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Welttheater
Internationales Festival im Rheinland
 von Gert Eisenbürger

Im Rahmen des Festivals „Theater der Welt“ wurden zwischen dem 21. und 30. Juni in Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg 40 Stücke aus 19 Ländern präsentiert. Gert Eisenbürger hat sich die Produktionen aus Lateinamerika (und einige andere) angesehen.

Der spektakulärste und mit der größten Medienaufmerksamkeit bedachte lateinamerikanische Beitrag war „Apocalipse 1,11“ des Teatro da Vertigem aus São Paulo, inszeniert im Gefängnis Köln-Ossendorf. Der Titel „Apocalipse 1,11“ spielt sowohl auf die biblische „Offenbarung des Johannes“ an, als auch auf das Massaker im Gefängnis Carandiru/São Paulo, wo 1992 bei der Niederschlagung einer Revolte 111 Gefangene umgebracht wurden. So lag die Assoziation auf der Hand, als die Gruppe mit ihrem künstlerischen Leiter Antonio Araújo die von Fernando Bonassi verfasste Parabel auf Gewalt, Repression und Ausgrenzung in São Paulo in einem stillgelegten Gefängnis und später in Rio de Janeiro im ehe-maligen Gebäude der DOPS, der Geheimpolizei der Militärdiktatur, spielte (vgl. ila 255). Gegenüber diesen Symbolen staatlicher Gewalt präsentierte sich die JVA Ossendorf in einem dem Pressematerial beigelegten Faltblatt als „Dienstleistungsunternehmen“, das „der Öffentlichkeit und den Inhaftierten verpflichtet“ ist.

Die Szenen brutalster Repression waren in Rio in einem sehr engen Gang im Keller des DOPS-Gebäudes inszeniert worden. Der drückenden Enge und dem Bewusstsein, dass das Dargestellte während der Diktatur tatsächlich so geschehen war, konnte sich keineR der ZuschauerInnen entziehen. Den Schrecken, der sich aus dem Gesehenen, der historischen Erinnerung und der eigenen Phantasie einstellte, erlebte ich auch in Ossendorf. Hier lieferte ein Versorgungsgang unter einem Zellentrakt die Szenerie. Zunächst schien alles weniger beklemmend, der Gang war breiter, heller, hatte einen Kunststoff- und keinen Steinboden. Als es sehr laut wurde, dachte ich, dass man eben solchen Lärm den Häftlingen in den darüber liegenden Zellen nicht zumuten könne. Ich sah nach oben und hatte den Eindruck, dass der Trakt gar nicht belegt war. Kein Geräusch war zu hören, kein Lichtschein drang aus den Zellen. Ein toter Trakt? Etwa der Tote Trakt, in dem die Gefangenen aus der Roten Armee Fraktion ab Mitte der siebziger Jahre isoliert wurden? Wo versucht wurde, durch absolute Stille, Isolation und Reizentzug ihre Persönlichkeiten zu zerstören. Wo Ulrike Meinhof im „Brief einer Gefangenen aus dem Toten Trakt“ geschrieben hatte: „... das Gefühl, es explodiert einem im Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen) – das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst – das Gefühl, das Gehirn schrumple allmählich zusammen wie Backobst z.B. – das Gefühl, man stünde ununterbrochen unter Strom ...“. „Apocalipse 1,11“ – ein Stück über Brasilien?

