Zugegeben
sind die meisten von uns in Genova harmloserweise zusammengekommen, um dem
Kapital sozusagen mal auf die Füße zu treten. Erst als uns dort von
Staats wegen und mit Schröders Segen in den Kopf zurückgetreten wurde
begannen wir zu verstehen, welcher Punkt in der Auseinandersetzung
zwischen Kapital und Arbeit erreicht ist – zumindest aus Sicht unserer
Gegner. Wer
mit derlei Sozialisationserfahrungen aus dem noch real existierenden
Kapitalismus nach Cuba reist, hat ein ganzes verpasstes Jahrzehnt
nachzuholen. Wir kennen den Sozialismus in Europa so wie er vor 15 Jahren
den Löffel abgegeben hat. Der Hohn unserer grünschwarzen Yuppies treibt
ein verlässliches Spiel mit seinen Anachronismen. Aber mal ehrlich: Wer
kann der 1989 verstorbenen Großtante vorwerfen, dass sie keine Ahnung vom
Internett hatte, geschweige denn von Mano Tschau? Anders
ist es mit der cubanischen Theaterlandschaft. Da dürfen wir mit Fug und
Recht, wie einst Hans Eisler in der Hauptstadt der DDR, Tacheles reden. Da
gehört es sich schlicht unerbittlich zu sein: “Im Namen immerhin der höchsten
Ideale der Menschheit laß ich mir bestimmte Dinge einfach nicht
bieten“, brauste der Schönbergschüler mit dem ganzen Pathos seines
Wiener Akzents[2]
damals auf. Aber gemach! Jede Landschaft, die uns reizt, will erst einmal
erlaufen werden. Cuba
2003. Billiges Brot ist knapp. Billige Spiele dagegen kommen frei ins
Haus. Zu den Klischees verfrorener Nordeuropäer über karibische Nächte
gehört, daß sich das intime Leben auf die Straße öffne. Ein nächtlicher
Spaziergang in der cubanischen Provinz kehrt die Erwartung um: Die Straße
öffnet sich hinein in die Häuser. Und da es sozusagen keine
Programmauswahl im Fernsehen gibt, werden wir zu ungebetenen Zeugen, wie
hinter jeder offenstehenden Tür, in jedem offenen Wohnzimmer die sinnfällig
gleiche Beschäftigung durch die tayloristisch vereinheitlichte Bewußtseinsindustrie
realisiert wird. Ob in den charmant gealterten Kolonialbauten, den seitdem
wesentlich verbesserten Hütten der arbeitenden Bevölkerung oder den
Interieurs der Neureichen mit Verwandtschaft um Miami: überall ist das
gleiche Programm tonangebend. Wandernd müssen wir Straßenzug um Straßenzug
das banale Geplänkel ganzer Telenovelas mitverfolgen. Und die Leute tun
sichtlich nichts anderes.[3]
“Armut ist ein großer Glanz von Innen.“ In die Tonne mit dem dämlichen
Rilke! Oriol,
der Initiator der Theaterkommune von Cumanayagua, lacht herzlich auf
unsere Frage, ob das Fernsehen dem Theater im Bewußtseinshaushalt seiner
Kleinstadt Konkurrenz mache: -“Bei einem derart liederlich langweiligem Gegenspieler rennt alles, was
wir als Theater auf die Beine stellen, offene Türen ein.“ Nicht alle Türen
stehen allerdings offen. Besonders wenn es nach dem Empfinden der
Staatsmacht politisch wird. Auf dem Europäischen Sozialforum November
2002 in Firenze hatten wir – mit den Lehren von Genova und unserem compañero
Carlo Giuliani presente, sichtbar auf einem Meer von Transparenten -
beschlossen, den 15. Februar zum weltweiten Aktionstag gegen
Neoliberalismus und Krieg auszurufen. Aber wo und wie wir es auch
anzustellen versuchen, auf die Zentralkundgebung in Havanna an diesem,
unseren Tag sind uns - wenngleich sie sich irreführenderweise “offene Bühne
der Revolution“ nennt - alle Zugänge verschlossen. -“Wo
ist die Eintrittskarte zur Demo?“ Liebe
Reisekollegen, die ihr Eure pflichtgemäß “schönsten Wochen des
Jahres“ entlang der Flugtarife in karibische Sinnenfreude taucht und
mindestens ebenso rituell mit dem Gefühl politischer Enttäuschung
abschließt: wer etwas anderes sehen will als die Oberflächen des
Weltsystems Neoliberalismus und des Hampelmanns seiner bemitleidenswerten
Peripherie muß sich halt ein bißchen bewegen! Zum
Beispiel in den Gängen des babylonischen Nationaltheaters von Havanna.
