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Nachrufe


Die vermutlich zweihunderttausend Opfer des Erdbebens in Haiti hörten für mich auf, abstrakt zu sein, als ich wenige Tage nach der Katastrophe im Internet die Website des auf haitianische Literatur spezialisierten litradukt-Verlages (vgl. ila 321) aufrief. Die erste Nachricht auf der Startseite betraf keine Lesereise oder aktuelle Neuerscheinung, sondern lautete: „Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass unser Autor Georges Anglade und seine Ehefrau Mireille bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen sind. Unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen und ihrem Land, für das sie sich so sehr eingesetzt haben.“ (†  12 Januar 2010)

Am 4. Oktober 2009 hat ihr Herz sie im Stich gelassen. Mercedes Sosa, gesegnet mit einer mächtigen, einzigartigen Stimme, hat uns in ihrem Tod genauso wie durch ihr engagiertes Leben vereint. Auf ihrer Website häufen sich Nachrufe aus aller Welt: auf Deutsch, Italienisch, Portugiesisch, Französisch und selbstverständlich auf Spanisch. Es schrieben Leute wie ich, die sie seit über 30 Jahren kannten, aber auch Achtzehnjährige aus Nicaragua und Vierzigjährige aus El Salvador. Die Botschaft der meisten Einträge ist ähnlich: Wir bedanken uns für alles, was sie uns durch ihre Musik und durch ihr unermüdliches und konsequentes politisches Engagement gegeben hat, und trauern unendlich. Ihre Lieder haben viele Kämpfe begleitet und standen für Werte, für die wir weltweit aufgestanden sind.

Am 17. Mai 2009 starb in Montevideo der Dichter und Schriftsteller Mario Benedetti im Alter von 89 Jahren. Nur wenige Autoren des 20. Jahrhunderts wurden in ihren Heimatländern so geschätzt und verehrt wie Benedetti in Uruguay. Nicht gerade selbstverständlich für einen aktiven Sympathisanten der revolutionären Linken, der von der Militärdiktatur 1973 ins Exil gejagt wurde. Seine politische Geradlinigkeit und sein konsequentes Engagement gegen Militarismus und Reaktion förderten seine außerordentliche Popularität, geliebt wurde er von den UruguayerInnen aber wegen seiner Literatur, vor allem seiner Lyrik.

Augusto Boal 20090 war für das Theater das, was Paulo Freire für die Bildung war: beide haben gelernt, während sie unterrichtet haben, haben zugehört, während sie geredet haben“, schrieb Eduardo Galeano über Augusto Boal. Der brasilianische Theatermacher ist am 2. Mai 2009 in Rio de Janeiro im Alter von 78 Jahren an Leukämie gestorben. Er starb am gleichen Tag, an dem sein Freund Paulo Freire zwölf Jahre zuvor aus dem Leben geschieden war. 

Von all den großen, kühnen, unbeugsamen Dichterinnen, die Lateinamerika hervorgebracht hat, war sie die bedeutendste und, trotz ihrer selbstgewählten Abgeschiedenheit und der Rigorosität ihres Schaffens, auch die populärste: Idea Vilariño, die 1920 in Montevideo geboren wurde, als zweitälteste Tochter eines, wie sie schreibt, verliebten und in seine Kinder vernarrten Paares. Die letzten Monate verbrachte Idea Vilariño, bettlägrig und müde geworden, in einem Pflegeheim. Dort habe ich sie, im November des Vorjahres, noch einmal besucht. Wir wussten beide, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Trotzdem hat mich die Nachricht von ihrem Ableben – heute, am 28. April 2009 – wie ein Schlag getroffen.

In den Zeiten des offenen Staatsterrorismus erklärten die Militärs in Uruguay 1973 eine kleine Gruppe von Militanten der Tupamaros zu Geiseln des Staates. Sie sollten ermordet werden, falls die bewaffnete Organisation weitere Aktionen durchführen würde. Die Geiseln wurden unter kaum zu beschreibenden Bedingungen in Verliesen von Kasernen gefangen gehalten. Zu ihnen zählte die damals 26jährige Yessie Macchi. Sie überlebte die ersten Jahre extremer Folter, Isolation, sonstiger Torturen und auch die anschließenden langen Haftjahre. Am 14. März 1985 kam sie mit den letzten politischen Gefangenen frei, die in den Straßen Montevideos von Zigtausenden Menschen mit einem Volksfest empfangen wurden. Yessie Macchi ist am 3. Februar 2009 in Montevideo gestorben.