Repression war auch Thema von „Cuerpos (A)banderados“ der Argentinierin Beatriz Catani. Nicht die Darstellung der Gewalt stand im Mittelpunkt, sondern ihre Wirkungen in den Köpfen. Hauptpersonen waren zwei Schwestern, Aurora und Ángeles. Ángeles erscheint bei Aurora mit einem riesigen Paket, darin die Leiche ihres Lebensgefährten Oli(verio). „Sie“ seien morgens gekommen, sie selbst hätte fliehen können, doch Oli hätten „sie“ erwischt. Abends habe sie seine Leiche gefunden mit den berüchtigten Bisswunden am Bein. Normalerweise ließen „sie“ die Leichen ja immer verschwinden. Olis toter Körper sei ein Beweis. Aurora müsse die Bisswunden fotografieren. Aber die weigert sich, will nicht in etwas reingezogen werden. Nun beginnt ein Psycho-Drama zwischen den Schwestern, bei dem alle Verletzungen aus der Kindheit zur Sprache kommen. Ein dritte Person, Amina, kommentiert die Dialoge der Schwestern mit psychologischen Deutungen, sinnigen und unsinnigen Wortspielen und absurden Aussagen. Eine gelungene Parabel auf Diktatur, Komplizentum, Verwundungen und Rechtfertigungen in einer in Angst erstarrten Gesellschaft – voller skurrilem, argentinischem Humor. Am Schluss sind Ángeles und Aurora tot, nicht etwa abgeholt von „ihnen“, wie sie die ganze Zeit fürchten, sondern erstickt, weil ihnen die Luft zum Atmen fehlte.

Argentinien gehört zu den Ländern mit der höchsten Selbstmordrate der Welt. Die Theatergruppe „El Periférico de Objetos“ aus Buenos Aires machte dies zum Thema ihres Stückes „Apocrifó 1: El Suicidio“. In sehr unterschiedlichen fragmentiertenBildern versuchte die Gruppe sich dem Phänomen Selbsttötung und ihrer gesellschaftlichen Tabuisierung anzunähern. In der sehr pasenden Umgebung einer Kölner Stadtteilbibliothek wurde „La Biblioteca de Babel“ von Rubén Szuchmacher (Buenos Aires) präsentiert, eine ansonsten szenische minimalistische Rezitation der Erzählung von Jorge Luis Borges. 

Porteros sind die Pförtner in den mittelständischen Wohnblocks lateinamerikanischer Großstädte. Sie üben Hausmeisterfunktionen aus, vor allem haben sie darauf zu achten, dass keine Unbefugten ins Haus kommen. Während die BewohnerInnen wenig über die Porteros wissen, sind diese meist bestens über alle informiert. Damit spielte Regisseur Stefan Kaegi in „Torero Portero“, einer Produktion des Goethe-Instituts Córdoba/Argentinien. Die ZuschauerInnen saßen in den Schaufenstern einer Galerie und schauten auf die Straße. Wie sonst die Pförtner nahmen sie das Geschehen durch eine Glasscheibe war. Sie sahen drei arbeitslose Porteros – und begnadete Laiendarsteller –, die auf dem Mittelstreifen der Straße, bisweilen hinter dem Straßenverkehr verschwindend, gymnastische Übungen machten und Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag erzählen. Über Lautsprecher wurde alles in die Galerie übertragen. Aus realen Erzählungen von Porteros entstand eine Textvorlage, die meisterlich und äußerst unterhaltsam die Lebensgewohnheiten der (theaterbesuchenden) Mittelschicht karikiert.

Spannende Beiträge gab es nicht nur aus Lateinamerika. Höhepunkte für mich waren die Tanztheater-Produktionen aus Afrika, so „Frères sans Stèles“ der Gruppe „Kongo Ba Teria“ aus Burkina Faso, in der das bis heute präsente Trauma der Sklaverei bearbeitet wurde, und „Sans Repères“ von Béatrice Kombe aus der Elfenbein-küste. In der atemberaubend dynamischen Choreographie setzten sich vier Tänzerinnen mit der Situation von Jugendlichen auseinander. Die Szenen von Individualisierung, Gewalt, verzweifelter Suche nach Perspektiven, Autoaggression und dem Bedürfnis kollektive Erfahrungen herzustellen, wurden aus den Erfahrungen in Abidjan entwickelt, sie hätten aber genauso in Berlin, São Paulo, oder den Banlieues von Paris entstanden sein können. Globalisierung - zur Abwechslung mal - at its best! 

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