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Musik / ila 219

Gehüpft wie gesprungen
Interview mit den Afro-Cuban All Stars

Seit dem Erscheinen von CDs wie „Buena Vista Social Club“ oder  „A toda Cuba le gusta“ von den Afro-Cuban All Stars boomt cubanische Musik in Europa und den USA. Der Son, die originär cubanische Musik, erlangte bereits in den 40er und 50er Jahren Welterfolge, und Stars wie der legendäre Sänger Beny Moré wurdenAfro Cuban All Stars international gefeiert. Die Revolution bereitete der „goldenen Zeit“ der cubanischen Musik allerdings ein jähes Ende. Die Verträge mit US-amerikanischen Plattenfirmen wurden aufgekündigt, und damals noch junge Soneros wie Ibrahim Ferrer, Rubén González oder Compay Segundo gerieten in Vergessenheit.
Auf Initiative des heutigen Bandleaders der Afro-Cuban All Stars, Juan de Marcos González, trafen sich 1996 erstmalig cubanische Musiker verschiedener Generationen zu einer Session in den Egrem-Studios in Havanna. Juan de Marcos und Ry Cooder führten Regie bei den ersten Aufnahmen, und Nick Gold, Chef des britischen Labels „World circuit“, sorgte für die internationale Verbreitung. Die Musik eroberte im Sturm die „World Music“-Hitlisten und verhalf den vergessenen Soneros zu neuem Ruhm. „Buena Vista Social Club“ wurde Ende 1997 mit dem Grammy ausgezeichnet; bisher wurden eine Million CDs verkauft. Im Juni waren die Afro-Cuban All Stars auf Einladung von Misereor in Köln. Christine Hatzky nahm für die ila an einem Pressegespräch mit Juan de Marcos González, Ibrahim Ferrer, Amadito Valdés und Teresa García Caturia von den All Stars teil und stellte aus den dabei gestellten Fragen folgenden Text zusammen.


Wie erlebt ihr den Unterschied zwischen Cuba und Europa? Könnte man das als eine Art Kulturschock bezeichnen?

Juan de Marcos González: Klar ist das ein großer kultureller Unterschied. Aber für die meisten von uns ist das eigentlich kein Schock mehr, weil wir zum Teil schon seit mehr als 15 Jahren nach Europa reisen, um dort Musik zu machen.

Die Havanna-Trilogie (Buena Vista Social Club; Afro-Cuban All Stars – A toda Cuba le gusta; Introducing Rubén González), die letztes Jahr erschien, war ein riesiger Erfolg, und es gab darum einen riesigen Medienrummel.
Wart ihr überrascht davon, oder habt ihr das erwartet?

Juan de Marcos González: Nein, eigentlich war es keine Überraschung. Die cubanische Musik war ja schon in den 40er und 50er Jahren sehr bekannt, hatte einen Einfluß auf die europäische Musik und war sehr erfolgreich. Allerdings war Cuba lange Zeit musikalisch isoliert. Was uns aber schon erstaunt hat, war, daß diese Musik und vor allem die Musiker, die ja fast schon zum cubanischen Kulturgut gehören, wie etwa Ibrahim Ferrer, plötzlich einen so großen Einfluß auf junge Musiker hatten.

Einige von euch machen schon das ganze Jahrhundert hindurch Musikgeschichte. Von welchen Musikstilen seid ihr selbst beeinflußt worden?

Amadito Valdés: Einen entscheidenden Einfluß haben auf uns die cubanischen Musiker, die Soneros und Sänger wie Beny Moré, die in den 50er Jahren die cubanische Musik geprägt haben. Ibrahim Ferrer hat zum Beispiel mit Beny Moré zusammen Musik gemacht.

Wie war das für die Älteren unter euch, die das ganze Jahrhundert über soviele politische Wechsel erlebt haben – die Diktaturen von Machado bis Batista, dann die Revolution? Inwiefern hat das eure Art zu arbeiten beeinflußt?

Ibrahim Ferrer: Ich habe zum Beispiel nach der Revolution das Land verlassen und bin erst später wieder nach Cuba zurückgekehrt. In den letzten 10 bis 15 Jahren hatte ich, hatten wir, die Älteren unter uns, wenig Auftrittsmöglichkeiten in Cuba. Daß wir jetzt wieder auftreten, hat mit unseren alten Rechten zu tun. Juan de Marcos hat da sehr viel Arbeit reingesteckt und sich sehr bemüht. Gerade er hat ganz bewußt versucht, uns, die alten cubanischen Musiker, wieder groß rauszubringen. Und genau deshalb gibt es seit kurzer Zeit auch in Cuba wieder ein verstärktes Interesse an unserer Musik. Und es gibt für uns auch in Cuba jetzt wieder sehr viel Arbeit. Das Ganze ist aber zunächst im Ausland entstanden. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben wir fast nicht mehr gespielt, sind fast nicht mehr in Cuba aufgetreten und haben sehr zurückgezogen gelebt. In den vierziger Jahren hatten wir hingegen jede Menge Arbeit. In den sechziger und siebziger Jahren nicht. Und so ging es fast allen cubanischen Musikern unserer Generation.

