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Nicaragua-Soli ... ila/278

Neruda Unterwegs
Der chilenische Dichter wurde 100
 von Omar Saavedra Santis

Tote Dichterfürsten führen ein schweres Leben. Mit unerbittlicher Regelmäßigkeit werden sie in ihrer Ruhe durch den numerologischen Aberglauben an die sogenannten runden Gedenktage gestört, die in Wirklichkeit fünfeckig sind. Ja, wenn das Datum irgendeiner ihrer Sternstunden den magischen Kreis der Nummer Fünf, nach der indischen Mythologie die Zahl der Lebendigen, berührt, werden sie allerorten feierlich memoriert. Alte Bronzetafeln werden poliert, neue angebracht, offizielle Kränze niedergelegt, wissenschaftliche Symposien organisiert, bedächtige Reden gehalten, bunte Sonderbriefmarken gedruckt, Jubiläumsausgaben herausgegeben oder melancholische Artikel geschrieben. Pyrotechnische Huldigungen werden gezündet und manche Leichenschändungen begangen. Alles ist erlaubt. Die für immer in den gläsernen Schaukästen der Weltliteratur mit der goldenen Stecknadel des eigenen Ruhmes fixierten Dichter haben keine Chance, all dem zu entkommen. Sie gehören den Kapricen der Nachwelt und sind dazu verurteilt, alles, was uns, den Erinnernden, einfallen mag, über sich ergehen zu lassen. 

Nun, am 12. Juli war mein ehrwürdiger Landsmann Pablo Neruda wieder an der Reihe. An diesem Tag im Jahre 1904, mitten im chilenischen Winter, kam er als Neftalí Ricardo Reyes Basoalto in Parral, einer verregneten Kleinststadt im kalten Süden Lateinamerikas, zur Welt. Diese Region, der kurioserweise viele der bedeutendsten chilenischen Lyriker des vergangenen XX. Jahrhunderts entstammen, stellt im Leben Nerudas, vom Anfang bis zum Ende, einen unerschöpflichen Born dichterischer Energie dar. Allerdings war ihm sehr früh die Enge der Provinz in der Nähe eines schweigsamen, strengen Vaters, der für die poetische Neigung seines Sohnes wenig übrig hatte, schmerzhaft bewusst geworden. Noch nicht flügge, aber sich nach der Ferne schon heiß sehnend, schrieb er in einem seiner ersten Sonette: Vor sechzehn Jahren wurde ich in einem staubigen / weißen Dorf geboren, mir noch immer unbekannt / und weil dies ein wenig vulgär und kindisch klingt / wenden wir uns, vaganter Bruder, meiner Jugend zu.

Früh, für ihn aber sicherlich nicht früh genug, kehrte er mit achtzehn Jahren der ihn zu ersticken drohenden Provinz für immer den Rücken und begab sich auf den rastlosen Marsch durch Zeit und Raum des Menschen. Neruda war weder Tagebuchführer noch Kartograph. Über die Stationen seiner langen, unaufhörlichen Reise, über Begegnungen, Begebenheiten, Irrwege, Gipfel und Abgründe, über die vorbeiziehenden Landschaften und all die anderen Dinge gibt seine Poesie am besten Auskunft. Will man über den Aufenthalt des Dichters Neruda auf Erden wirklich Wesentliches erfahren – es sei mir eine Empfehlung erlaubt – sollte man, anstatt im letzten Buch eines der tausendundeinen ehren- und hauptamtlichen Nerudologen zu blättern, lieber seinem Wort lauschen. Einen Blick in die von Nerudas Hand gezeichnete, poetische Geographie zu werfen bleibt die bessere Alternative, um zu ihm und damit in die selten betretenen Gefilde des Erstaunens zu gelangen.

