Krise, Zufall, Risiko
Ein Praktikum beim Teatro „La Candelaria“ in Bogotá
von Christiane Wiegand
Die kolumbianische Theaterlandschaft gilt seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten und lebendigsten in Lateinamerika. Vor allem zwei Theatergruppen haben sowohl mit ihrer Ästhetik als auch mit ihrer Arbeitsweise einen starken Einfluss auf die Theaterszene des gesamten Kontinents ausgeübt: das „Teatro Experimental de Cali“ (TEC) mit seinem Direktor Enrique Buenaventura (vgl. Interview in der ila 114)
und das von Santiago García geleitete „Teatro la Candelaria“ in Bogotá. Diese beiden Gruppen prägten maßgeblich das heute vielerorts in Lateinamerika praktizierte Prinzip der „Creación Colectiva“, bei dem SchauspielerInnen in einem kollektiven Prozess ein Stück und seine Inszenierung entwickeln. Die Leipziger Studentin Christiane Wiegand hatte kürzlich die Gelegenheit die Arbeit von „La Candelaria“ aus allernächster Nähe kennen zu lernen. Sie machte ein zweimonatiges Praktikum bei der Gruppe.
Als ich mit Paletas, einem Schauspieler des Theaters „La Candelaria“, vom Flughafen aus durch das nächtlich stille Bogotá fuhr, sagte er plötzlich: „Es sieht gar nicht nach Krieg aus, stimmt's?“ – Nein, wirklich nicht. An vielen Orten in Kolumbien tobt der Krieg von Militär und Paramilitär gegen die Guerilla und umgekehrt. Und fast täglich fallen in den Dörfern viele Menschen den Kämpfen zum Opfer. Aber Bogotá ist wie eine Insel – vom Krieg erfährt man aus den Zeitungen. Jeden Tag flüchten Tausende von Menschen, Schutz suchend vor der Gewalt, in die Sieben-Millionen-Metropole. Die Armenviertel wachsen am Rande der Stadt. Die Bettler sortieren den Müll auf den Straßen, während Soldaten mit Maschinengewehren die Regierungsgebäude überwachen. Selbst die KolumbianerInnen begreifen ihr Kolumbien nicht mehr, wo man nur einmal die Wahrheit sagen kann, weil man danach auf der Todesliste steht. Es rühmt sich mit der ältesten Demokratie Lateinamerikas – und doch ist es eine Oligarchie. Die Oberschicht besitzt Boden, Banken, Industrie und das Medienmonopol und finanziert den Krieg.
Es ist kaum denkbar, dass die kolumbianischen Künstler die soziale oder politische Situation des Landes in ihrer Arbeit unberücksichtigt lassen könnten. Gerade das schon 35 Jahre alte Theater „La Candelaria“ hat sich durch seine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Wirklichkeiten seines Landes beim eigenen Volk und in der ganzen Welt einen Namen gemacht.
In meiner zweimonatigen Mitarbeit an der neuen Produktion – einem Stück über die Oberschicht Kolumbiens – erlebte ich nur eine kurze, aber intensive Phase des zweijährigen Entwicklungsprozesses in der „creación colectiva“ (gemeinschaftliche(s) Arbeit/Werk) – eine Arbeitsmethode, die in vielen lateinamerikanischen Ländern entstand, um aus der Ablehnung gegenüber dem kommerziellen europäischen und amerikanischen Kulturimport heraus eine eigene Theaterform und -geschichte zu schaffen. Bei „La Candelaria“ entwickelt die achtzehnköpfige Gruppe das Stück mit Improvisationen, diesmal ausgehend von Romanen, Biographien und Sachliteratur zum Thema. Alle arbeiten als AutorIn, SchauspielerIn, DramaturgIn, RegisseurIn, KostümbildnerIn, BühnenbildnerIn und -arbeiterIn. Lediglich ein Techniker unterstützt sie dabei. Ich war von Beginn an als Praktikantin gleichberechtigt in die Gruppe und alle Aufgaben eingebunden. Der 75-jährige Maestro Santiago García – auch der „große Blinde“ unter den „Blinden“ genannt – organisiert als künstlerischer Leiter den Prozess der Suche, öffnet neue Türen und glättet manches Mal die Wogen.
Ein Probentag
Ein Probentag begann morgens mit dem individuellen Aufwärmen auf der Bühne. Danach fanden sich Gruppen zur Arbeit an ihren Improvisationen zusammen, die geheim gehalten wird. Wenn die Gruppe so weit war, zeigte sie die Improvisation den anderen. Es ist wie eine zehnminütige Vorstellung. Geschminkt, mit Kostüm, Bühnenbild und Licht spielten wir die vorher skizzierte, aber nicht geprobte Szene. Es folgte die gemeinsame Analyse, in der die Zuschauenden beschreiben und kommentieren und die Spieler ihre Intention verteidigen bzw. erklären können.
So entstehen nach und nach durch den ständigen bewussten und unbewussten Austausch untereinander Figuren, Raum, Zeit, Handlung und die Form. Danach wird durch gemeinsame Arbeit am Tisch aus dem Material heraus die dramaturgische Struktur des Stückes entwickelt.
Wie „La Candelaria“ gibt es in Bogotá 32 andere freie, nicht kommerzielle Theatergruppen und Laboratorien, die mit ganz verschiedenen Methoden experimentieren. Doch kontinuierliche finanzielle Unterstützung vom Staat erhält kein einziges der Theater.
Bei „La Candelaria“ garantiert das Publikum, das sich vor allem aus Studenten, Schülern, Angestellten und Theaterleuten zusammensetzt, den Erhalt der Probensäle. Während der letzten Produktion „El Quixote“ tauchte plötzlich ein reicher Mexicaner auf, war begeistert und kaufte schon im voraus Vorstellungen. Aber für das neue Stück fehlt noch immer das Geld.
Am Nachmittag gehen alle ihre eigenen Wege um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die meisten professionellen TheaterschauspielerInnen in Kolumbien leben immer gerade so von einem Tag auf den anderen. Nur beim Fernsehen, in den telenovelas bekommt man gutes Geld. So ist die Verlockung für viele groß. Um so mehr wissen die SchauspielerInnen von „La Candelaria“, warum sie auf der Bühne und nicht vor der Kamera stehen. Sie glauben an die Wichtigkeit des Theaters als Spiegel der Wirklichkeit.
Nur durch die guten Repertoirestücke kann es sich die Gruppe leisten, sich die Zeit für eine Produktion zu nehmen, die sie braucht. Es entstehen Stücke, mit denen alle so verwachsen sind wie mit ihrer eigenen Haut. Dabei sind der Zufall – das Spiel mit dem Unbewussten –, die Krise – der spannendste und wichtigste Moment in der Arbeit – und das Risiko – der Reiz am Anfang nie zu wissen, was zum Schluss wirklich entsteht – wunderbare Spielelemente. Sie geben die notwendigen Impulse für einen immer wieder neuen, intensiven und kontroversen Arbeitsprozess, in dem auch die Alteingesessenen der Gruppe jedes mal wieder ganz andere Seiten der gemeinschaftlichen Arbeit entdecken können. Diese Offenheit, die Risikobereitschaft, das Vertrauen in einander und der gute Zuschauerkontakt beeindruckten mich sehr. Sie bilden, wie ich finde, das Potential für ein lebendiges, kritisches, aktuelles Theater, das für das Publikum wirklich zum Erlebnis wird.
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