Haben der Erfolg der cubanischen Trilogie, die Veröffentlichung der CDs im Ausland, in Europa und den USA jetzt auch Rückwirkungen in Cuba selbst, Rückwirkungen auf die cubanischen Musiker und ihre Musik?

Juan de Marcos González: Klar. Der Einfluß dieser drei Alben ist in Cuba sehr groß: Dort wird diese Art von Musik jetzt wieder gespielt. Es war eine richtige Wiederentdeckung. Auch jüngere Musikgruppen in Cuba fangen jetzt wieder an, diese Art von akustischer Musik zu spielen. Über viele Jahre hinweg war die zeitgenössische Musik in Cuba sehr von spanischen oder auch nordamerikanischen Einflüssen geprägt. Und aufgrund unseres speziellen Formats gibt es mittlerweile auch andere Gruppen in Cuba, die wie wir Solisten verschiedener Generationen in ein Projekt einbeziehen. Und es gibt andere Gruppen, die ähnliche Projekte vorhaben, beispielsweise junge Musiker, Solisten verschiedener anderer Formationen, zusammen spielen zu lassen. Der Einfluß des weltweiten Erfolges dieser Musik in Cuba ist enorm.

Welchen Einfluß hatten die Produzenten Ry Cooder und Nick Gold auf euch?

Juan de Marcos González: Beide hatten einen großen Einfluß auf uns. Nick Gold auf die Produktion, weil er ja der Chef der Plattenfirma ist, Risiken eingegangen ist und von vornherein sehr viel investiert hat. Man wußte ja vorher nicht, daß die Platte so erfolgreich sein würde. Er hat auch für die Werbung gesorgt. Beispielsweise sind letztes Jahr, bevor die Platte rauskam, 25 Journalisten aus aller Welt zu diesem Zweck nach Havanna eingeflogen worden. Für eine cubanische Platte ein ungeheurer Werbeaufwand. Von daher waren wir auch nicht so überrascht von dem riesigen Erfolg. Das war die Arbeit von Nick Gold und der Plattenfirma. Andererseits hatte Nick Gold die Idee, die Musik aus dem Osten Cubas mit den Einflüssen der Musik der Südstaaten, also dem Blues, zu vermischen.
Durch Ry Cooder, den Produzenten von Buena Vista Social Club, sind vor allen Dingen zwei verschiedende Konzepte, eine Platte zu produzieren, aufeinandergestoßen. Die eine – unsere, die cubanische – Art versucht, eine ganz fein abgestimmte Aufnahme zu machen. Wir legen besonderen Wert darauf, daß alle Instrumente perfekt aufeinander eingestimmt sind. Der Ansatz von Ry Cooder hingegen ist eher der aus dem Blues und Rock, was heißt, daß der Moment, die Spontaneität des Spiels das Wichtige ist und daß das bei der Aufnahme 'rüberkommen muß. Das ist das Verdienst von Ry Cooder. Denn er hat es geschafft, sich einzubringen und die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen zusammenzubringen.
Das ist bei Buena Vista Social Club hörbar. Allerdings ist es eindeutig eine Platte, die für Europa und für Amerika produziert wurde und nicht für Cuba oder für Lateinamerika. Es ist eine Platte für Menschen, die in großen Städten leben, die abends gestreßt nach Hause kommen, dann diese Platte auflegen, die Augen schließen und in eine andere Welt eintauchen. Und sich vorstellen, daß sie irgendwo an einem Strand liegen, in der Sonne und unter blauem Himmel. Das macht ihren großen Erfolg aus.

Worin liegt denn da der genaue Unterschied, was wäre anders gewesen, wenn diese Platte für ein cubanisches Publikum produziert worden wäre?

Juan de Marcos González: Der Hauptunterschied ist technischer Natur. Man hat, was für Cuba absolut unüblich ist, alles im Studio komplett live eingespielt. Es ging darum, das Ambiente, das im Raum herrschte, einzufangen. Und das Konzept war einfach: Wenn ein Solo hervorragend gespielt wurde – es waren große Solisten dabei wie Compay Segundo oder Eliades Ochoa – und dabei auch zwei, drei Töne nicht ganz auf der Linie lagen, dann hat man das in der Aufnahme dringelassen. Und das ist der Einfluß von Ry Cooder, das ist sein Konzept. Er konnte diese Art zu arbeiten und zu komponieren sehr gut vermitteln. Also Dinge drin zu lassen, auch wenn sie nicht hundertprozentig passen, einfach weil es darum geht, die Atmosphäre einzufangen.

Wie ist das eigentlich für euch, vor einem Publikum zu spielen, das nicht tanzen kann und die Texte nicht versteht?

