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Jahrelang rühmten sich die ArgentinierInnen, sie seien "Abkömmlinge" von den Schiffen. Mithin hatte ein europäischer Uterus Vorrang vor dem irgendeiner unbekannten präkolombinischen Ureinwohnerin. Die Frage "Wer bin ich, wer sind wir" wurde Honoratioren und Forschern zufolge zum nationalen Markenzeichen. Die Großmütter der Plaza de Mayo, seit fünfundzwanzig Jahren auf der Suche nach ihren während der Diktatur geraubten Enkelkindern, fanden in der Frage nach der Herkunft den Schlüssel zur Schatzkammer. Der Auslöser war ein gerade einmal halbstündiges Werk, das dem Schicksal der "verschwundenen" Kinder nachging: "Was den Zweifel betrifft", ein Stück der Dramaturgin Patricia Zángaro. "Wenn man ein lebender Verschwundener ist, hat man noch nicht alles verloren", denn es gibt Eltern, Großeltern und Familienangehörige, die nach dem Kind suchen. Und "nicht der Zweifel schadet, sondern die Lüge", wurde von der Bühne herab verkündet. Am Schluss stand die Frage: "Du, weisst du, wer du bist?" Zweifeln, der erste Schritt, um sich selbst zu entdecken. Die Erfahrung zeigte, dass es möglich ist, mit den Mitteln des Theaters zu sensibilisieren, Zweifel zu zerstreuen und Unterstützung für die Suche nach den während der Militärdiktatur entführten und übereigneten Kindern auf den Weg zu bringen, die heute mit einer geraubten oder gefälschten Identität leben. "Was den Zweifel betrifft" wurde ein ganzes Jahr lang erfolgreich gespielt. Dergestalt entstand das Theater für die Identität. "Auch heute weiß man von mehr als 500 Kindern, die in jenen Jahren verschwunden sind", stand auf dem Aufruf der Großmütter der Plaza de Mayo, mit dem sie zu einem Wettbewerb für Stücke aufriefen, die diese Situation den ArgentinierInnen nahe bringen sollten. Dramen, um den Zweifel zu säen. SchauspielerInnen, RegisseurInnen, DramaturgInnen, MusikerInnen, BühnenbildnerInnen, KostümbildnerInnen, ProduzentInnen und SpielstättenbetreiberInnen taten sich zusammen, um TEATRO X LA IDENTIDAD (das spanische x steht für por/für oder pro) zu machen, gleichsam aus dem Bedürfnis heraus, sich im Sinne der Bildung eines sozialen Gewissens zu engagieren. Diese "Bewegung" der Theaterleute suchte 41 Arbeiten aus, die dann im April, Mai und Juni letzten Jahres jeden Montag in 41 Sälen von Buenos Aires bei freiem Eintritt gezeigt wurden. Dreihundert SchauspielerInnen, vierundvierzig RegisseurInnen und mehr als dreißigtausend ZuschauerInnen waren der Motor des überzeugendsten Theaterereignisses des vergangenen Jahres, gratis gespielt und ohne jede Subvention. Um Geld zusammenzubringen wurden Wertgutscheine über einen Peso mit einer Grafik des Zeichners Hermenegildo Sábat und T-Shirts mit einem dazugehörigen Logo verkauft. TEATROXLAIDENTIDAD entstand aus dem tiefen Bedürfnis heraus, legitime Verteidigungsmechanismen gegen die Brutalität und den Horror zu entwickeln, welche in dem Verbrechen liegen, sich Babys und Kinder anzueignen und ihre Identität organisiert und systematisch seitens der Militärdiktatur zu ersetzen. Ein Verbrechen, das heute weiterhin fortbesteht, wie die Theaterleute unterstreichen. "‘IDENTITÄT: Abstammung, besondere Merkmale’, finde ich in einem Lexikon unter den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs...", schreibt Patricia Zángaro. "Und mir fällt plötzlich auf, dass diese Auffassung von Identität als Herkunft und Ausgestaltung des Besonderen, des Eigenen, des Persönlichen, wie die Geschichte, derer sich der Einzelne bemächtigt, um darin seine Verschiedenheit einzufangen, völlig die Ebenen sprengt in einer vom Postmodernismus gefeierten Umgebung, in der Globalisierung, der Tod des Subjektes und das Ende der Geschichte die Eckpunkte sind..." Das Schleusentor ist geöffnet. Der Zweifel vervielfacht sich. Die Bewegung "Teatro por la identidad 2002" hat sich bereits auf dem Weg Richtung argentinische Bühnen gemacht. Im Jahre 2000 war der Zweifel: Du, weißt du, wer du bist? Und heute, wissen wir, die ArgentinierInnen, wer wir sind? Übersetzung: Gaby Küppers |