht so etwas wie ein Konzert. Es ist ein Chor, der nicht immer harmonisch singt. Doch aus seiner Vielstimmigkeit, aus seinen Dissonanzen entsteht das Profil einer Gesellschaft, in der Morde wie der an Digna möglich sind. Diesen Rahmen zu schaffen, der gezwungenermaßen sehr komplex ist, war mein Hauptanliegen. 

Digna sagt an einer Stelle im Film, dass sie Rechtsanwältin werden wollte, weil sie an Gesetz und Gerechtigkeit glaubte. Erst später habe sie festgestellt, dass Gerechtigkeit und Gesetz in Mexico jeden Tag neu erkämpft werden müssten. Nicht mit dem Staat, sondern gegen den Staat, der nicht neutral sei, sondern von Korruption zerfressen.

Sie sehen, Digna hat das Wesentliche nie aus den Augen verloren, wie einige Gesprächspartner im Film behaupten. Der Drogenhandel und die mit ihm verbundene Korruption sind in den letzten Jahren zu gigantischen Problemen geworden. Dabei sollten wir aber nicht resignieren. Die Mexikaner sind größer als ihre Probleme. Auch hierfür ist Digna Ochoa ein gutes Beispiel.

Ist der Mord an Digna also ein exemplarischer Fall? 

Das Schicksal von Digna ist das Schicksal vieler Frauen aus armen Familien. Digna kam aus bescheidenen Verhältnissen und hat sich dank ihres Glaubens und eines unglaublichen Beharrungsvermögens hochgearbeitet. Aber alles was sie geerntet hat, war der Machismo einer Gruppe von Leuten, die sich gefragt haben: Wie ist es möglich, dass diese beschissene Alte hier auftaucht und Probleme macht? Digna hat die Mächtigen dieser Gesellschaft provoziert und sie haben ihr gezeigt, wo die Grenzen liegen. Das soll keine Entschuldigung des Mordes sein. Vielmehr ist es ein Beweis für die Unsinnigkeit der Selbstmordtheorie. Digna war eine kämpferische Frau. Sie konnte sich in einen Gerichtssaal stellen und Polizisten zurechtweisen. Sie hatte den Mut, gegen Mitglieder des Justizministeriums und gegen hochrangige Militärs zu ermitteln. Bringt sich so jemand um? Wohl eher nicht. Selbstmord existierte nicht mal in Dignas Vorstellung. Darüber hinaus hätte sie es niemals ihren Kollegen antun können. Die Selbstmordtheorie ist eine Beleidigung der Intelligenz. Aber die Botschaft der Mörder an die Menschenrechtler ist klar: Lohnt es sich weiterzumachen, wenn das der Preis ist? Menschenrechtler sind keine Guerilleros, die bereit sind, für eine Sache zu sterben. Sie wissen sehr wohl, dass sie tot niemandem nützen.

Sind Sie während der Dreharbeiten behindert worden? 

Überhaupt nicht. Drei Tage nach dem Mord an Digna hat mich der Präsident der Menschenrechtsakademie angerufen und gesagt: Mach einen Film! Die Schwierigkeit bestand eher darin, mit den vielen Leuten, die im Film auftauchen, eine Beziehung aufzubauen. Bevor ich überhaupt ans Drehen denken konnte, musste ich mich lange mit ihnen unterhalten. Wenn wir dann filmten, dauerte es manchmal zwei Stunden, bis ein Gesprächspartner vergaß, dass eine Kamera vor ihm stand. Dann rückte er meist mit den interessanten Geschichten heraus. Die ganze Vorarbeit dient diesen Momenten der Wahrheit.

Ihr Film wird in Mexico erstmals auf dem Filmfestival in Guadalajara laufen. Was, glauben Sie, wird er bewirken?

Ich wäre schon zufrieden, wenn drei von Tausend Zuschauern nach dem Film sagen, die Selbstmordtheorie ist Quatsch, der Fall Digna Ochoa muss neu aufgerollt werden. Ich argumentiere in meinem Film nicht juristisch, aber die Umstände ihres Todes lassen nur diesen Schluss zu. 

Haben Sie deshalb die fiktionalen Szenen eingebaut? Sie haben ja keinen reinen Dokumentarfilm gedreht, sondern eine Doku-Fiktion. Zwischen den Interviews tauchen immer wieder Spielfilmszenen auf, in denen Sie auch den letzten Tag von Digna Ochoa, den 19. Oktober 2001, rekonstruieren. Sie filmen Digna aus der Sicht ihrer Verfolger. Wie sie durch Einkaufszentren hetzt, in die Metro springt, versucht, im Taxi zu entkommen. Die Bilder haben einen Blaustich und sind verwackelt.

