aus Textilproduktion/ ila 351
Bewegung wird
museal
Ausstellung über die Chile-Solidarität im
Stadtmuseum Münster
von Gert Eisenbürger
Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich ein
städtisches Museum mit der Geschichte der Solidaritätsbewegung
beschäftigt. Doch genau dies tut derzeit das Stadtmuseum Münster. Dort
wurde am 4. November die Ausstellung „Chile-Solidarität in Münster – Für
die Opfer der Militärdiktatur (1973-1990) eröffnet“. Gert Eisenbürger hat
sie sich angeschaut.
Am 12. September 1973, einen Tag nach dem
Militärputsch gegen Salvador Allende, versammelten sich rund 200 Menschen
vor der Lambertikirche in Münster, um gegen den Staatsstreich in Chile zu
demonstrieren. Auf der Kundgebung sprachen der evangelische
Studentenpfarrer Fritz Hufendiek, Ewald Halbach von der DKP und – man höre
und staune – der Münsteraner FDP-Bundestagsabgeordnete und Oberleutnant
der Reserve Jürgen Möllemann. Am gleichen 12. September konstituierte sich
ein „Initiativkreis Solidarität mit Chile“, der von zahlreichen Gruppen
und Organisationen aus dem sozialdemokratischen, DKP-kommunistischen und
christlichen Spektrum getragen wurde; die damalige radikale Linke (libertär-sozialistische
Spontis, trotzkistische LinkskommunistInnen, maoistische K-Gruppen) schien
nicht beteiligt gewesen zu sein. Der Initiativkreis wurde in den folgenden
Jahren der organisatorische Kern der Solidaritätsbewegung in der Stadt.
Linkschristliche Gruppen hielten engen Kontakt zur Vicaria de Solidaridad,
dem Menschenrechtsbüro des Erzbistums Santiago, und publizierten dessen
Zeitschrift Solidaridad in deutscher Übersetzung, später erweitert durch
Beiträge aus anderen kritischen chilenischen Zeitungen. Münster wurde zu
einem Zentrum der bundesdeutschen Chile-Solidarität, die dortige
Katholische Studentengemeinde (KSG) war in den achtziger Jahren die
wichtigste Koordinationsstelle der Gruppen und Institutionen, die sich in
der alten Bundesrepublik gegen die Militärdiktatur Pinochets engagierten.
Als die KSG Anfang der neunziger Jahre auf amtskirchliche Linie gebracht
wurde, gründeten einige der AktivistInnen aus ihrer bisherigen
Chile-Arbeit das unabhängige „Institut für Theologie und Politik“, wo bis
heute eine in Deutschland vielleicht einzigartige Kombination von
theologisch-politischer Forschung/Reflexion und politischer Aktion
praktiziert wird.
Diese Geschichte war mir durch meine Arbeit in der ila in den Grundzügen
bekannt und ich war sehr gespannt, wie das in einem Museum präsentiert
würde. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich sah eine äußerst anregende und
gut gemachte Zeitreise durch rund zwanzig Jahre Solidaritätsbewegung in
Münster. In einem schätzungsweise 40 Quadratmeter großen Raum des Museums
finden sich Exponate wie Flugblätter, Plakate, hektographierte Erklärungen
und Protokolle, Fotos von Demos, Aktionen und Veranstaltungen,
Pappschilder, die dabei mitgeführt wurden und sogar ein – durch Kunstglas
geschütztes – aufwendig gestaltetes Originaltransparent. Strukturiert ist
das Ganze durch Schrifttafeln, mit Informationen über die Regierungszeit
Allendes, den Putsch, die Beziehungen der Bundesrepublik zur chilenischen
Militärdiktatur, den bundesweiten Kongress „Für Chiles Freiheit“, zu dem
im Juni 1983 2000 TeilnehmerInnen nach Münster gekommen waren und
natürlich über die verschiedenen Phasen der Solidaritätsbewegung und ihre
Aktivitäten in Münster.
Ein weiteres Element sind Audio- und Videoaufnahmen, die an mehreren
Terminals angesehen und über Kopfhörer angehört werden können. Dazu
gehören in kurze Spots zerlegte Interviews mit AktivistInnen der
Münsteraner Chile-Szene (Anne Broden, Jens Holst, Barbara Imholz,
Ferdinand Kerstiens, Martin Ostermann, Heiner Rosendahl) und in Münster
lebenden Exil-ChilenInnen (Raúl Hidalgo, Isabel Lipthay) sowie
Archivaufnahmen mit Redebeiträgen vom Kongress „Für Chiles Freiheit“ und
Auszüge aus den Radioansprachen Salvador Allendes am 11. September 1973.
Ein besonderes Element, sozusagen eine Ausstellung in der Ausstellung,
bilden rund ein Dutzend Arpilleras, von Angehörigen politischer Gefangener
hergestellte bunte Stoffbilder, die eindrucksvoll die Realität und
Gewaltstrukturen der Militärdiktatur darstellen.
Zu der Ausstellung ist ein sehr schön aufgemachter 80-seitiger Katalog
erschienen mit vielen Abbildungen und sehr informativen Aufsätzen über den
Militärputsch, die Rolle der Katholischen Kirche während der Diktatur, die
Apilleras (alle drei von Silke Hensel), die Beziehungen zwischen der BRD
und Chile 1973-1990 (von Stephan Ruderer), über die Chile-Solidarität in
Münster (von Barbara Rupflin) sowie Porträts von AktivistInnen. Leicht
nostalgische Gefühle erlebte ich bei der Lektüre des Aufsatzes „Mit
Klebeband, Schreibmaschine, Papier und Laken im Kampf um die öffentliche
Aufmerksamkeit“, in dem Barbara Rommé vor allem jüngeren
MuseumsbesucherInnen nahe bringen möchte, wie Kommunikation in der
Prä-I-Phone und -Internet-Ära funktioniert hat.
Natürlich stellt die Ausstellung eine historische Phase dar, sie
vermittelt das aber nicht so, als ob dies alles Geschichte und definitiv
vorbei wäre. Die BesucherInnen erfahren auch, dass es bis heute in Münster
Initiativen wie das erwähnte „Institut für Theologie und Politik“ gibt,
die in dieser Tradition stehen, auch wenn sie heute andere inhaltliche
Schwerpunkte als in den siebziger und achtziger Jahren haben.
Ein Besuch der Ausstellung in Münster lohnt sich und wer das bis zum 18.
März nicht schafft, der/dem sei der Katalog empfohlen, der zum moderaten
Preis von 9,80 Euro auch über den Buchhandel erhältlich ist.
Das Stadtmuseum Münster (Salzstr. 28) ist Mo.-Fr.
von 10-18, Sa.-So. von 11-18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Der
Katalog „Chile-Solidarität in Münster“ (hrsg. von Silke Hensel, Barbara
Rommé, Barbara Rupflin) ist im Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster
2011, ISBN 978-3-89691-888-8) erschienen.
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