Gewiß, gleich hinter der Fassade spielt man unsäglichen Kleinbürgermief.
Aber bitte bedenkt, daß es Kleinbürgern in Lateinamerika am Wochenende
nicht überall so unterhaltsam gemacht wird. In Argentinien zieht man z.Z.
keine Revuespiele für sie auf, sondern riot police vor die Supermärkte.
Aber wir haben uns nicht die Billets gekauft, um hinter die Fassade zu
kommen, sondern wohlweislich für den 9. Stock. Gutes
Theater beginnt beim Warten auf den Fahrstuhl. Zur Schauspielgruppe El
Puente (im März 2003 für drei Wochenenden Gast auf der Probebühne, 9.
Stock im Nationaltheater Havanna) sammelt sich bereits eine gute Stunde
vorher bemerkenswert illustres Publikum. Nicht die industrielle
Stangenware der betont Alternativen jener mit Havanna gleichgroßen
berliner Metropole bestimmt das Erscheinungsbild der Gäste. Nein, aus den
Ladungen Altkleidern, Konsumabfall der Ersten Welten, haben sich die
Theaterbegeisterten der cubanischen Hauptstadt, deren Durchschnittsalter
in etwa mit einem europäischem black block zusammenfällt, eine
karibische Ausgehkonfektion zusammengezaubert, die kein Bühnenbildner
wird toppen können. Hören wir auf ihre Gespräche, beginnen wir handfest
neidisch zu werden: -“Wo
warst Du so lange, compañero?“ Cubas
junge Generation von TheatermacherInnen ist ausgebrochen aus den
Sackgassen RWG-sozialistischer Kulturrepräsentation, in denen ohnehin
kein Platz mehr für sie freigehalten war.[4]
Die Arbeit der jungen Leute von El Puente lebt bezeichnenderweise zu einem
Gutteil von den verflossenen Besitzständen des einstigen Auswahlsystems.
Die Gruppe fand im ukrainischen Kiev zusammen, ging später -
weitergereicht von Brudervolk-Stipendium zu Vatervolk-Stipendium - nach
Moskva und die kleine Tochter des Kollektivs, die immer mitspielen darf
wenn es Applaus gibt, wandelt selbstbewußt durch die Familie der
Zuschauer - eine junge Russin, letzte Sowjetbürgerin, sin dudas. Ihre
Eltern arbeiten an jeder szenischen Bewegung, jedem Ausdruck, jedem
Beleuchtungsdetail Wochen und Monate. Sie haben in ihren “Privileg“
genannten Jahren der Isolation des Auslandsstudiums - auf das kaum
erringbare Bühnenrussisch der Weltliteratur als Bezugssystem ihrer Gönner
geworfen – gelernt, alles Wesentliche in einer kondensiert sinnlichen Bühnendynamik
auszudrücken. Sprache wirkt angesichts dieser kollektiven Hochleistung an
Konzentration und Präsenz nur wie eine läßliche Zugabe. In dem Stück
mit dem indianischen Namen Itawameyi ist dieses Beiwerk als chinesisch und
französisch anmutende Satzfetzen auch nicht unbedingt genießbar für
solche ZuhörerInnen, die – nur dank ihrer unerhörten Bevorteilung
durch die kapitalistische Flut an Bildungswaren, gewiß - mehr davon
verstehen als lediglich die angeblich dem Spanischen fremde Melodie. Die
kubanische Isolation ist nicht wegzuarbeiten. Aber wir sehen und fühlen:
aus der Not läßt sich eine bisweilen bittere Tugend sublimieren. Die
existentielle Erfahrung der Liquidation europäischer Solidarität für
Cuba in den 90er Jahren, in der gerade Kulturarbeitende sich auf die
elementarsten Grundsätze zurückgeworfen fanden: Körper, Atem, Hunger,
hat beeindruckende und gleichfalls erschreckende Spuren in den
spielerischen Landschaften der El-Puente-Stücke hinterlassen. Einige
ihrer Bewältigunsstrategien fallen zusammen, mit dem was man in (Mittel-)Osteuropa
nun schon nicht mehr ausstehen mag. El Puente macht Anleihen an dem
reaktionär-sentimentalen Ausstattungskult der spätrealsozialistischen
Flucht ins Innere. Wie Prager Touristentheater und die edelschicken
Szenekneipen von Warszawa sind die Bühnenbilder teilweise bevölkert von
hochsymbolischen Schlössern, Objekten und anderen postmodernen Banalitäten,
mit denen man uns in den gelangweilten 90er Jahren glaubte, Freiheit als
Ausstattungsétiquette vorführen zu müssen. IKEA läßt grüßen. Aber
all das sind Nebensachen, überflüssige Requisiten vor dem Hauptwerk der
Gruppe, der Arbeit am Detail der eigenen Bewegung. Etwas
anderes dagegen stößt als ein flaues Gefühl auf, das uns nicht wieder
verläßt. Vielleicht ist auch diese Bitternis lediglich ein Vorgeschmack
auf das, was hier an gesellschaftlicher Regression gefeiert werden wird,
sobald die Machos von Miami und ihre rechtsradikalen Sponsoren[5]
wieder das Sagen haben. Aber warum assoziiert fortschrittliches Theater in
Cuba weiblichen Orgasmus auf so infame Weise mit männlichen Schlägen?
