aus ila
256/Juni Befreiung und Theologie
Der Jubiläums-BUKO
Auf dem 25. Bundeskongress Internationalismus (BUKO) diskutierte
die Bewegung ihr Verhältnis zu attac und Zukunftsmodelle für Nahost
von Lorenz Beckhardt
„Tatort Globalisierung“ steht auf einem Transparent auf dem Campus der Frankfurter Uni. Davor steht eine Schlange überwiegend junger Leute mit Plastiktellern bewaffnet und wartet auf Kartoffeln, Salat und Tsatsiki. Eine Freiluftmensa mit langen Holzbänken und -tischen ist aufgebaut. Doch der erste Eindruck täuscht. Dies ist nicht die Kulisse für einen Spielfilm über die linken Protestbewegungen der 80er Jahre. Mit beachtlichen 600 TeilnehmerInnen fand vom 9. bis 12. Mai in Frankfurt am Main der 25. Bundeskongress Internationalismus, kurz BUKO, statt. Ein neuer Name übrigens. Vor einem Jahr noch nannte man sich Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen. Thomas Seibert, 44, von der Frankfurter Hilfsorganisation medico international hat den Kongress mitorganisiert: „Der BUKO hat sich in den letzten Jahren geöffnet, weg vom Dachverband der reinen Solidaritätsarbeit, hin zu allen Gruppen, die man internationalistisch nennen kann. Das sind neben Solidaritätsgruppen vor allem Antifa- und Anti-Rassismus-Gruppen.“
Über dem Treffen lag eine spürbare Aufbruchstimmung. Über die Hälfte der TeilnehmerInnen war unter 30, viele waren gerade mal volljährig. Seibert: „Es sind doppelt soviele gekommen wie letztes Jahr. Wir profitieren vom Aufschwung von attac.“ Neben Themen wie „Die Krise in Argentinien“, „Globalisierung und Imperialismus für Einsteiger“, „Frauenunterdrückung in islamischen Ländern“ gab es zwei Hauptthemen: das Verhältnis BUKO/attac und der Nahost-Konflikt. Gerhard, 35, Journalist aus Köln und regelmäßiger BUKO-Teilnehmer: „Der BUKO ist durch attac herausgefordert. Der Medienerfolg von attac zeigt, dass das Interesse an internationalistischen Themen gewachsen ist. Bisher war das hier eher ein Theorietreffen. Jetzt sollte der BUKO sich stärker praktischer Politik zuwenden und mit attac zusammenarbeiten.“
Wenn es um attac ging, wurde es lebhafter auf dem ansonsten ungewöhnlich streitarmen Treffen. Eine Podiumsdiskussion trug den Titel: „Zwischen Straßenprotest und Netzguerilla – die Produktion von (Gegen-) Öffentlichkeit“. Auf dem Podium saß Peter Wahl, 54, Mitbegründer von attac Deutschland. Wahl war früher aktiv im BUKO-Koordinierungsausschuss, heute ist er einer der Bundeskoordinatoren von attac. Unter den Anwesenden gab es einen Grundkonsens, dass man sich gegen den Kapitalismus als Wirtschaftssystem und gegen autoritär-staatliches Handeln als Basisbewegung positionieren müsse. Folglich interessierte vor allem die Frage nach den politischen Zielen von attac. Wahl plädierte für Pluralismus: „In attac vereinigen wir uns, aber wir vereinheitlichen uns nicht. Wir werden eine plurale Bewegung bleiben und der Sehnsucht nach einfachen Rezepten widerstehen.“
Den BUKO-AktivistInnen reichte das nicht. Sie warfen der Führung von attac vor, politische Inhalte aufzugeben, um sich damit den Zugang zu den Massenmedien zu erkaufen. Wahl widersprach nicht: „Wir tragen der gewachsenen Rolle des Fernsehens Rechnung. Im medial inszenierten Gesellschaftsdrama um „pro“ und „contra“ hat attac die Rolle des „contra“ übernommen.“
