aus
Frauenleben / ila 271
Ein anderer elfter
September
Tagung zum chilenischen Militärputsch und seinen Folgen
von Georg Ismar
Presente! Dieses Wort war als Schlachtruf während der Demonstrationen in den Hauptstraßen Santiagos und den Poblaciones am Rande der Stadt am Tag des 11. September 2003 allgegenwärtig. Presente! Das war auch die Idee hinter einer viertägigen Tagung zum „Anderen 11. September“, den die Fachschaft Regionalwissenschaften Lateinamerika und die Abteilung für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte vom 18. - 21. November an der Uni Köln veranstalteten.
Obwohl Chile bereits vor 13 Jahren zur Demokratie zurückgekehrt ist, setzt sich die Diskussion über die Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschenrechte während der Militärdiktatur fort. Entgegen den offiziellen Versuchen, einen politischen und juristischen Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel chilenischer Geschichte zu ziehen, fordern Opfer und Angehörige der Ermordeten und Verschwundenen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Bis heute ist die chilenische Gesellschaft aufgrund der Phase der Militärdiktatur gespalten und polarisiert. Anlässlich des 30. Jahrestages lieferten sich auf der einen Seite zahllose DemonstrantInnen Auseinandersetzungen mit der Polizei, auf der anderen Seite erschien der Ex-Diktator Augusto Pinochet auf offiziellen Veranstaltungen. Auch Studierende aus Köln waren vor Ort und drehten einen Film über die Ereignisse rund um den 11. September 2003. Ein weiterer Student arbeitete in diesen für Chile sehr bewegenden Tagen als Fotograf bei Reuters. Zudem sind einige StudentInnen der Regionalwissenschaften Lateinamerika Kinder von Exilchilenen.
Diese teils persönlichen Beziehungen zu Chile, der schwierige Umgang mit der eigenen Vergangenheit und die einschneidende Bedeutung des vom CIA gestützten Putsches für die Geschichte des ganzen Kontinents waren die Beweggründe, an der Uni Köln eine Themenwoche zu veranstalten. In Vorträgen, Workshops, Filmen und Lesungen konnten sich die BesucherInnen mit den verschiedenen Aspekten und Folgen des Putsches auseinander setzen. Olaf Kaltmeier vom Institut für Theologie und Politik Münster berichtete in seinem Vortrag „Gefährliche Erinnerungen“ über den Umgang mit der repressiven Vergangenheit. Luis Cruz, Fotograf des „International Network of Chilean Artists“ (INOCA), nahm die ZuhörerInnen in einem Diavortrag mit zu einer Reise durch das Chile nach dem Putsch und endete mit der Gegenwart. Dias aus Santiago belegten den Einfluss der für das radikale neoliberale Wirtschaftsprogramm verantwortlichen Chicago-Boys: Wo früher eine sehenswerte Stadt lockte, dominieren heute nichtssagende Wolkenkratzer.
Der Dokumentarfilm „Pinochets Kinder“ von Paula Rodriguez, der im Asta-Kino gezeigt wurde und mit über 300 BesucherInnenn mehr Publikum anzog als „Bowling for Columbine“, war ein Beitrag zur Asta-Filmreihe „Lateinamerika im Film. Chile: 30 Jahre nach dem Putsch“. Auch die Lesung von Omar Saavedra Santis, in Berlin lebender chilenischer Autor, der sein neues Buch „Magna Diva“ vorstellte, war vor allem aufgrund des die ZuhörerInnen mitreißenden Stils und seines pointierten Sarkasmus ein Erlebnis.
