Nachrufe
"Die indigene Bevölkerung
hat mich verändert"
Abschied von Bischof Samuel Ruiz García
von Gerold Schmidt
Ein großes Herz hörte am vergangen Montag
auf zu schlagen. Im Alter von 86 Jahren verstarb am 24. Januar 2011 in Mexiko-Stadt der
katholische Altbischof Samuel Ruiz García. Als Menschenrechtsverteidiger,
Vermittler in Konflikten und Unterstützer der indigenen Bevölkerung genoss
Ruiz über die mexikanischen Grenzen hinaus hohes Ansehen. Mit seinen
Anklagen gegen unsoziale Wirtschaftspolitik und seiner eindeutigen Position
für die Armen schaffte er sich aber auch manchen Feind im Vatikan und in den
Regierungskreisen seines Landes. Einer breiten internationalen
Öffentlichkeit wurde der Bischof bekannt, als er 1994 in der Kathedrale von
San Cristóbal de las Casas im Bundesstaat Chiapas die Verhandlungsgespräche
zwischen der aufständischen Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN)
und der mexikanischen Regierung führte. In San Cristóbal wirkte Samuel Ruiz
García 40 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung Anfang 2000.
Als er 1960 als damals jüngster mexikanischer Bischof
Einzug in San Cristóbal hielt, machte Samuel Ruiz García auf den Ethnologen
Fernando Benítez den Eindruck eines Fanatikers und strammen Antikommunisten,
der auf der Seite der Großgrundbesitzer und Mächtigen stand. Doch bald
begann eine tiefe Wandlung. „Die indigene Bevölkerung hat mich verändert“,
sagte der Bischof rückblickend bei einem längeren Gespräch im November 1995.
Und: „Wenn einer gleich bleibt, gibt es keine Bewegung, sondern Tod.“ Im
Gegensatz zu den meisten anderen Bischöfen besuchte er auch die
entferntesten Gemeinden seiner Diözese und lernte die bittere Armut der
bäuerlichen und indigenen Bevölkerung aus eigener Anschauung kennen. Er
verwies die Menschen nicht auf das Jenseits, sondern ermunterte sie, für
ihre Rechte auf Erden zu kämpfen. Das ihm bald angehängte Etikett
Befreiungstheologe lehnte er jedoch ab. „Meine Sorge ist nicht die
Theologie, sondern die pastorale Aktion“, so der Bischof in dem erwähnten
Gespräch. Um dann nachzuschieben: „Eine Pastoralarbeit, die niemals darin
bestehen wird, die Menschen in die Sklaverei zu führen, nicht wahr?“
Für zehntausende Flüchtlinge, die Anfang der achtziger
Jahre vor der Politik der verbrannten Erde der damaligen guatemaltekischen
Militärdiktatur über die Grenze nach Mexiko flohen, waren Bischof Ruiz und
die Mitarbeiter seiner Diözese ein wichtiger Referenzpunkt. Die
seelsorgerische Arbeit des Bischofs und seiner Mitstreiter hatte immer auch
eine implizit politische Seite. Die Menschen wurden aufgefordert, Subjekte
ihrer Geschichte zu sein. Dies führte mehr als einmal zu Anschuldigungen von
Regierungsseite, der Bischof stachele die Menschen auf, er sei ein
ideologischer Wegbereiter für Rebellionen. Ruiz García dagegen warnte
wiederholt vor gewalttätigen Folgen der ungerechten Gesellschaftsstrukturen
im Land.
Der Vatikan warf Ruiz García 1993 vor, das Evangelium
verkürzt zu interpretieren und versuchte, ihn frühzeitig aus dem Amt zu
drängen. Als Vermittler im Konflikt zwischen EZLN und der Regierung wurde
der Bischof 1994 dann jedoch kaum angreifbar, so dass das Verfahren nicht
weiter verfolgt wurde. Stattdessen schickte Rom damals mit Weihbischof Raul
Vera einen Aufpasser an Ruiz Seite. Doch auch diesen beeinflusste die
Realität vor Ort nachhaltig. Die beiden Bischöfe verband bald eine enge
Freundschaft. Raul Vera ist heute der letzte Vertreter einer radikalen
sozialkritischen Position mit der Option für die Armen in der mexikanischen
Bischofskonferenz.
Zweimal wurde Samuel García für den Friedensnobelpreis
vorgeschlagen. Trotz Unterstützung aus vielen Ländern sollen es die Einwände
von Vatikan und mexikanischer Regierung gewesen sein, die eine Auszeichnung
verhinderten. An nationalen und internationalen Ehrungen fehlte es in den
vergangenen Jahren trotzdem nicht. Viel wichtiger für Samuel Ruiz war es
aber, sich nach wie vor zu politischen und sozialen Fragen zu äußern und auf
die Einhaltung der Menschenrechte im Land zu pochen. Trotz seines zunehmend
labilen Gesundheitszustandes war er bis fast zuletzt auf entsprechenden
Foren präsent. Nun wird der Bischof auch von denen buchstäblich in den
Himmel gelobt, die für seine Anliegen kaum Interesse zeigten. Am 25. Januar
wurde Samuel Ruiz García in der Kathedrale von San Cristóbal de las Casas
bestattet. So hat er es sich gewünscht.
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