Die Tabubrüche von El Puente sind da in ihrer Eindimensionalität
durchaus nicht allein in der ach so aufgelärten Theaterlandschaft der
subtropischen Insel. Unfreiwillig werden wir uns bewußt, welche zweite
Geräuschkulisse unserer nächtlichen Spaziergänge wir vorhin
verschwiegen haben. Flehentlich fast kam uns da der absurde Wunsch, sie würden
doch lieber weiter fernsehen, anstatt die Rückständigkeit der
importierten Telenovelas derart auf sich zu beziehen. Am Tage stellen
Frauen 65% der qualifizierten und entsprechend bezahlten Arbeitskraft auf
Cuba. Frauenemanzipation wird seit vier Jahrzehnten mit der Akribie
wissenschaftlicher Planerfüllung vorbereitet.[6]
Genossen auf der Arbeit, Faschisten im Bett? Realismus
auf der Bühne wäre eine Einbahnstraße in den Tod, zeigte er sich nicht
in der Lage, die selbstbestimmte Aufhebung der schreienden Widersprüche
als sinnfällig mögliche begreifbar zu machen. Eine andere Welt ist möglich!
Wer sich vor dieser Erkenntnis verschließt macht gemeinsame Sache mit den
Träumen der Munitionsfabrikanten der NATO, die Tag und Nacht rüsten für
das Geschäft um den nächsten “Schurkenstaat“. Vergessen wir das
nicht, auch wenn sich unsere Erwartungen an Theater bereits in der x-ten
Generation von der Weimarer Forderung nach einer “Bühne als moralische
Anstalt“ freigestrampelt haben! Als
Heinrich Vogler mit der Überschreibung seiner Landkommune an die Rote
Hilfe in den kurzen Sommer des sowjetischen Avantgardetheaters der 20er
Jahre eintauchte, bemerkte er vor allem bei den SchauspielerInnen, die
nach den Jahren von Revolution und Bürgerkrieg aus allen Enden der Union
in Marchlewskis Minderheitenuniversität zusammenkamen, insbesondere nicht
nur in deren jüdischer Sektion eine sagenhafte Begabung für die
emanzipierte kollektive Bewegung auf der Bühne.[7]
Hier auf dem 9. Stock, im Spiel von El Puente, ist sie weitergeführt bis
kurz vor den Stillstand; fortentwickelt bis hinein in die leisesten Töne
des Unsagbaren. Zwei Kollegen (Orlando und Jorge Ferrera) trinken Wasser.
Da ist die Beleuchtung (Alfredo Ramos) so spärlich und gezielt, daß die
Spiegelreflexe der Trinkschalen den roten Faden der Dynamik übernehmen.
Von den Gesichtern zur mit schlichtem weißen Tuch vereinfachten
Raumillusion lispeln die unseren im Alltag abgenutzten Sinnen bis dahin
unzugänglichen Lichtreize und übersetzen in unaussprechlicher Subtilität
das federleichte Zittern der im übrigen schweißgebadeten Bühnenarbeiter.
Dies alles ist beobachtet, minutiös durchdacht und allem karibischen
Vorurteil zur Ehre präsent als dichtes, sinnenfrohes, unentrinnbares Gefühl.