Der Höhepunkt des BUKO war eine Veranstaltung zum Nahost-Konflikt, die rund tausend Interessierte ins IG-Farbenhaus lockte. An historischer Stätte – die IG Farben betrieben im 2. Weltkrieg für ihre Chemieproduktion das Arbeitslager Monowitz, das zum Vernichtungslager Auschwitz gehörte – war von der Spaltung der deutschen Linken in ein Israel- und ein Palästinalager nichts zu merken. Man blieb friedlich und lauschte den Vortragenden, unter denen der israelische Historiker Moshe Zuckerman herausragte. In einer rhetorisch brillanten Analyse stellte er drei Zukunftsszenarien dar. „Zwei davon“, so Zuckerman „bedeuten das Ende des zionistischen Traums von 1948 von der nationalen Erneuerung des jüdischen Volkes“. Das rechts-zionistische Szenario sei die dauerhafte Okkupation Palästinas. Zuckerman betonte dabei mehrfach, dass das militärische Potential Israels hierzulande unterschätzt werde: „Israel hat das Potential, die gesamte Region völlig zu zerstören, auch um den Preis des eigenen Untergangs. Wir nennen das das biblische „Samson-Syndrom“. Das links-zionistische Szenario sei die Annektion Palästinas. Sie führe durch die Bevölkerungsentwicklung zum Ende eines jüdisch-dominierten Israel. Zuckerman plädierte für den Rückzug Israels auf die Grenzen von 1966 und die gewaltsame Räumung der Siedlungen in Westbank und Gaza durch die israelische Armee. Letzteres werde Israel aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bürgerkrieg führen, prophezeite
Zuckerman.
Tags darauf fragte Thomas Seibert in einem vollbesetzten Hörsaal die Anwesenden: „Was ist eigentlich links? Wer ist links? Es geht uns um die Organisationsfrage.“ Seibert nannte die Frage im Hinblick auf vergangene Richtungskämpfe der Linken „furchterregend“ und beruhigte sogleich: „Wir wollen diese Frage nicht beantworten.“ Moe Hierlmeier, 43, Lehrer und langjähriger BUKO-Aktivist, versuchte dennoch eine Antwort: „Links sein heißt anti-etatistisch, macht- und herrschaftskritisch zu sein. attac bezieht sich positiv auf staatliches Handeln. Deshalb bezeichne ich attac als eine Art außerparlamentarische Sozialdemokratie.“
Wie wirkten solche inner-linken Diskurse auf die jugendliche Mehrheit? Anne, 21, Studentin aus Dresden: „Die schmoren hier im eigenen Saft. Das ist nichts für Leute, die noch nicht so tief in der Materie sind. Dabei will die linke Szene doch Zuwachs.“ Florian, 20, Schüler: „Ich mache Straßentheater in
Nürnberg. Wir überlegen jetzt, ob wir BUKO-Mitglied werden. Das Wichtigste war für mich hier, neue Leute zu treffen und der Austausch von anderen Meinungen und Kritik. Ich komme nächstes Jahr wieder.“
Neu auf dem BUKO war nicht nur die Übermacht der Jungen, sondern auch die Rückkehr alter Männerherrlichkeit. War es früher üblich, Podien halbwegs paritätisch zu besetzen und bei Plenardebatten quotierte Redelisten zu führen (d.h. es reden Frauen und Männer abwechselnd), so war von alldem nichts mehr übrig. Auf den Podien lag der Frauenschnitt bei etwa 30 %, bei den Wortmeldungen weit darunter. Ein Rückschritt? Keineswegs! Die
BUKO-Frauen konnten sich entspannt zurücklehnen, denn sie waren längst am Ziel: zwischen den Kongressen nennt sich der BUKO nun nicht mehr Bundeskongress, sondern Bundeskoordination. Wer in seinen Wortbeiträgen von „dem“ BUKO sprach, wurde immer wieder korrigiert: Es heißt jetzt „die“
BUKO. Gratulation! Der 26. Kongress der BUKO soll an Christi Himmelfahrt 2003 in Leipzig stattfinden. Arbeitstitel: „Krieg und Frieden“.
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