Mit Zwanzig schafft er das Werk, das mit Sicherheit zu den bekanntesten der hispanoamerikanischen Liebesdichtung gehört und seit Generationen von hilfesuchenden Verliebten immer wieder vergriffen wird: „Zwanzig Liebesgedichte und ein verzweifeltes Lied“. Dass dieses schmale Büchlein, ganz oder filetiert, zu den am meisten und am schamlosesten plagiierten zählt, hat es eigentlich sich selbst verschuldet. Am Rande sei bemerkt, dass der junge Neruda seinerseits das sechzehnte Steinchen für dieses neoromantische Juweliergesellenstück ohne danach zu fragen aus dem Speicher des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore entliehen hat. Dennoch liegt der Grund für die zu Lebzeiten und darüber hinaus anwachsende Popularität Nerudas nicht allein in seinen Liebesgesängen. Die poetische Macht seines Wortes beschränkt sich nicht auf das üppige, farbenfrohe und stets erweiterte Angebot seines lyrischen Eros. Es gibt in der Tat kaum eine thematische oder formelle Grenze, die seine poetische Neugier nicht überschritten hätte. Verfolgt man seine Route von den traurigen Ecken der „Dämmerungen“ bis hin zu den Tummelplätzen von „Ausgewählte Mängel“, stellt man beinahe ängstlich fest, dass er sich an keine Spielregel hält, vor keiner Akademie niederkniet, sich jeder ästhetisierenden Zwangsjacke entzieht. Sein Gesamtgedicht ist ein Anfang ohne Ende. Der tradierte Vergleich mit dem König Midas ist nicht von ungefähr entstanden. Alles, was Neruda anfasst, wird zu Poesie.

Bekanntlich war Neruda ein begeisterter Hausbauer und leidenschaftlicher Sammler. Er hat seine Häuser nach eigenen, schrulligen Vorstellungen bauen lassen. Zwei von ihnen liegen am südlichen Ufer des Stillen Ozeans: eins in Isla Negra – einem Fischerdorf, das entgegen seinem Namen weder eine Insel noch schwarz ist – und das andere, „La Sebastiana“, in Valparaíso. Es sind große, in ständigem Umbau befindliche Häuser mit engen Treppen und riesigen Fenstern mit Blick auf die rastlose Unermess-lichkeit des Pazifik. Ihre Architektur, Baumaterialien und Gegenstände ähneln irgendwie Nerudas Poesie. Sie sind voll gestopft mit dem wundersamsten Zeug, wozu friedliche Menschenhand und reger Menschengeist je fähig gewesen sind. Das Sammelsurium reicht von im Winter tränenden Galionsfiguren über antike Fernrohre, Glocken und noch einmal Glocken, über Globen, Nippes und Kitsch, über Buddelschiffe, Astrolabien, Fahnen und Kapitänsbilder, über Sanduhren, leere und volle Flaschen, alte Spielzeuge, Insektensammlungen, Muscheln und Inkunabeln bis hin zu einem im Strand vor Anker gegangenen Lokomobil, das ihn vielleicht an seinen Vater, den stillen Eisenbahner, erinnern sollte.

Ja, nicht nur in einer Richtung oder innerhalb einer Dimension bewegte sich der kosmopolitische Provinzler, der stets seine Weltbürgerschaft leugnete, ohne jedoch auf sie verzichten zu können. Vielleicht war für ihn die Weite, die er zeitlebens vorzog, nichts anderes als eine willkommene Gelegenheit, jedes Mal von Neuem in den Genuss zu kommen, nach Hause zurückzukehren. Chile war der Heimathafen dieses Seefahrers. Anfangs eher von Instinkten denn von Intentionen getrieben, bemühte sich Neruda Tag für Tag, sich in alle Fragen des Menschen von der Wiege bis zum Augenblick des letzten Atemzuges – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge – hineinzuwagen. Das tat er, ohne schwindelfrei oder unfehlbar zu sein, doch mit der Zuversicht des Lernenden. Das Gehen als schöpferisches Prinzip war Neruda wichtiger als das Risiko des Stolperns. „Die Irrtümer, die mich zu einer relativen Wahrheit gebracht haben, und die Wahrheiten, die mich immer wieder in den Irrtum zurückführten, haben mir nicht erlaubt – und ich habe auch nie diese Absicht gehabt – das zu lenken, zu leiten, zu lehren, was man den schöpferischen Prozess nennt, die ungebahnten Wege der Literatur.“ 

In seinem poetischen Werden, das allein vom Tode unterbrochen werden konnte, bezog er ätherische Sphären und parteipolitische Schützengräben, beteiligte sich an der nihilistischen Zerfleischung des eigenen Daseins in der einsamen Schwüle von Ceylon und an der trommelnden Plakatierung der Geschichte in Zeiten des kalten Krieges. Mit verspielter Eigenwilligkeit erkundete er die Welt der einfachsten Dinge und schlenderte immerfort durch alle Regionen und Zeiten, durch Mythen und Geschichte seines lateinamerikanischen Kontinents. Es ist eine alte und müßige Frage, ob Dichtung in der Lage sei, die Realität zu verändern. Pablo Neruda ist es jedenfalls gelungen, sie mit Ja zu beantworten. Nur schwerlich würde jemand es wagen zu behaupten, dass Lateinamerika nach „Der Große Gesang“ dasselbe geblieben ist.