Teresa García Caturia: Wir haben schon den Eindruck, daß das Publikum hier die Musik versteht, auch die Texte. Denn die Leute tanzen und singen auch. Und sie geben uns damit das Gefühl, zuhause zu sein. Ich bin zum Beispiel zum ersten Mal auf einer Tournee mit dabei und war wirklich überrascht. Ich habe zuerst gedacht, daß niemand unsere Musik verstehen würde oder auch unsere Texte. Und ich war überrascht, daß sie die Texte doch kennen, oder zumindest teilweise, weil sie mitsingen. Und sie haben auch ein Gespür für die Musik, sie tanzen und singen so, als wären sie Cubaner oder Lateinamerikaner, und das kommt auch bei uns an. Das ist für uns sehr wichtig, sehr schön und sehr bewegend.

Juan de Marcos González: Es ist auch nicht so wichtig, ob jemand die richtigen Tanzschritte kann oder nicht. Wichtig ist doch, daß man Spaß daran hat, sich zu bewegen. Und es ist egal, ob man dabei hüpft oder nur von einem Bein aufs andere springt. Mir gefällt z.B. Funk, und ich kann auch nicht Funk tanzen. Ich tanze auf Funk-Musik halt so, als wäre es ein Son Montuno – Hauptsache, die Musik löst das Bedürfnis aus, sich zu bewegen.

Ihr wart in den letzten Jahren viel in Europa auf Tournee. Habt ihr Unterschiede wahrgenommen, wie das Publikum in den einzelnen europäischen Ländern auf eure Musik reagiert?

Juan de Marcos González: Was man schon merkt, ist, daß es Länder gibt, die mehr von cubanischer Musik mitbekommen haben, in denen also beispielsweise mehr cubanische Gruppen unterwegs waren. Aber vielleicht ist das nicht so entscheidend. Vor kurzem waren wir in Slowenien auf einem Festival zu Gast und waren vor unserem Auftritt sehr müde, denn wir hatten eine lange Reise hinter uns. Im Publikum herrschte eine Riesenaufregung, und die Ausstrahlung, die enorme Energie, hat sich sofort auf uns übertragen. Und dabei handelte es sich um ein Publikum, das noch nicht viel Erfahrung mit cubanischer Musik hatte. Entscheidend war jedoch, daß die Leute die Musik mit enormer Begeisterung aufgenommen habben und sich diese Begeisterung auf uns übertragen hat. Unsere anfängliche Müdigkeit war plötzlich wie verflogen. Das ist das schönste Gefühl für einen Musiker, daß das, was er spielt, beim Publikum ankommt, Spaß macht, und daß das Publikum dieses Gefühl wieder zurückgibt. Und dabei ist es dann ganz egal, ob ein Publikum alles von der Musik versteht oder nicht.

Bei den cubanischen Musikwissenschaftlern geht die Meinung über die Salsa weit auseinander. Die einen sagen, das sei ökonomische Ausbeutung der cubanischen Musikschätze, die anderen hingegen finden das gut, weil dadurch die cubanische Kultur wieder weltweit bekannt gemacht wird. Wie seht ihr das? Salsa ist zwar von den Wurzeln her cubanisch, aber in der heutigen Verbreitungsform wurde sie in New York erschaffen.

Juan de Marcos González: Salsa ist ein Etikett, eine Beschreibung für eine Art von cubanischer Musik. Es ist zwar cubanische Musik einer anderen Art, aber es ist nach wie vor cubanische Musik. Salsa hat einfach auch die cubanische oder lateinamerikanische Musik hochgehalten. Cubanische Musik konnte durch die Salsa weltweit verbreitet werden. Das vor allem in einer Zeit, in der Cuba isoliert war und es dadurch innerhalb Cubas keine musikalische Entwicklung, keine Weiterentwicklung geben konnte.

Hat sich durch den Erfolg der drei Platten grundsätzlich die Auftrittsmöglichkeit für cubanische Gruppen in den USA verbessert?

Juan de Marcos González: Es passieren große Veränderungen, die bis vor kurzem nicht denkbar gewesen wären. Wir hatten z.B. letztes Jahr einen Auftritt in London und der Hauptsponsor des Konzerts war AT&T, ein Konzern also, der sozusagen den „american way of life“ verkörpert. Eine Sache, die noch vor kurzem undenkbar gewesen wäre. Die Verleihung des Grammy für Buena Vista Social Club ist auch ein Novum für cubanische Musiker. Das ist überhaupt zum allerersten Mal passiert. Man kann schon sagen, daß durch die Musik eine neue Verbindung zwischen Cuba und den USA entstanden ist. Zumindest wurde dadurch etwas angestoßen.

Zusammenschnitt eines Pressegesprächs mit Juan de Marcos González, Ibrahim Ferrer, Amadito Valdés und Teresa García Caturia.  Bearbeitung: Christine Hatzky