Kultur
und Krise / ila 274
La sangre por el pueblo
Jugendtheater über die Oktoberkrise in Bolivien
von Katrin Buder
21 Jahre Demokratie. Fast ein ganzes Leben Demokratie! Mystische Klänge durchdringen das rote Licht der Bühne, in das zwei schwarz gekleidete Mädchen treten. Eine der beiden hebt ein Schultertuch vom Boden auf und betrachtet es schmerzvoll: „Die Arme wollte doch nur Brot kaufen für ihre Kinder.“ Sie dreht sich um, nimmt einen Hut: „Dieser Mann hier wollte nur ein gerechteres Bolivien. Weiter nichts.“ Die Bühne wird schwarz. Ein Krankenwagen heult auf, dann ertönt ein Kinderlied. Als das Licht wieder angeht, kauert ein Mädchen mit schwarzer Augenbinde auf den Holzdiehlen, neben ihr liegt ein toter kleiner Junge. Als die Frau die Augenbinde abnehmen will, tritt ein Mann in Anzug auf sie zu und hält ihre Hände fest. „ Keine Sorge. Das Volk braucht nicht zu sehen. So war es doch immer!“ In einer Ecke der Bühne steht ein Soldat mit gefesselten Händen, er blickt auf das Kind, Trauer und Verzweiflung in seinem Gesicht. Blindheit und Hilflosigkeit zweier Menschen angesichts eines demokratischen Boliviens im Krieg, im Aufstand des Oktobers 2003, der zum Sturz der Regierung Sánchez de Lozada führte.
Bilder und Klänge, die Assoziationen wecken, ohne viele Worte zu benötigen: La sangre por el pueblo (Das Blut für das Volk) – ein Theaterstück über den Oktober und gleichzeitig ein Stück selbst erlebte Realität: 14 Jugendliche aus El Alto, der höher gelegenen und ärmeren „Oberstadt“ der Metropole La Paz, haben hier noch während des blutigen Konfliktes verarbeitet, was sie selbst gesehen, erlebt und gefühlt haben. Alle von ihnen waren mit den Geschehnissen in direktem Kontakt, haben teilgenommen und geholfen.
Wie zum Beispiel Carmen, 21 Jahre, ein langhaariges hübsches Mädchen mit großen Augen. Trotz der Warnungen vor Scharfschützen ging sie mit ihrer Schwester mehrmals zu der einzigen Klinik der Gegend, um Blut zu spenden. „Das war schlimm im Krankenhaus. Überall lagen Verletzte mit Schusswunden. Die Ärzte waren völlig überfordert. Auf dem Nachhauseweg ging ich einmal mit einer Gruppe von Frauen, darunter auch zwei Schwangere, und plötzlich sprühten drei Militärpolizisten ohne Vorwarnung Gas auf uns.“
Nela, ein 19jähriges Mädchen mit Schlaghosen und einem offenen Lächeln, hatte vor allem Angst um ihren Vater, der aktiv an den Märschen teilnahm. Mit leiser Stimme spricht sie über das, was sie erlebt hat: „Es macht dich völlig fertig, wenn du früh nach den wenigen schussfreien Stunden Schlaf aufwachst und nicht weißt, ob heute abend deine Familie noch vollständig am Leben sein wird. Dann schaltest du das Radio San Gabriel ein und hoffst, dass sie deine Gegend nicht erwähnen in den Warnungen vor den Soldaten. Die haben am laufenden Band Razzien gemacht, sind einfach in die Häuser eingedrungen.“ Deshalb stand Nela eher auf als alle anderen, um die Nachbarschaftswachen zu übernehmen, vor der Polizei zu warnen, ins benachbarte Viertel zu laufen und an Türen zu klopfen. Eliza, 19 Jahre, studiert Erziehungswissenschaften an der Universität in El Alto. Sie brachte den Hungerstreikenden Wasser und Saft und nahm an den Protestmärschen teil. Ihre kleine Schwester fragt sie heute noch, ob denn der Hubschrauber wiederkäme und den „glitzernden Staub“ über ihrem Hof abwerfen würde. Glitzernder, lähmender Gasstaub.Angst um die Familie, Gas, Blut, Tote und Verletzte: Schlüsselerlebnisse des schwarzen Oktobers in El Alto, die tief in der Seele der Jugendlichen sitzen. Aber auch Wut, Ungläubigkeit angesichts dieser Unmenschlichkeiten.
