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Der Bataraz auf der Bühne
Ein-Personen-Stück nach Mauricio Rosencofs Roman

Vielen ist Mauricio Rosencof vor allem als Bühnenautor und Dramaturg bekannt. Der 1933 geborene Uruguayer, der wegen seiner Aktivitäten bei den MLN-Tupamaros von 1972 bis 1984 als Staatsgeisel schlimmste Hafterfahrungen machte, blickt daneben aber auch auf eine jahrzehntelange journalistische Tätigkeit zurück. Seine Gefängniserinnerungen legte er gemeinsam mit Eleuterio Fernandez Huidobro in "Las memorias del calabozo" (dt. Wie Efeu an der Mauer) nieder. Und er verarbeitete sie in dem ebenfalls auf Deutsch übersetzten Roman "Der Bataraz". Daraus machte der Schauspieler Peter Lehmann wiederum ein Theaterstück. Die Rückübersetzung in Rosencofs ureigenstes Metier gelang in beeindruckender Weise.

Ein Mann betritt die leere Bühne. Zeichnet mit Kreide sorgfältig ein Rechteck auf den Boden. Gerade so groß, daß er mit drei Schritten die Diagonale durchmessen kann. Dann stellt sich der Mann in das Kreideviereck und wird es bis zum Ende des Stücks nicht mehr verlassen. Die physische Welt eines Isolationshäftlings ist so unvorstellbar klein, daß es der Nachhilfe eines Kreidestrichs bedarf. Elementar wie in den ersten Schultagen. Und unübersehbar präsent als ständige Erinnerung.

Denn der Rest ist Phantasie, mit der der Häftling die Enge der Gefängniszelle überwindet. Sein Feind, sein Freund, sein alter ego ist ein Hahn, ein Bataraz, den ihm die Gefängnisleitung aus unerfindlichen Gründen – ein Spitzel, ein Geschenk, eine Strafe? – in die Zelle steckt und um den herum er seine täglichen Trainingsrunden erledigt. Eins, zwei drei und kehrt. Bald hebt der Mann das Beinchen wie der Hahn, bewegt sich wie der Hahn, ist der Hahn.

Sein Monolog schwankt zwischen Wahnsinn und Hoffnung. Gerade noch kauert der Häftling verstört in einer Ecke und knabbert verstohlen an den Maiskörnern des Hahns, da läßt ihn ein Geistesblitz aufschnellen und die Freiheit herbeiträumen. Lichtwechsel ersetzt den Bühnenumbau. Behende bewegt sich der Schauspieler durch die Szenerie. Hat sich das Kreiderechteck unbemerkt gedehnt? Nein, es ist nur die Vorstellungskraft, die Raum greift, wenn er von erniedrigenden Verhören und Schikanen der Wachmannschaft berichtet, sich vorstellt, wie der Bataraz an seiner Statt gerade eine Foltersitzung durchleidet. Wenn er sich an den Besuch des Roten Kreuzes klammert und endlich vor der internationalen Kommission im Dienste der Menschenrechte sitzt, ohne daß ein einziges Wort der Klage über seine Lippen kommen darf. Denn die Militärs hören mit. Grausame Spitze: Als er in seine Zelle zurückkommt, ist all das eilends für die Besucher aufgestellte Mobiliar schon wieder verschwunden. Und das ungewohnte gute Essen vor der Visite kommt postwendend wieder die Speiseröhre hinauf.

Bis an die Schmerzgrenze geht das Miterleben dieses Leidens eines Menschen, dem die Diktatur mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht das Menschsein absprechen will.

Ein Thema, das zehn Jahre zu spät kommt, wurden die meisten Diktaturen Lateinamerikas doch inzwischen durch zivile Regierungen ersetzt? Mitnichten. Die existentielle Erfahrung von Haft und Folter wie auch deren allgemeinere Fassung, die Frage des Überlebens unter Extrembedingungen ohne psychische Schädigungen, bleiben auch weiterhin ein Thema für Theater und Literatur. Zudem ist die Vergangenheit nicht tot, ihre Schatten schweben weiter drohend über den Gesellschaften. Die Folterer und ihre Befehlshaber wurden in der Regel nicht zur Verantwortung gezogen. Es gab keine gesellschaftliche Ächtung von Folter und Verschwindenlassen. Die Opfer werden ihr ganzes Leben unter den Folgen ihrer Hafterfahrungen leiden. Zum Teil ist die Vergangenheit nicht einmal vergangen, wie die Berichte über die Haftbedingungen in den peruanischen Hochsicherheitsgefängnissen zeigen, die während der Besetzung der japanischen Botschaft in Lima wenigstens bruchstückhaft an die Öffentlichkeit drangen.

Peter Lehmann, der nach einem Schauspielstudium an der Universidad de Chile in Santiago in der Zeit der chilenischen Militärdiktatur nach Deutschland gekommen ist, danach Mitglied des Ensembles des Theaters am Turm in Frankfurt/M. war und inzwischen als freier Schauspieler arbeitet, hat die literarische Vorlage von Mauricio Rosencof überzeugend in Bühnensprache umgesetzt. Auch das doppelte Wagnis, die Inszenierung ins uruguayische Spanisch "rückzuübersetzen" und in Montevideo aufzuführen, gelang. Das Stück sei ein Höhepunkt des vom Goethe-Institut veranstalteten Zyklus über kollektives Gedächtnis gewesen, schrieb das Institut nach Deutschland.

Gaby Küppers

Wer Interesse an einem Aufführungstermin hat oder eine Aufführung (auf deutsch oder spanisch) organisieren möchte, wende sich bitte an: Peter Lehmann, Hamburger Allee 37, 60486 Frankfurt/Main, Tel. 069/70 04 34

Der Roman "Der Bataraz" von Mauricio Rosencof ist im Verlag Libertäre Assoziation erschienen. Er ist zum Preis von 12,- Euro über den Buchhandel erhältlich.

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