Als wir hörten, dass das Stück Apocalipse 1,11 von Fernando Bonassi während der Zeit unseres Aufenthaltes in Rio de Janeiro gespielt würde, wollten wir natürlich unbedingt hin. In den Veranstaltungskalendern der Zeitungen stand neben der Uhrzeit als Ort nur DOPS. Also fragten wir Bekannte, wo denn das DOPS-Theater sei. DOPS war jedem ein Begriff – allerdings nicht als Theater. Die DOPS war die politische Polizei in der Militärdiktatur. Aber es war kein Irrtum oder Druckfehler. Dem Teatro da Vertigem (Theater des Schwindels) und seinem künstlerischen Leiter Antonio Araújo war es ernst: im Gebäude, wo in den sechziger und siebziger Jahren die Geheimpolizei residierte und politische Gefangene quälte, Theateruntypische, aber für ihre Themen passende Aufführungsorte sind ein Spezifikum des Teatro da Vertigem. Die Gruppe aus São Paulo hat ihre Stücke schon in einem Krankenhaus, einer Kirche und bei der Erstaufführung von Apocalipse 1,11 in einem stillgelegten Gefängnis herausgebracht. Sie entwickelt ihre Projekte für den Raum, in dem sie sie realisiert. Für das Gastspiel in Rio de Janeiro konnte sie daher nicht einfach wenige Stunden vorher anreisen, ihr Bühnenbild aufbauen und spielen, sondern sie musste die Inszenierung für den Ort neu entwerfen. Prolog Plötzlich taucht eine geistig verwirrt wirkende Frau auf dem Parkplatz auf. Sie redet unzusammenhängende religiöse Floskeln im Gestus der evangelikalen PredigerInnen, die einem auf Schritt und Tritt in Brasiliens Städten begegnen. Die wartenden TheaterbesucherInnen, uns inklusive, sind unsicher, ob es tatsächlich eine dem religiösen Wahn verfallene Frau oder ob sie als Schauspielerin Teil der Inszenierung ist. Nach einigen Minuten sind die meisten überzeugt, dass letzteres gilt. Aufgeklärt wird es nicht. Erstes Bild Dann erfolgt der Einlass. Am Eingang stehen zwei – offensichtlich reale – Polizisten und ein martialischer Typ mit schwarzen Klamotten und Lederstiefeln. Er herrscht die ZuschauerInnen ziemlich barsch an, sie sollen die Treppe hoch gehen und sich dabei beeilen. Im Innern das Gebäudes gibt es weitere dieser schwarz gekleideten Männer, die aussehen wie Kerkermeister. Auch sie treiben uns zur Eile an. In einem schmalen Flur in der zweiten Etage werden wir angehalten stehen zu bleiben. Es ist sehr eng. Auf der einen Seite führt eine Stahltür zur Waffenkammer der Polizei, auf der anderen Seite versperrt eine Gittertür den Zugang zu einem Gang, an dessen Ende der abendliche Betrieb der Polizeiwache zu sehen ist. Ein Fenster im Treppenhaus öffnet sich und ein Mann erscheint. Er verkündet eine neue Welt, in der alles besser wird. Danach tritt im Flur ein Mädchen mit Blumen und einer Flower-Power-Botschaft auf, dann ein Briefträger mit einem Brief von Gott. Nachdem sie ihren Text vorgetragen haben, steigen beide in einen alten Aufzug und fahren weg. Zweites Bild Wir werden aufgefordert, weiter die Treppe hoch zu gehen. Unter dem Dach gibt es einen großen speicherartigen Raum, der karg – wie eine Gefängniszelle – möbliert ist. Er ist relativ groß, es gibt aber keine Stühle. Die meisten ZuschauerInnen stehen an die Wand gelehnt, einige sitzen auf dem Boden. Ein Schauspieler stellt sich als João (Johannes – das letzte Buch des Neuen Testaments ist die Apokalypse oder Offenbarung des Johannes) vor. Neben ihm ist zunächst nur eine madonnenhaft wirkende Schauspielerin anwesend. Plötzlich ist sie nackt. Sie bedrängt João, mit ihr zu schlafen. Völlig überraschend – er lag versteckt unter dem Bett – erscheint ein weiterer Mann, der offensichtlich Jesus darstellen soll. Zuletzt taucht durch eine Dachluke der Verkünder aus der vorherigen Szene auf. João ist offensichtlich von seiner Heilsbotschaft noch nicht überzeugt. Der Verkünder wird aggressiv, ergreift ihn und steckt seinen Kopf in die Toilettenschüssel. Ein zynischer Taufakt. Wir werden aufgefordert zu gehen. Unter den üblichen Zurufen der „Kerkermeister“, schneller zu machen, geht es durch ein Treppenhaus, vorbei an zu Heiligenfiguren erstarrten Schauspielern über einen Hof, durch einen Gang. An den Wänden sind Heiligenbilder angebracht, aus Lautsprechern tönt sakrale Barockmusik. Die Heiligenbilder werden