Naturgemäß steht das übermächtige nerudaische Ich am Ursprung jeder seiner Schöpfungen. Nach der nach Tod schmeckenden Düsternis der ersten „Aufenthalte auf Erden“ hatte Neruda gelernt, es weder bis zur poetischen Selbstzerstörung zu treiben, noch es im unfruchtbaren Sand der „reinen Poesie“ versickern zu lassen. Auch wenn der Dichter das Amt des Schulmeisters schroff von sich weist, überkommt ihn über weite Strecken seines Weges die Lust, sich mal unauffällig, mal polternd bei seinem Leser als propädeutischer Verführer auszugeben. Obwohl seine Stimme unverwechselbar bleibt, gleicht seine Poesie einem tönenden Kaleidoskop, in dem sich ein und dasselbe Gedicht jedes Mal anders anhört, je nachdem, wie dem Leser im Augenblick zumute ist. Mit dieser metamorphischen Eigenschaft, die jeder großen Dichtung Universalität und Permanenz verleiht, sind nicht viele Poeten ausgezeichnet worden. Die Auserwählten allerdings, wie es Neruda einer war, sind für ihre literarische Zeit auch ein Danaergeschenk. Auf ihrem Schaffensweg durch das in vielerlei Hinsichten empfindliche Ökosystem der Literatur hinterlassen diese Monster zeitweilig eine brache Landschaft, als hätten sie alle Gefühle leer getrunken und alle Originalitätswiesen kahl gefressen. Und es ist unerklärlich normal, dass das Monster zur Gottheit und sein Wort zum Dogma wird. Epigonentum macht sich breit, überall blüht das Geschäft mit der nachahmenden Bijouterie. 

Ein halbes Jahrhundert hat Nerudas massige Gestalt die lyrische Literatur Chiles und teilweise die von ganz Lateinamerika nolens volens diktatorisch ausgefüllt. Mit Sicherheit war das nicht seine Absicht gewesen. Neruda hat sich selbst sehr früh von jeder literarischen Strömung distanziert und war nie bestrebt, Grundsteine für eine poetische Schule nach eigenem Ebenbild zu legen. Schon der Gedanke, Rezepte verschreiben zu müssen, widerstrebte ihm. Das gediegene Motto des Monarchisten „Ein Thron, ein Arsch“ stand nicht in seinem Wappen. Die Rolle des absolutistischen Souveräns hat er nie gesucht und dennoch sich daran genüsslich ergötzt. Zeitgenössische und heranwachsende Dichter, die stur auf der Einzigartigkeit und Einziggültigkeit ihres eigenen Ichs beharrten, hatten es schwer, sich neben ihm Gehör zu verschaffen. Nicht zu bestreiten ist jedoch, Nerudas Größe sei Dank, dass eben aus diesem Befreiungskampf gegen seine Krone zahlreiche neue Dichter Chiles hervorgegangen sind. Einige von ihnen von essentieller Bedeutung für die Weltpoesie.

