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Argentinien - Zwei vor ... / ila 276

Robin Hood in Nordhessen
Buko 27 mit dem Thema „Aneignung“ in Kassel 
von Britt Weyde

Mehr als 800 Leute waren zur Kasseler Uni gekommen, um über „Alltag – Neoliberalismus – Widerstand“, wie es im Untertitel hieß, zu diskutieren. Als Klammer für die über 60 Arbeitsgruppen galt das Stichwort Aneignung, verstanden als emanzipatorisches Konzept und widerständige Praxis gegen die neoliberale Wirklichkeit.  

Das unbescheidene Motto für die AktivistInnen aus dem internationalistischen Spektrum, von antirassistischen Gruppen, Flüchtlings-Initiativen und Umsonst-Kampagnen lautete „Das Ende der Bescheidenheit“: Laut Aufruf sollte auf dem 27. Treffen der Buko (Bundeskoordination Internationalismus) eine Suche nach Brüchen im neoliberal-militaristischen Projekt des globalisierten Kapitalismus stattfinden sowie Diskussionen um Alternativen und um die Frage, ob symbolische oder materielle Aneignungsversuche gesellschaftsverändernd wirken.

Wie so oft bei solchen Veranstaltungen konnten die übergreifenden Foren nicht ganz das einlösen, was sie versprochen hatten. Auf der Eröffnungsveranstaltung „Neoliberalismus am Ende?“ wurde wenig Erhellendes geboten: Nicola Bullard von Focus on the Global South berichtete u.a. über einen erfolgreichen Streik, der seine Stärke vor allem deshalb entfalten konnte, weil er über den betroffenen Sektor hinausging. Katharina Pühl von der Uni Berlin referierte zu Modernisierung von Herrschaft und Kapitalismus und warnte vor einer falschen Homogenisierung von Bewegungen. Hätte interessant sein können, wenn der Beitrag nicht abgelesen worden wäre. Alessandro Pelizzari von attac-Schweiz forderte alle auf, „Räume für einen radikalen Konsens“ zu finden. Hmm. Und Christoph Görg von links-netz hatte sich darauf spezialisiert, den eine Woche vorher stattgefundenen Perspektivenkongress von ver.di und attac als Treffen von Kapitalismus-Verbesserern zu dissen. Leider ging auch das an sich löbliche Vorhaben, auf einer großen Podiumsveranstaltung soziale Bewegungen in den neuen osteuropäischen EU-Staaten vorzustellen, etwas daneben. Besonders die Referentin von attac-Warschau verwunderte das Publikum mit ihren Thesen, speziell zur Notwendigkeit einer neuen linken Partei mit einer starken Führung.

Unterhaltsamer war da schon das Auftaktforum für den Themenstrang „Soziale Rechte und Recht auf Legalisierung“ (die beiden anderen übergreifenden Themenstränge waren „Arbeit und soziale Reproduktion“ und „Privatisierung“). Hier wurden neue und neu aufgelegte Kämpfe vorgestellt. Auf den kritischen Einwand aus dem Publikum, dass die Umsonst-Kampagnen mit ihren Aneignungs-Aktionen wie kollektiver Beförderungserschleichung oder gemeinsamen Kaufhausklau nur die Verteilungsebene des Kapitalismus ankratzen würden, wo doch für eine echte antikapitalistische Praxis auch die Produktionsebene mit einbezogen werden müsste, rief es aus dem Publikum: „Macht euren Kurs zur Wertkritik bitte draußen!“ In den AGs wurde dann richtig diskutiert, teilweise kamen lange schwelende Konflikte auf den Tisch und immer wieder grundsätzliche Fragen: Birgt z.B. ein Kampf um Rechte – wie er von der Gesellschaft für Legalisierung geführt wird – nicht die Gefahr in sich, auf staatlichem Terrain stattzufinden und sich mit Appellen an den Staat sich eben diesem unterzuordnen? Ein Aktivist von Kanak Attak stellte klar, dass es sich um Selbstermächtigung handele, die über die eingeforderten Rechte hinausgehe: „Unsere Forderung nach dem Recht auf Rechte will sich nicht damit begnügen, bei den gleichen Rechten, wie sie für alle Deutschen gelten, stehen zu bleiben, das wäre ja traurig. Das ist eine unendliche Geschichte.“

Am Samstagnachmittag hieß es dann „Buko goes downtown”. Mehrere Hundert KongresszeilnehmerInnen schlossen sich den von den Umsonst-Kampagnen inspirierten Innenstadtaktionen an. Zunächst wurde eine Straßenbahn mit Plakaten verziert, auf denen ein schönes Leben für alle gefordert wurde. In der Fußgängerzone promotete die „Pinke Punkt Kampagne“ den Nulltarif in Bussen und Bahnen und verlangte das Ende von rassistischen Kontrollen. Die Vorführung von klaukompatiblem Equipment und Outfit vor einem Bekleidungshaus fand begeisterten Anklang. Plötzlich wollten alle „Yomango“ spielen („Ich klaue“, so heißt die Initiative aus Spanien, die sich auf kollektives und öffentlichkeitswirksames Aneignen in Supermärkten und Kaufhäusern spezialisiert hat.). Spontan wurde dem Fridericianium-Museum ein Besuch abgestattet und die Kaffeebar geleert, dann war das Modehaus H&M an der Reihe. Etwa 50 Leute holten Kleidungsstücke von den Stangen und wirbelten sie auf der Straße in die Luft. Auch PassantInnen sollen sich bei dem Haufen an Sonderangebotsklamotten bedient haben. Robin Hood lässt grüßen.

Auch auf dem Buko selbst war der Spaßfaktor hoch: Viele (revolutionäre) Filme im Programm, ordentliche Bier- und Cocktail-Versorgung – als Ausgleich zum gesund-leckeren Essen von der Kommune Niederkaufungen – und nicht zu vergessen die gelungene Abschlussparty. Das moderierte Büffet am letzten Tag war eine hübsche Idee, leider ging das Inhaltliche bei der Menge an gutem Essen, dem eifrigen email-Austauschen und Abschiednehmen etwas unter.

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