Carmen, Nela und Eliza sind drei junge Frauen von CEADL, einem Zentrum zur Unterstützung der lokalen Entwicklung in El Alto, das seit fünf Jahren versucht, Jugendlichen mit Workshops und Schulungen neue Wege der Partizipation an einem Leben in El Alto aufzuzeigen. Themen wie politische Bildung, Menschenrechte, Partizipation, Aufklärung, Presse- und Kulturarbeit stehen dabei im Mittelpunkt.
150 Jugendliche nehmen inzwischen an den verschiedenen Aktivitäten von CEADL teil, organisieren Demonstrationen gegen die geplante Gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA ebenso wie politische Diskussionsforen zum Verkauf des bolivianischen Erdgases. Der Großteil von ihnen hat die Oktoberereignisse hautnah miterlebt und versucht, in irgendeiner Weise Position zu beziehen: Noch während der Unruhen versammelten sich einige Jugendliche im Zentrum, tauschten ihre Erfahrungen aus und überlegten, was sie noch tun könnten. Eliza erzählt: „Wir fühlten uns so hilflos, wollten aktiv werden gegen all die Ungerechtigkeiten, die wir mit ansehen mussten, darüber berichten. Ich war sehr geschockt, bis dahin hatte ich nicht geglaubt, dass in einer Demokratie so etwas möglich ist.“ Aus den Gesprächen und den verschiedenen Eindrücken heraus entstand die Idee zu dem Theaterstück. Gonzalo Huaranca, einer der Koordinatoren von CEADL, stellt klar: „Die Idee und auch die letztendliche Umsetzung stammt ganz klar von den Jugendlichen. Es war, als ob sich da etwas angestaut hatte, was raus musste.“
Akribisch sammeln die Jugendlichen Zeitungsausschnitte, schneiden noch während der Ereignisse Radio- und Fernsehaufnahmen mit, drehen mit der eigenen Kamera und befragen vor allem die Menschen aus den verschiedenen Gegenden. Dabei stellten sie eines fest: Viele der Ereignisse, die die Menschen erwähnten, tauchten in der Presse nicht auf.
„Das hat uns noch mehr angespornt. Mit unserem Theaterstück wollen wir das reflektieren, was wir persönlich erlebt haben, und auch richtig stellen, was noch nicht bekannt geworden ist.“
La sangre por el pueblo stellt dabei in einzelnen Szenen vor allem das Trauma der einfachen Leute dar, ohne jedoch in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. In einer Szene verliert eine Mutter ihre zwei Söhne: Das kleine Baby in ihrem Arm, das an ihrer Stelle durch zwei Schüsse stirbt, und auch ihren älteren Sohn, den Soldaten, der den Befehl verweigert und so selbst erschossen wird.
Mit dem Schicksal der jungen Soldaten haben sich die Jugendlichen besonders auseinandergesetzt. Daniel, ein 17-jähriger schlacksiger Junge mit halblangen Haaren und einem zu großen Holzfällerhemd, erzählt nachdenklich: „Wir haben sie gesehen, diese Jungs von vielleicht 14 bis 16 Jahren, die sie aus dem militärischen Vorbereitungsdienst eingesetzt haben. Sie standen da mit ihrem großen Gewehr in den Händen und Angst in den Augen. Wie kann man so jemanden verurteilen? Wir hätten leicht selbst in dieser Situation sein können. Den Jungen, der den Befehl verweigerte, haben sie am 12. Oktober in Río Seco erschossen. In der Zeitung stand das nie, aber einige unserer Freunde und viele Menschen, die wir befragt haben, haben uns davon erzählt.“
Theater machen in und über Zeiten der Krise.
