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Ich erzähle hier von dort und dort von hier
Ein Interview mit dem kolumbianischen
 Pantomimen Elkin Giraldo

Wie Musik und Tanz ist Pantomime eine Kunstform, die nicht an die Sprache gebunden ist. So können Pantomimen mit ihren ZuschauerInnen kommunizieren, auch wenn sie die jeweilige Landesprache nicht beherrschen. Zumindest theoretisch. In der Praxis zeigt sich, dass das Publikum auch auf Körper- und Bewegungssprache sehr unterschiedlich reagiert. Diese Erfahrung machte der kolumbianische Pantomime Elkin Giraldo, der zeitweilig in Deutschland lebte. Mit ihm sprach Kerstin Kastenholz über seine Kunst und sein Publikum.

Elkin, du bist Pantomime. Wie kamst du dazu?

Zur Pantomime fand ich, nachdem ich über viele Lehrjahre hinweg das Theaterspielen ausprobiert hatte. Auch wenn ich viele andere Techniken des Theaters erlernte, interessierte mich eine ganz besonders: die Körpersprache, eine Sprache, die Inhalte ebenso bezeichnend wie Worte vermitteln kann. Das Theater des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich stark mit allen Ausdrucksformen, abgesehen von Sprache, u.a. mit der Inszenierung, der Beleuchtung, der Requisite und im Besonderen mit der Körpersprache. Im Zuge dieser Entwicklung bildete ich mich in Pantomime aus. Ich entwickelte sie sogar zu einer persönlichen Sprache, mit deren Hilfe ich mit den unterschiedlichsten Kulturen der Welt kommuniziere, ohne die Sprachbarriere.

Wovon handeln deine Stücke?

Während meiner Theaterlaufbahn habe ich verschiedenste Themen aufgegriffen, aber hauptsächlich reizen mich soziale und politische Motive. In den kurzen Stücken werden Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Partnerschaften, Krieg, Frieden ... und noch vieles mehr thematisiert, die sich zu einer Anthologie formiert haben. Mit diesem breiten Repertoire kann ich mich an verschiedene Gegebenheiten anpassen.
Die langen Stücke sprechen Themen wie den sozialen Konflikt in Kolumbien an, so z.B. „Locumbia Sederrumbia“ (deutscher Titel: „Kolumbien: Tanz im brennenden Staat“), oder zeitgeschichtliche Themen nach dem Fall des Sozialismus in Osteuropa, wie „Fausto y el Muro“ („Faust und die Mauer“). Dies sind Stücke, die durch unsere aktuelle Geschichte in Zeiten von Mauern, Grenzen und Globalisierung angestoßen werden.  Für Kinder habe ich auch längere Stücke gemacht, zu denen „La Sonrisa de Luna“ (Das Lächeln des Mondes) zählt. Es wurde in den Achtzigern geschrieben und aufgeführt mit dem Ziel zu zeigen, wie wichtig es ist die Lebensfreude und das Recht auf Lachen zu verteidigen in einem Land, in dem der Bürgerkrieg uns täglich ohne Lachen leben lässt.

Du bist Künstler und lebst in Medellín. Gerade warst du auf Deutschlandtournee – welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Meine Beziehung zu Deutschland begann 1989, eben in dem Jahr, als der Sozialismus zusammenbrach. Von diesem Zeitpunkt an habe ich zeitweise in Deutschland gelebt. Ich habe als geladener Schauspieler am Theater für Jugendliche und Kinder im Saarland gearbeitet. Im Mai und Juni 2003 hatte ich mehrere Aufführungen und Workshops auf verschiedenen Events, wo vor allem Leute waren, die sich für die Situation in Kolumbien interessieren. Auf dem Kirchentag in Berlin war ich auf einer Veranstaltung von engagierten Menschen, die von einem ökologischen und friedlichen Deutschland träumen und gesundes und fair gehandeltes Essen angeboten haben.

Du warst schon öfter in Deutschland. Wie ist dein erster Kontakt mit Deutschland entstanden?

Als ich das erste Mal in der „ersten Welt“ zusammen mit zwei anderen auftrat, bemerkten wir, dass einige Pantomimestücke nicht auf die gleiche Art und Weise verstanden wurden wie in Lateinamerika, auch wenn es sich um komische Themen handelte, bei denen wir an Lacherfolge der ZuschauerInnen gewöhnt waren. Der Grund dafür sind die soziokulturellen Unterschiede. Gleichzeitig zeigten die Europäer in dieser Zeit ein verstärktes Interesse an unserer sozialen Situation. Sie wollten etwas über Kolumbien wissen, das ständig in den Nachrichten mit Themen wie Gewalt, Guerilla, Militarismus und Drogen auftauchte. So entstand „Locumbia Sederrumbia“. Es stellt die aktuelle Situation Kolumbiens dar.

Erzähl uns von deiner Arbeit in Kolumbien! Mit welchen Problemen wirst du als kritischer Künstler konfrontiert?

Die ganzen intoleranten bewaffneten Leute in Kolumbien sind natürlich ständig eine Bedrohung für die Gestaltungs- und Meinungsfreiheit. Uns ist eingeimpft worden, dass manche Dinge nicht ausgesprochen werden können, weil uns die Angst traditionell beherrscht, die der Krieg mit sich bringt. Dennoch, die Gefahr ist so groß und die Straflosigkeit so normal, dass man sich, selbst wenn man nichts macht und gar nichts sagt, nicht vor der Gefahr schützen kann. Deshalb muss man es wagen, etwas zu sagen. Was mich persönlich betrifft, meine Werke richten sich mehr gegen die Konzepte, gegen die Werte und Traditionen, als dass sie Personen direkt angreifen, die in den Konflikt verwickelt sind. Ich als Künstler möchte dazu beitragen die festgefahrenen Traditionen zu ändern. Auf jeden Fall sind in einem Land wie Kolumbien alle gefährdet.