immer obszöner. Drittes Bild Am Ende des Gangs ist eine Tür und plötzlich stehen wir in einem Nachtclub. Das Mobiliar und das Licht sind rot. Die Leute werden aufgefordert, sich an die Tische und an den Rand zu setzen. Auf der Bühne gibt es eine erotische Show, die zur Darstellung einer brutalen Vergewaltigung wird. Danach gibt es ein anderes – schwules – Showprogramm. Auch dabei geht es um phallische Macht und Unterwerfung. In einer weiteren Szene bewundert eine weiße Frau einen fast nackten schwarzen Mann wegen seiner sexuellen Ausstrahlung und ergeht sich voll Bewunderung über die Schönheit der Schwarzen. Als sie etwas aus ihrer Handtasche holen will, vermisst sie ihr Portemonnaie. Sofort behauptet sie, der Schwarze habe es gestohlen. Dieser wird von den Leuten auf der Bühne und den „Kerkermeistern“ zusammengeschlagen. Nahezu jede Szene des Showprogramms kippt irgendwann um und wird gewalttätig. Nach und nach werden so alle brasilianischen Selbstbilder negiert: der lockere Umgang mit Sexualität, die vermeintliche „Rassendemokratie“, der Anspruch, dass vor der Verfassung und der Nationalflagge alle gleich sind, die Akzeptanz der in der Öffentlichkeit (zumindest in Rio) sehr präsenten männlichen Homosexualität – es erscheint ein Bild von (Männer-) Gewalt, Rassismus, sozialer Ausgrenzung und Homophobie. Gegenüber der Bühne erscheint auf einem Mauervorsprung wieder der Verkünder. Seine sarkastische Heilsbotschaft verquickt nun sexuelle Potenz, die Macht des Geldes und die unbedingte Bereitschaft zur Gewalt. Das Ambiente gleicht dem der Rocky-Horror-Picture-Show. Nur wird aus Spaß Ernst, aus der Persiflage Bilder des alltäglichen realen Horrors. Viertes Bild Noch stärker in der nächsten Szene. Nun werden wir in einen Keller geschickt, fast getrieben. Es ist duster. Auf der einen Seite die Wand, auf der anderen winzig kleine Zellen, deren Eisentüren teilweise offen stehen. Es ist bedrückend, fast Panik machend eng. Wir stehen regelrecht an die Wand gequetscht. Nackte Leute werden in die Zellen gejagt, die Türen zugeschlagen. Man stellt sich vor, dass drinnen Folterszenen stattfinden. Schüsse sind zu hören. Die leblosen Körper werden von den „Kerkermeistern“ in den Gang getragen, auf den Boden gelegt und alle mit einer einzigen langen Plastikplane bedeckt. Wir werden aufgefordert weiterzugehen. Dabei müssen wir über die mit der Plane bedeckten Körper steigen. Die Situation ist kaum erträglich, vor allem weil alle ZuschauerInnen wissen, dass das, was wir gerade als Szene gesehen haben, genauso vor zwanzig, dreißig Jahren an diesem Ort geschehen ist. Fünftes Bild Es geht nun in einen großen hallenartigen Raum, in den wir über eine kaum erleuchtete Treppe gelangen. Die Treppe umrundet einen einsehbaren Gitteraufzug, in dem einer der Hauptdarsteller abwärts fährt. João, nach seiner „Taufe“ in allen Szenen nur Zuschauer, kauert in einer Ecke.Hier findet so etwas wie ein ultimatives Weltgericht statt. Einige, die sich immer noch nicht der einzig wahren Botschaft unterworfen haben, werden misshandelt, gedemütigt, mit rohen Eiern beworfen. Einer der „Kerkermeister“ verteilt Eier an einige ZuschauerInnen und fordert sie auf, sie auf das Opfer zu werfen. Einer wirft tatsächlich, die anderen lassen die Eier fallen oder behalten sie in der Hand, keineR kommt auf die Idee, sein Ei auf den Folterer zu werfen. Die Verhöhnung und die Erniedrigung der Opfer ist das einzige, was die Vertreter der allein selig machenden Ordnung noch zustande bringen. Sie können nur noch zerstören, zuletzt sich selbst. Eine große Tür öffnet sich, sie führt direkt auf die Straße. Draußen fahren Autos, Passanten gehen eilig vorbei, man sieht Leute auf der Straße schlafen. João nimmt seinen Koffer und geht hinaus. Alle Heilsversprechen, Propheten und Offenbarungen bieten keine Lösungen. Er muss sich der Realität da draußen stellen. Epilog Nun laufen alle SchauspielerInnen hinaus und stellen sich auf der anderen Straßenseite auf. Auch wir ZuschauerInnen gehen. Publikum und Ensemble stehen sich draußen gegenüber – getrennt durch die Straße. Langer, nachdenklicher Applaus. Die Autofahrer auf der nächtlichen Straße sind sichtlich irritiert. |