Am Freitag, dem Haupttag der Chilewoche, lieferte Mark Arenhövel vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Gießen einen informativen Vortrag über kollektives Erinnern und Vergessen und seine Folgen für eine Nation im Allgemeinen und die chilenische Wahrheits- und Versöhnungskommission im Besonderen. Im Rahmen von drei Arbeitsgruppen versuchten im Anschluss Studierende, DozentInnen und eingeladene Gäste sich eingehender mit speziellen Entwicklungen, die aus dem Putsch resultierten, zu beschäftigen. Im Mittelpunkt standen dabei die Themen Exil, Solidarität und Vergangenheitspolitik. Im Rahmen des Workshops „Exil und Solidarität“ wurden beispielsweise die drei Komplexe „Flucht/Ausreise aus Chile“, „Integration im Aufnahmeland, Bildung von Netzwerken, Kontakt zur Solidaritätsbewegung und Einwirkung aus dem Exil auf die Verhältnisse in Chile“ und „Frage der Rückkehr“ thematisiert. Omar Saavedra schilderte, wie in den Tagen nach dem Putsch eine Vielzahl von Diplomatenautos durch Santiago fuhren, um gefährdete Personen in ihre Botschaften zu bringen, von wo aus sie in die jeweiligen Länder ins Exil ausreisen konnten. Er selbst war als Chefredakteur der linken Tageszeitung „El Popular“ in Valparaiso ein potentielles Opfer der Militärs. Der Leiter des chilenisch-französischen Kulturinstituts von Valparaiso brachte ihn schließlich in die belgische Botschaft. Nach einem kurzen Aufenthalt in Belgien kam er 1974 nach Rostock. Insgesamt 2000 Anhänger linker Parteien kamen in die DDR, während die BRD 3000 Chilenen aufnahm.
In der DDR selbst genossen die Chilenen auf der einen Seite eine Vielzahl von Privilegien. So wurden sie gemeinsam in „Exil-WGs“ untergebracht. Dies waren aber meistens Wohnungen, auf die DDR-BürgerInnen schon Jahre warteten, weshalb es zu Spannungen aufgrund dieser Bevorzugung kam. Die Flüchtlinge wurden in gewissem Maße instrumentalisiert, die Asylgewährung für die Chilenen sollte den „zutiefst humanistischen“ Charakter der DDR beweisen. 95 Prozent der Exilchilenen in der DDR kamen aus dem intellektuellen Milieu. In westlichen Darstellungen wurde vor allem kritisiert, dass sie aus ihrem akademischen Umfeld herausgerissen und proletarisiert wurden. So fand sich der Dekan der
pädagogischen Hochschule in Santiago im Schraubenkombinat Karl-Marx-Stadt wieder. Diese
„Proletarisierung“ traf jedoch längst nicht auf alle Chilenen in der DDR zu. So berichtete Millaray
Abujatum, Tochter eines Exilchilenen, dass ihr Vater zunächst auch in der Fabrik gearbeitet habe, nach einiger Zeit aber seinem Lehrberuf wieder nachgegangen sei. Vielfach wird vergessen, dass die Neuankömmlinge die deutsche Sprache nicht beherrschten und somit zunächst nicht in ihren alten Berufen arbeiten konnten. Zudem mussten sie sich erst einmal eine finanzielle Grundlage verschaffen.
Gert Eisenbürger (ila) schilderte im Rahmen des Workshops, wie der 11. September 1973 die Geburtsstunde der deutschen Solidaritätsbewegung war und auch ihn in seinem politischen Engagement bestärkte. Die Solibewegung befand sich damit häufig in Gegenposition zu handelnden Politikern, die das Pinochet-Regime teilweise wohlwollend betrachteten. So bemerkte Franz-Josef-Strauß zum Militärputsch: „Wenn das Militär eingreift, ist es nun mal etwas anderes, als wenn der Franziskaner-Orden Suppe ausschenkt.“ Fragte man Gert Eisenbürger nach konkreten Aktionen der deutschen Solibewegung, fiel ihm spontan die „Aktion Spielfeld“ bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland ein. AnhängerInnen der Solibewegung stürmten zu Beginn der 2. Halbzeit des WM-Spiels Chile-Australien im Berliner Olympiastadion das Spielfeld und entrollten ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: „Chile – Socialista“.
Die lebhaften Diskussionen bei den einzelnen Veranstaltungen vor allem über die Vergangenheitspolitik und einen hierzulande latent vorhandenen Geschichtsrevisionismus sowie das Engagement aller Beteiligten belegten, dass der andere 11. September weiter ein Thema unter den StudentInnen ist und präsent bleiben muss, als Beispiel für eine gewaltsame und brutal aufoktroyierte Veränderung des vom Volk in freien Wahlen geäußerten Willens. Oder wie es Gabriel García Marquez treffend formulierte: „Ein Drama hat sich in Chile ereignet. Jedoch die tragischen Ereignisse werden in die Geschichte unseres Zeitalters eingehen und aus dem Bewusstsein seiner Menschen nicht wegzudenken sein.“
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