Kannst du von deiner Arbeit leben?

Diese Frage beantworte ich ständig und die Antwort hat nichts mit Geld zu tun. Klar, ich lebe von meiner Arbeit, für meine Arbeit und wegen meiner Arbeit. Dies ist meine Leidenschaft, meine totale Hingabe an das Leben als Künstler. Wenn man die Grundbedürfnisse berücksichtigt, fehlt noch viel, bis die Würde und Wichtigkeit der Arbeit eines Künstlers anerkannt wird. In Kolumbien werden erst seit kurzem Themen wie Rente, Gesundheitsvorsorge und ökonomische Rechte der kulturellen ArbeiterInnen erörtert.

Verstehst du deine Kunst als politischen Ausdruck?

Ja, klar! Ich spreche gerne politische Themen an, was auf einer Entwicklung der Theaterbewegung in den 70er Jahren beruht, als die Politisierung der Kunst allgemein ideologisiert wurde. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Diskussionen über die Inhalte und die politische Verantwortung kennen gelernt. Aus heutiger Sicht denke ich, dass das Kabarett mich beeinflusst hat. Nicht etwa seine Techniken, sondern eher die Herangehensweise an aktuelle politische Themen auf der Bühne.

Wie sehen die Ziele aus, die du mit Pantomime erreichen möchtest?

Manchmal antworte ich auf diese Frage damit, dass ich erreichen möchte, Interpret meiner Zeit zu sein. Aber eigentlich interessiert mich im Moment weniger das Ziel als vielmehr der Weg dorthin. Meine künstlerischen Ziele verbinde ich weiterhin mit der Organisation des „Festival Internacional de Mimos“ (Internationales Festival der Pantomime), das jedes Jahr in Medellín stattfindet. Meine sozialen und politischen Ziele beziehen sich darauf, mit der Kunst einen Ausweg zu finden. Was die Philosophie betrifft, bin ich einfach offen dafür, neue Ideen zu entdecken, und hoffe dafür aufmerksam zu sein.

Unterscheidet sich deine Performance in Kolumbien von der in Deutschland?

Ja, es gibt mehrere Unterschiede. Die Leute in Europa haben weniger Zeit, was wiederum für das Spielen auf der Straße bedeutet, dass die Pantomimestücke, die eine Geschichte erzählen oder einen Inhalt haben, nicht umsetzbar sind. Deshalb müssen die Stücke superkurz sein: Lebende Statuen und Marionetten sind die passenden Formen für die rasch vorbeieilenden Leute. In Kolumbien und Lateinamerika hingegen gibt es den kulturellen Brauch auf der Straße umherzubummeln und auch eine andere Art der Zeiteinteilung. Der Passant auf der Straße lässt sich leichter fesseln und nimmt sich Zeit. So hat das Stück „Locumbia Sederrumbia“ in Deutschland einen informativ anklagenden Charakter. Im Gegensatz dazu ist das Stück in Kolumbien eine Art Ritus, der erzählt, was wir täglich sehen, bei dem wir unser eigenes Leben darstellen, vielleicht um die Angst zu vertreiben.

Ich habe eine Aufführung von dir in Mainz erlebt, es war atemberaubend, du konntest das ganze Publikum fesseln! Welche Methoden spielen bei dir eine wichtige Rolle, um solche Effekte zu erzielen? Haben sich die Methoden im Laufe der Zeit verändert?

Die Lehrzeit eines Pantomimen verlangt Übung und Reflexion, auf die Ausdauer folgen dann die Ergebnisse. Ich glaube, im Moment ist die wichtigste Methode die konstante Suche und die ständige Praxis. Die Sprache der Pantomime ist eine Form von spezieller Kommunikation, wobei visuelle Effekte das Interesse und das Staunen der ZuschauerInnen hervorrufen.

Wenn du in Deutschland bist, versuchst du den Deutschen die Probleme Kolumbiens zu vermitteln. Versuchst du beispielsweise in Kolumbien auch Probleme der MigrantInnen in Deutschland zu vermitteln? 

Das schon erwähnte Stück „Fausto y el Muro“ (Faust und die Mauer) behandelt das Thema Deutschland. Das Stück setzt bei zwei deutschen Elementen an, die für das Land charakteristisch waren. Die Grenze zwischen Sozialismus und Kapitalismus, der Zusammenstoß der Ideologien und der „Kalte Krieg“ waren hier besonders spürbar. Jedoch war dies ein weltweiter Konflikt, der sich auch teilweise auf Kolumbien ausgeweitet hat. So bezieht sich das Stück nicht speziell auf die deutsche Situation, sondern nimmt globalen Bezug auf die bipolare Teilung der Welt. Von diesem Punkt aus steuern wir unsere heutige Zeit an, um uns wie Faust damit zu konfrontieren, ohne zu wissen welches der richtige Weg und die passende Antwort auf die Geschichte ist: zwischen neuen Mauern, neuen Grenzen zwischen den Menschen und offenen Grenzen für das Kapital und die Märkte. In gewisser Weise erzähle ich dort von hier und hier von dort.

Das Gespräch führte Kerstin Kastenholz

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