Er erhielt den Condor de los Andes, die höchste Auszeichnung Boliviens, die Stadt Cochabamba ernannte ihn zum Ehrenbürger, die bolivianische Post veröffentlichte 1998 eine Sondermarke mit seinem Konterfei. Diese Ehrungen bedeuteten für ihn eine große Genugtuung. Sie zeigten, dass Bolivien ihn, den jüdischen Flüchtling aus Breslau, anerkannte und seine großen Leistungen würdigte. Werner Guttentag starb am 2. Dezember 2008 in Cochabamba im Alter von 89 Jahren.

In Bogotá ist am 12. August 2008 Orlando Fals Borda im Alter von 83 Jahren gestorben. Die kolumbianische Soziologie verlor ihren Begründer und wichtigsten Repräsentanten – die unabhängige Linke einen herausragenden Vordenker und Mitstreiter, in dessen Lebensweg und dessen Schriften viele ihrer Kämpfe um soziale Emanzipation Gestalt gewonnen haben.

Am 28. Juni 2008 starb die Schriftstellerin Lenka Reinerová im Alter von 92 Jahren in Prag. Flucht vor den Nazis, Internierung in Frankreich, Exil in Mexiko, Ermordung ihrer kompletten Familie im Holocaust, Knast in der sozialistischen Tschechoslowakei, in die sie voller Enthusiasmus zurückgekehrt war, mehrere Krebsoperationen, immer wieder Publikationsverbote. Am Ende meinte sie, das klinge vielleicht dramatisch, sei aber kein Einzelschicksal, es sei leider das Schicksal einer Generation, einer Epoche. 

Er konnte anschaulich erzählen, und er konnte auch zuhören, helfend zupacken, andere in Dingen, die ihn bedrängten, um Rat fragen. Er sorgte sich um die vielen Freunde, Freundinnen auf beiden Seiten des Ozeans, die jetzt um ihn trauern, denn am 8. Juni 2008 ist Fritz Kalmar, einer der bedeutendsten Schriftsteller des österreichischen Exils, in Montevideo verstorben. 

„Dann telefonieren wir am Montag Vormittag und besprechen, wann du vorbeikommst, um die belichteten Filme zu kontrollieren.“ So verabschiedete sich Heinrich Piotrowski, als ich ihm am Donnerstag, den 4. Oktober 2007, die Daten mit dem Layout der ila 309 in die Druckerei brachte. Montags rief dann nicht Heinrich, sondern seine Kollegin Gisela an

 Es gibt Todesnachrichten, die einen besonders verstören. Das gilt etwa dann, wenn Menschen gestorben sind, die eine ungeheure Lebenskraft ausgestrahlt haben. Ein solcher Mensch war Ray-Güde Mertin, die am 14. Januar 2007 im Alter von 63 Jahren starb.

Am 5. September 2006 wurde Henry Mathews in Berlin beerdigt. Jahrelang hatte er den Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre koordiniert und ganz bewusst Themen aus der sog. Dritten Welt aufgegriffen, Rüstungsexporte, Umweltschutz, Arbeitsbedingungen und Menschenrechte. Henry war mit Leidenschaft bei der Sache – was für die Sache gut war, aber für seine Gesundheit offensichtlich nicht. Er ist im Alter von 40 Jahren, beim Rudern in Schweden an einem Herzinfarkt gestorben.

Am 12. Mai 2006 wurde in Raum 302 des Oberlandesgerichts Freiburg von der Kommission für Menschenrechte des Vereins der Richter und Staatsanwälte sowie des Anwaltsvereins Freiburg die Neuauflage von Tino Thuns 1985 erstmals veröffentlichter Dissertation „Menschenrechte und Außenpolitik. Bundesrepublik Deutschland – Argentinien 1976-1983“ vorgestellt. Es war die letzte Veranstaltung, die Tino Thun besuchen sollte. Tino verfolgte die Veranstaltung in seinem Rollstuhl in der ersten Reihe sitzend. Er konnte und wollte nicht mehr öffentlich sprechen. Zu sehr war er bereits von der fast zwei Jahre an ihm zehrenden Krankheit, dem ALS-Syndrom, gezeichnet.