Die Protagonistin von “Lo que se sabe, no se pregunta“ (Lourdes Ojeda)
badet angesichts ihrer zu Bewegungsmelodien stiliserten Besucher aus Asien
und Frankreich (Lexis Pérez und Juan Carlos Rod), macht listige Kopfsprünge
in den Bühnenboden hinein, als wäre alle Enttäuschung all der Jahre nur
ein Trugbild und unter dem Pflaster tatsächlich der Strand. Angesichts
der unentrinnbaren Suggestivität ihrer Bewegungen, auf raffinierte Weise
in den Mittelpunkt gerückt von der präzise auskomponierten
Dreiecksdynamik, glauben wir auf einmal unseren Augen nicht mehr: der
Bretterboden wird transparent, durchsichtig. Eine Leistung
unbeschreiblicher Konzentration, die so leicht und lebensfroh erscheint
wie ein cubanischer Sonntagnachmittag. Und plötzlich konjugiert sich der
Bewegungsfluß der Bühne auf die zunächst als Reduktion mißverstandene
weiße Betuchung der Raumgrenzen: sie werden zum Welttheater als
Schattenspiel. Vergiß
die kulturindustrielle Kaugummisensualität von “Lucia y el Sexo“
(Julio Medem, Espańa
2001), vergiß die larmoyante Neoreligiösität des vom italienischen
Fernsehen eingekauften Sowjetrussen Tarkovski (Nostalgia, Italia-SSSR
1983): diese unaufdringlich einfachen Theaterleute können mehr! Kein
Zweifel ist uns geblieben: unsere Hoffnung ist reif für die Insel. Das
Spiel ist aus. Scheinbar endlos warten die Zuschauer, wieder vom
Industriefahrstuhl nach unten gefahren zu werden. Da springt der Funke über:
So zwanglos mischen sich die Schauspieler unter ihre Gäste, legen ihre
Lieblingsmusik auf, jeder kann mit jedem etwas anfangen. Und da erst
verstehen wir. Wir sind gar nicht im Nationaltheater, sondern auf einer
Party![8]
Ein bißchen ähnlich jener Revolution vielleicht, die - auf die Alte Welt
gekommen - die Anfänge von Genova und Firenze zuendebringt. [1] Viele der Eindrücke und Ideen, die ich mir bei der Arbeit an diesem Text zueigen gemacht haben, verdanke ich anderen, CubanerInnen und Nicht-CubanerInnen, deshalb berichte ich konsequenterweise aus der Perspektive von uns. Das wenigstens ist zweierlei gleichzeitig: ungenau und angemessener als die Fiktion eines Theaterbesuchs als Einzelleistung. Alle Fehleinschätzungen, auf die mich die/der aufgeweckte ila-LeserIn hoffentlich aufmerksam machen wird, gehen allerdings auf mich zurück; Anschrift: Martin Krämer, ul. Orla 6 m55, PL-00-143 Warszawa, Polonia. [2] Und tatsächlich hat die nach Eisler “durch nichts berechtigte, schäbige Lebensfreude” der Herrschenden im Habsburgerreich sich über ihre Kolonialgeschäfte reichlich in das Leben Havannas hineinvererbt, vgl. Egon Erwin KISCH. 1944. “Mexico und Böhmen“, in: Demokratische Post, 1. Jg., Nr. 24, 1 VIII 1944. México, S. 5; [Neuausg. 1993, in: Ges. Werke in Einzelausgaben. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, Bd. 11, S. 270-273]. [3] Für Passanten unsichtbar bleibt gleichwohl die massenhafte Verbreitung schwarzkopierter Videos, deren Erfolg die Comités zur Verteidigung der Revolution nur schwer unter Kontrolle bekommen. Den Hinweis verdanke ich Michael Zeuske. [4] Wie der Regisseur Eddy SOCORRO bereits in ila 237 (JULI/AUGUST 2000, S. 27-29) berichtete, aus Perspektive der aufgeklärten Besitzständler versteht sich. [5] S. Harald NEUBER. 2003. “Reaktion auf Washingtoner Kampagne”, in Junge Welt, Nr. 85, 10 IV, S. 8. [6] S. Isabel LARGUÍA und John DUMOULIN. 1983. Hacia una concepción cientifica de la emancipacion de la mujer. La Habana: (ECS). [7] Vgl. Heinrich VOGELER. 1989. Erinnerungen, Mit Lebenszeugnissen aus den Jahren 1923-1942. Ostberlin: Rütten und Loening, S. 302. [8] Wer weiß schon was wir meinen? Wer hat schon FAUSTO 5.0 sehen können (Isidoro Ortiz, Álex Ollé, Carlos Padrissa, La Fura dels Baus, Espana 2001)? |