Der junge Mann und das Meer
Ein neues Theaterstück von Olaf Reitz und Eddy Socorro
von Gert Eisenbürger
Eine leere Bühne. In der Mitte ein Mann in einem aufgepumpten Schlauch eines LKW-Reifens. Er versucht, die Balance zu halten. Plötzlich ertönen aus dem Off Hubschraubergeräusche und über Lautsprecher eine spanische Stimme der „Brigada de Guarda Fronteras“. Der Mann wird aufgefordert umzukehren. Man hört Schüsse. Der Hubschrauber entfernt sich.
So beginnt das Theaterstück „Reisen à la cubana“ von Olaf Reitz und Eddy Socorro. Der Schauspieler aus Wuppertal und der Regisseur aus Havanna hatten sich erstmals vor drei Jahren zusammengetan und gemeinsam das Stück „Che“, eine Auseinandersetzung mit dem Mythos Che Guevara entwickelt. (vgl. ila 236)
Nun haben sie sich – vordergründig – des Themas der braseros angenommen, der cubanischen Bootsflüchtlinge, die in kaum seetüchtigen Booten, selbstgezimmerten Flößen oder eben LKW-Schläuchen aufbrechen, um nach Florida zu kommen, ins gelobte Land, wo alles besser ist, wo gute Jobs und Dollars winken.
Protagonist des Theatersolos ist Dr. Stalin Martinez, Zahnarzt, dargestellt von Olaf Reitz, der von seinem Leben in Havanna die Nase voll hat und relativ spontan beschloss abzuhauen. Die anfangs erwähnten Schüsse der cubanischen Küstenwache haben ihn nicht getroffen und auch nicht zum Umkehren bewogen. So versucht er auf seinem Schlauch nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen und beginnt zu erzählen. Von seiner nervigen Chefin und von Havanna, seiner Stadt, die er hasst und doch weiß, dass er nirgendwo anders wird leben können.
Dr. Stalin Martinez hat kurzfristig den Mumm, zu neuen Ufern aufzubrechen, doch nun treibt er richtungslos auf dem Meer. Was will er eigentlich? Na ja, seine eigene Zahnklinik in den USA eröffnen. Und sonst? Nicht nur seinem „Schlauchboot“ fehlt die Orientierung. Er ist ganz auf sich allein gestellt, die Hitze, der Durst und der Hunger machen in fertig. Er beginnt zu halluzinieren.
Wozu das alles? Ginge es ihm anderswo etwa besser? Existiert dieses Anderswo überhaupt? Oder ist nicht alles Lüge? Stalin Martinez gibt auf, er ertrinkt, taucht unter – und in einem neuen Zustand wieder auf. Die Ausstattung seiner neuen Umgebung besteht aus altarmäßig angeordneten Kerzen und einigen Alltagsgegenständen wie eine Kaffeekanne – möglicher Bezug auf die afrocubanischen Religionen.
So beginnt er, selbst von allen sozialen Konditionierungen und Zwängen befreit, über die sozialen Bedingungen der Existenz zu reflektieren. Wie wird der Stein aus dem Meer, der in eine Mauer eingefügt wird empfinden, wie würde er den Druck empfinden: „Wird also der Stein zwischen anderen Steinen so stark eingezwängt, dass er fast zerbricht (und bei noch größerem Druck zerbräche), muss er diesen Zwang spüren, einen Zwang, den er vorher nicht gespürt hatte, einen Druck, der sich irgendwie auf seine innere Bewegung auswirken muss. Wäre dies dann nicht der Moment, in dem der Stein die Präsenz von etwas außerhalb seiner selbst wahrnähme? Der Stein hätte also ein Bewusstsein von der Welt. Oder vielleicht würde er denken, dass die Kraft, die ihn bedrückt, etwas stärkeres sei als er selbst, und würde die Welt mit Gott gleichsetzen. An dem Tag aber, da jene Mauer zusammenbräche und also der Zwang aufhörte – würde der Stein dann das Gefühl der Freiheit verspüren, so wie ich es verspüren würde, wenn ich mich entschlösse, aus diesem mir selbst auferlegten Zwang auszutreten. Wobei ich freilich den Willen haben kann, nicht länger in diesem Zustand zu bleiben, der Stein aber nicht. Infolgedessen ist die Freiheit eine Passion, während der Wille zum Freisein eine Aktion ist, und das ist der Unterschied zwischen mir und dem Stein. Ich kann wollen.“
Aber will er wirklich? Möchte Dr. Stalin Martinez sein Stein-Sein beenden? Oder ist das Stein-Sein eine, wenn nicht gute, so doch eine erträgliche Lebenshaltung?
Wie schon in „Che“, dem ersten vom Duo Reitz/Socorro realisierten Theatersolo, geht „Reisen à la Cubana“ jenseits des „Plots“ menschlichen (oder männlichen?) Verhaltensmustern auf den Grund. Für Ernesto Guevara zählte allein das Wollen. „Ich will es, also muss es möglich sein“. Wir wissen alle, dass das so nicht funktioniert hat. Stalin Martinez, in Cuba im Sinne Ches erzogen, wird zwischen dem Wollen, Sollen und Müssen zerrissen. Er träumt von der Autonomie des einsamen Wolfes und muss lernen, wie wenig dies mit seinem Sein vereinbar ist. In Hemingways Klassiker „Der alte Mann und das Meer“ gelingt es dem alten Fischer vor allem aufgrund seines Willens, den Kampf gegen die Naturgewalten zu gewinnen (auch wenn ihm das letztlich wenig bringt). Es ist kein wirklicher Erfolg, sondern ein Sieg gegen die eigene Schwäche und das Alter, die ihren Tribut fordern. Der junge Mann Dr. Stalin Martinez taugt dagegen nicht zu dieser Art von Helden.
Jenseits des spannenden textlichen Materials, das Reitz und Socorro aus eigenen Texten und Passagen verschiedener cubanischer und internationaler AutorInnenen montiert haben, ist „Reisen à la cubana“ ein große schauspielerische Leistung von Olaf Reitz. Mehr als die Häfte der Aufführung (ca. 75 Minuten) bewegt er sich ausschließlich auf einem wackligen LKW-Schlauch mit gerade einmal einem Quadratmeter Durchmesser. Und doch gerät das Ganze nie zur Rezitation, sondern es ist durchweg wirkliches Theater. Das verdankt sich einer gelungenen Personenregie und einem Darsteller, der bereit ist, alles zu geben.
Kontakt: HAMLET & deutsches kafka theater, c/o Olaf Reitz,
Schusterstr. 1, 42105 Wuppertal, Tel. 0202/3099262, info@hamlet-theater.de,
www.hamlet-theater.de
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