Ich wollte eine Kamera simulieren, die Auftragsmörder oftmals verwenden, um ihre Opfer zu studieren. Sie sind nicht größer als Lippenstifte und man kann sie ans Revers heften. Ich habe Dignas letzten Tag anhand ihres Terminkalenders rekonstruiert. Aber die Szenen sind alle improvisiert. Vanessa Bauche, die Digna spielt, sollte sich frei bewegen, wir haben ihr bloß ab und zu über einen kleinen Knopf im Ohr Anweisungen gegeben.

Wie sind sie auf Vanessa Bauche gestoßen, die in Amores Perros an der Seite von Gael García Bernal spielte? 

Sie stand ganz oben auf meiner Wunschliste. Zwischen ihr und Digna besteht eine gewisse Ähnlichkeit, was Gesichtsform und Statur angeht. Wir haben uns getroffen und lange geredet. Dann habe ich sie gebeten so zu tun, als ob sie ein Zucken im Hals hätte, weil Digna oft mit dem Hals zucken musste. Als ich sah, wie professionell Vanessa zuckte, wollte ich sofort mit ihr arbeiten. Sie musste dann sechs Kilo zunehmen und mehrere Wochen durch Mexico-Stadt laufen, immer mit dem Hintergedanken, dass sie verfolgt würde. Ich finde, Vanessa macht die Angst und die Panik, die Digna verspürt haben muss, sehr deutlich.

Aber brauchen Sie denn diesen fiktionalen Part überhaupt? Nehmen Sie durch die Spielfilmszenen dem Zuschauer nicht die Möglichkeit, seine eigenen Schlüsse zu ziehen?

Jeder Film erreicht zunächst die Emotionen der Zuschauer. Dann erst kommt die Reflexion. Ich wollte durch die Spielfilmszenen Spannung erzeugen, das Ende hinauszögern. Denn der Zuschauer weiß von Anfang an, was passieren wird. Es ist meine Version, wie der Mord an Digna stattgefunden haben könnte. Ihre Mörder verfolgen sie durch die Stadt. Als Digna in ihrem Büro ankommt und die Tür aufschließt, rufen die Mörder an. Sie stürzt zum Telefon, lässt die Tür offen und einer der Mörder kommt hinter ihr in die Wohnung. Digna wehrt sich, ein Schuss fällt, die Kugel bleibt in der Wand stecken. Beim zweiten Mal schießt der Mörder ihr ins Bein. Beim dritten Mal in den Kopf. Dann positioniert er ihren Körper derart, dass man klar erkennen kann: Dies war eine Exekution. Das ist die Botschaft an die Menschenrechtler in Mexico. Mischt euch nicht in Dinge ein, die euch nichts angehen. 

Warum hat Digna, als sie merkte, dass sie verfolgt wurde, niemanden angerufen oder ist zu Freunden gegangen?

Sie hatte es satt, ständig um Hilfe zu bitten. Die Situation war nicht neu für sie. Sie war schon so oft bedroht worden. Irgendwann hatte sie das Gefühl, niemand – auch nicht ihre Kollegen – nähme sie mehr ernst. Sie hatte begonnen, mit der Angst zu leben und alleine mit ihr umzugehen.

Wie sind die Bedingungen für Filmemacher im Mexico von Präsident Fox?

Katastrophal. Fox ist gerade dabei, die mexicanische Filmindustrie auszulöschen. Während andere Präsidenten wie beispielsweise Lula in Brasilien in die Filmindustrie investieren, schlägt seine Regierung vor, das Instituto Mexicano de Cinematografía und das Centro de Capacitación Cinematográfica zu schließen. Mexico ist für Fox eine Firma, die es zu verwalten gilt. Alles, was keine sichtbare Rendite abwirft, ist automatisch wertlos. Die Kultur gehört dazu. Fox hält sie für überflüssig. Außerdem besteht in der herrschenden Klasse ein generelles Misstrauen gegenüber Filmen. Das Medium ist ihnen nicht ganz geheuer. Im Gegensatz zum Fernsehen, wo sie ihre Lügen verbreiten können. Aber das Kino ist der Ort der Wahrheit. Es ist Teil des kulturellen Erbes Mexicos. 

Die dritte Vorführung Ihres Films beginnt in zwei Stunden. Gehen Sie nicht hin?

Ich bleibe im Hotel. Ich schaue mir meine eigenen Filme ungern an. Ich entdecke jedesmal Stellen, wo ich etwas hätte besser machen können.

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