Ja, Pablo Neruda ist ein großer Dichter, aber... In der Nerudaica nimmt dieses „Aber“ einen ausgedehnten Raum in Anspruch. Inzwischen hat er viel größere Ausmaße erreicht als der Gegenstand selbst. Wären alle Schriften über Neruda nebeneinander gereiht, würden sie mühelos den Äquator umrunden können, behauptet ein Neruda-Spezialist nicht ohne Selbstironie. Dennoch scheint es, als ob immer noch nicht alles über ihn gesagt worden sei. Es ist also nur verständlich, dass mit der Zeit weniger das eigentliche Werk als das „Aber“, das es umgibt, erforscht wird. Suggerierend oder behauptend wird dieses „Aber“ ausgesprochen, um den Mythos Neruda zu entzaubern. Die Beweggründe dafür sind unterschiedlicher Natur und stehen nicht in jedem Fall im Dienste einer vermeintlich notwendigen Aufklärung. Auch der Neid und das Ressentiment, diese unvermeidlichen Schattenbrüder des Ruhmes, melden sich regelmäßig zu Wort. Ebenso der ölige Tartüff, der dem Dichter bei jeder Gelegenheit öffentliche Lektionen in Sachen Sitte und Moral verpassen will. Schon zu Lebzeiten weltberühmt, musste Pablo Neruda nicht nur den Honig verströmenden Chor seiner Gemeinde anhören, sondern auch das Kriegshorn seiner Rivalen. Einige der Widersacher gehörten wie er zur Zunft der Poeten. Auf ihre Attacken reagierte Neruda meist gelassen, mal aber auch mit extremer Gehässigkeit. Auf jeden Fall war die Liste seiner Feinde unverhältnismäßig kürzer als die seiner Freunde. Für die Letzteren stehen Namen wie Federico García Lorca, Rafael Alberti, Jorge Amado, Louis Aragon, Pablo Picasso, Ilja Ehrenburg, Nazim Hikmet, Anna Seghers, Stefan Hermlin, Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez, Volodia Teitelboim oder Salvador Allende. 

Spätestens seit 1936 wurde das politisches Engagement in jeder Beziehung aktiver Bestandteil seines Lebens und seiner Dichtung. Die flammende Parteinahme Nerudas für die Sache der spanischen Republik und gegen die Sache des Faschismus leitete die zweifelsohne fruchtbarste und die gleichzeitig umstrittenste Etappe seines dichterischen Schaffens ein. Im Jahr 1945 trat er offiziell der Kommunistischen Partei Chiles bei, der er auf verschiedene Weise loyal und diszipliniert diente und der er bis zu seinem Tod die Treue hielt. Ein Verhalten, das in unserer illusionsarmen Gegenwart eines rührend musealen Nachklangs nicht entbehrt. Damals aber, in der Zeit zwischen der spanischen Tragödie und der Befreiung von Auschwitz und in den darauf folgenden bleiernen Jahrzehnten des kalten Krieges, war eine solche Haltung unter den Intellektuellen nichts Außergewöhnliches. In Zeiten, als der antikommunistische Hexenhammer gegen alle und alles geschwungen wurde, die die gute alte Ordnung der Dinge in Frage stellten. Es war sicherlich auch die brennende Verbundenheit Nerudas mit den „Verdammten dieser Erde“, die ihm die Bewunderung und Sympathie von Millionen in der ganzen, nicht nur der damals real existierenden sozialistischen Welt einbrachte. Aus diesem Grund wurde und wird immer von Neuem der Versuch unternommen, Neruda der blinden Gehorsamkeit eines Roboters im Dienste Stalins zu bezichtigen und seine Poesie auf das Niveau eines Pamphlets herabzusetzen. Dieser Versuch wird beim ersten flüchtigen Durchblättern seiner Bücher Lügen gestraft. Gewiss, auch Pablo Neruda hat ein paar unglückliche Hymnen komponiert, an die er sich später nur allzu ungern erinnerte. „Ich verstehe natürlich, dass Revolutionen und besonders ihre Männer dann und wann dem Irrtum und der Ungerechtigkeit verfallen. Die ungeschriebenen Gesetze der Menschheit schließen gleichermaßen Revolutionäre wie Konterrevolutionäre ein. Niemand entgeht dem Irrtum.“ Sich dazu zu bekennen, hieß bei ihm jedoch nicht, die durch manche gewaltigen Irrtümer durchlöcherten Fahnen der menschlichen Solidarität, Gerechtigkeit und Würde gegen das Büßerhemd des eifrigen Konvertiten zu tauschen.