Für viele war er das Gesicht der salvadorianischen Befreiungsfront FMLN. Obwohl die von ihm geführte Kommunistische Partei El Salvadors in den achtziger Jahren eine der kleineren Mitgliedsorganisationen der FMLN war, war Schafik Handal stets unter den fünf Comandantes, derjenige, der vermutlich am besten Allianzen schmieden und Verhandlungen führen konnte. In ganz Lateinamerika genoss er große Achtung, die Präsidenten Lula da Silva (Brasilien) und Evo Morales (Bolivien) luden ihn zusammen mit den lateinamerikanischen Präsidenten zu ihren Amtseinführungen ein. Der Besuch bei Evo Morales war Schafik Handals letzte Reise, bei seiner Rückkehr aus La Paz erlitt er am 24. Januar 2006 auf dem Flughafen von San Salvador einen tödlichen Herzinfarkt.

Kämpfen, das ist die beste Art zu leben. So könnte die Maxime von Jon Cortina gelautet haben, der am 12. Dezember 2005 im Alter von 71 Jahren gestorben ist. Die Nachricht von seinem Tod kam aus Guatemala, wo er für den von ihm mit begründeten Verein „Pro Búsqueda de los Niños Desaparecidos“ (Für die Suche nach den verschwundenen Kindern) unterwegs war und wo ihn drei Wochen vor seinem Tod wortwörtlich der Schlag getroffen hatte.

Am 6. Dezember 2005 ist Walter Steffens an Herzversagen gestorben. Mit ihm verliert die Bonner Solidaritätsbewegung mit den Menschen Lateinamerikas einen Freund, einen Compañero, eine Institution. Wir werden „Comandante Cerveza“ nicht vergessen.

Freddy Ernesto Ilanga Ilunga Yatii, Che Guevaras Suaheli-Lehrer und Übersetzer im Kongo, Kinderneurochirurg, panafrikanischer Aktivist und Humanist, starb in Havanna am 25. November 2005. Die Autoren dieses Nachrufs wurden in ihrer Arbeit zu cubanisch-afrikanischen Beziehungen von Freddy Ilanga engagiert und uneigennützig unterstützt. Sie planten einen Film über sein Leben und wollen diesen nun als Hommage auf eine einzigartige Persönlichkeit realisieren. 

Am 21. November 2005 starb in San Salvador Ernesto Richter. Der deutsch-salvadorianische Sozialwissenschaftler war eng mit der revolutionären Linken El Salvadors und der hiesigen Solidaritätsbewegung verbunden. Gleichzeitig stand er zu beiden in einem Spannungsverhältnis, warf der FMLN und auch uns vor, die internationalen Kräfteverhältnisse nicht ausreichend zu analysieren und uns ein zu schönes Bild von der Realität zu machen. Wir hatten dazu manch kritische Debatte, einige trugen wir auch in Form von kontroversen Beiträgen in dieser Zeitschrift aus. Diese Diskussionen waren für uns bereichernd, offene intellektuelle Auseinandersetzungen sind eine Stärke jeder Bewegung. Im folgenden Beitrag erinnert Demetrio Polo-Cheva, Deutsch-Panameño und langjähriger Freund und Weggefährte Ernestos, an den Verstorbenen.

Am 9. November 2005 starb in Köln die Journalistin Ulla Junk. Anfang der achtziger Jahren gehörte sie zu den wenigen Leuten mit politischer und publizistischer Erfahrung, die halfen, der entstehenden Mittelamerika-Solidaritätsbewegung Türen zu öffnen und ihre Themen einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zunächst noch als Mitarbeiterin des linken SPD-Abgeordneten Klaus Thüsing und später als freie Radio- und Fernsehjournalistin brachte sie die Kämpfe in Zentralamerika nicht nur in die Medien, sondern unterstützte die Bonner Vertretung der salvadorianischen Befreiungsbewegung auch dabei, hier Kontakte zu Parteien und Institutionen zu knüpfen. Ihr zusammen mit Helmut Frenz, Norbert Greinacher und Bernd Päschke 1982 veröffentlichtes Buch „El Salvador – Massaker im Namen der Freiheit“ wurde zu einer Basislektüre für alle, die sich mit El Salvador und der US-Politik in Mittelamerika beschäftigten. 

Zwanzig Jahre ist es nun her, seit wir die grausige Nachricht erhielten, dass wir dich, Jürg Weiss, nie mehr an einem Solidaritätstreffen oder bei einer Solidaritätsaktion treffen, dich nie mehr Gitarre spielen hören würden. Am 22. August 1988 wurdest du in Cerro Colorado in El Salvador von Elitesoldaten zusammen mit einem salvadorianischen Compa getötet.