Die Angriffe gegen Neruda blieben nicht auf den Bereich des holden Wortes einiger ihm nicht wohlgesinnten Kollegen oder Kritiker beschränkt. Seine Poesie schützte ihn nicht vor den Bütteln, die ihn 1949 zur Flucht und ins Exil trieben. Die dringende Verteidigung der Demokratie veranlasste die damaligen Regierungen Italiens und Frankreichs, den gefährlichen Poeten aus Gründen der nationalen Sicherheit des Landes zu verweisen. Die akribische Kartei, die das FBI über ihn geführt hat, ist mit Sicherheit dicker und ausführlicher als manche Monographie. Dass unter guten Freunden die besten Feinde zu lauern pflegen, beweist der berüchtigte „Brief der Kubaner“, der ihn an den Schandpfahl der lateinamerikanischen Revolution nageln sollte. Anlass dafür war eine Lesereise von Pablo Neruda in den USA auf Einladung des PEN-Clubs und eine Auszeichnung der peruanischen Regierung. Ein Affront, den er nie verziehen hat. 
Auch in diesen Tagen des Erinnerns an Neruda fehlt nicht der Kleingeist, der seinen Siegesschrei neben dem Grab des Dichters, den rauchenden Hammer noch in der Hand, ausposaunt: „Seht ihr! Außen Marmor, innen Gips!“. Diese erhabene Sekunde der Selbstverwirklichung sei ihm gegönnt. Dann kann die Poesie Nerudas den Dialog mit uns wieder aufnehmen. Denn: „Was bleibt übrig von der kleinen Fäulnis, von den kleinen Verschwörungen des Schweigens, von den kleinen Flüssen der Feindschaft? Nichts, im Hause der Poesie bleibt nichts anderes übrig als das mit Blut Geschriebene, um von anderem Blut gehört zu werden.“

Der schwerkranke Neruda hat den Putsch des General Pinochet in September 1973 ganze zehn Tage überlebt. „Sie werden alle getötet! Sie werden alle getötet!“, wiederholte er in seinen letzten Delirien. „La Chascona“, sein schönes Haus in Santiago, wurde von den heroischen Soldaten Chiles gründlich zerstört. Von dort aus startete, bewacht von schwerbewaffneten Truppen, der Leichenzug, der ihn zu Grabe trug. An seiner Beerdigung nahmen einige Hunderte teil. Darunter die Botschafter Schwedens und Mexikos als einzige Vertreter der Außenwelt. „Die Internationale“ wurde zitterig, aber trotzig gesungen. Es war die erste öffentliche Demonstration gegen die Diktatur. Zum Tode des Dichters ordnete der General eine Staatstrauer von drei Tagen an. Und für siebzehn Jahre hat er ihn in Acht und Bann getan.

Nichts liegt mir ferner, als hier ein unbefangenes, objektives Wort über Pablo Neruda sprechen zu wollen. Meine lange, innige Bekanntschaft mit ihm gestattet mir keine Distanz, die ich auch nicht anstrebe. In seiner Nähe fühle ich mich nach wie vor wohl. Dafür gibt es Gründe. „Der Große Gesang“ erschien 1950 illegal in Chile. Mein Vater war der stolze Besitzer eines Exemplars aus dieser ersten Ausgabe, später geschmückt mit dem grünen Autogramm vom Compañero Neruda. Dieses Buch war meine erste Fibel. Mit seinen Versen brachte meine Mutter mir das Lesen bei. Es wäre übertrieben zu behaupten, mein ganzes Leben sei von diesen Lesestunden geprägt. Vergessen aber habe ich sie nicht. Vierundzwanzig Jahre danach suchte die Geheimpolizei Pinochets nach meinem Vater. Wie üblich bei solchen Aktionen durchwühlte sie das ganze Haus, sogar die Hütte von Humilde, unserer äußerst unpolitischen Hündin. Da man den Gesuchten nicht fand, verschleppten die Agenten an seiner Stelle alle subversiven Bücher aus unserer kleinen Familienbibliothek. Darunter befand sich meine Lesefibel. Auch das habe ich nicht vergessen. Und auch das ist Teil meiner Erinnerungen an diesem runden, fünfeckigen Geburtstag meines ersten Lehrers.

Im Luchterhand-Literaturverlag sind mehrere Bände mit Gedichten Pablo Nerudas erschienen und als preiswerte Taschenbuchausgaben lieferbar. Vom "Großen Gesang" (Canto General) in der Vertonung mit Mikis Theodorakis liegen mehrere Aufnahmen auf CD vor, unter anderen die legendäre griechische Uraufführung im Stadion von Piräus nach Theodorakis Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1975 (Rca local BMG)