Da sind es vor allem die Symbole und Bilder, die ausdrücken, was man nicht in Worte fassen kann: Die Methode der Gruppe entspringt der Pädagogik der Unterdrückten des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire, die Augusto Boal auf das Theater übertragen hat (vgl. Interview mit den Mitgliedern des „Centro de Teatro do Oprimido” von Rio de Janeiro in dieser ila). Diese Form des Theaters benutzt sehr wenige Dialoge, arbeitet mit voneinander unabhängigen Szenen und weckt so in den ZuschauerInnen direkte Assoziationen. Ideal, wenn es um sensible, schmerzhafte Themen geht, „wenn es weh tut zu schauen und doch nötig ist“. La sangre por el pueblo ist dabei nicht das erste politische Theaterstück von CEADL. Bereits 2001 haben sie die Diktatur Hugo Banzers, die sich in jenem Jahr zum dreißigsten Mal jährte, auf die Bühne gebracht. Gonzalo Huaranca: „Wir wollten nicht, dass die neue Generation hier in Bolivien vergisst, wo sie herkommt. Dass all die Verbrechen, die an den Bolivianern begangen worden sind, plötzlich keine Rolle mehr spielen, weil die unmittelbare Situation vorbei ist.“
Im Oktober letzten Jahres dann hat sich gezeigt, dass Demokratie und Diktatur manchmal nicht so weit voneinander entfernt sind, wie man gern glauben möchte. Einige Szenen aus dem Banzer-Stück haben sogar wieder Verwendung gefunden: Die Ausreden des Politikers zum Beispiel, der im Stück versucht die Toten bei der Militärintervention schönzureden und zu rechtfertigen. Die Theaterarbeit hat für CEADL eine klare Bedeutung. Gonzalo Huaranca: „Theater ist eine sehr intensive Form, die Realität in unserem Land, wie sie sich für das Volk darstellt, zu zeigen. Kunst ist nicht nur Ästhetik. Sie muss die Realität in irgendeiner Weise widerspiegeln, muss bilden. Wir sind Künstler und reale Personen zur gleichen Zeit, das lässt sich doch nicht trennen. Wir sind zuerst Politiker und dann Künstler. Unsere Form von Theater trägt durch die Partizipation und das direkte Erleben der Bilder aktiv zur politischen Bildung und gegen ein Vergessen bei Akteuren und Zuschauern bei.“
Und was für eine Wirkung hatte das Theaterspielen in der Krise auf die Jugendlichen?
Nela erzählt: „Am Anfang war es ganz schön hart, weil man beim Spielen irgendwie alles nochmal erlebt. Hinter dem Vorhang kamen uns oft die Tränen. Aber es hat auch geholfen, das alles zu zeigen, es selbst zu verarbeiten und gleichzeitig zu wissen, dass die ZuschauerInnen auch damit konfrontiert werden. Auch das andere Theaterstück über die Diktatur Hugo Banzers spiele ich jetzt in gewisser Weise anders, es hat mehr Inhalt bekommen für mich, und mit meinen Eltern rede ich jetzt auch viel mehr über das, was sie früher erlebt haben.“
Gonzalo fügt hinzu: „Die Jugendlichen sind nicht mehr die gleichen wie vorher, sie gehen zu Veranstaltungen über die Verurteilung der Verantwortlichen für den Oktober, organisieren Treffen mit anderen SchülerInnen und führen das Stück auf. Es ist, als ob der Oktober in ihnen ein neues Bewusstsein geschaffen hat.“
Vor einer Versammlung verschiedener Dorfautoritäten der andinen Hochebene, dem Altiplano, vor der Nachbarschaftsvereinigung von El Alto oder vor Jugendleitern aus einem Minenbezirk Boliviens und aus Ecuador haben Eliza, Nela und die anderen das Theaterstück schon aufgeführt. Die Reaktionen fielen höchst unterschiedlich aus: Erstaunen bei den Ausländern, Wiedererkennen und auch Empörung bei anderen Beteiligten wie den Dorfangehörigen; immer gab es hinterher eine Diskussion über das Geschehene.
Für die nächsten Monate ist geplant, mit anderen Jugendprojekten und Schulen zusammenzuarbeiten, die den Oktober vielleicht ganz anders erlebt haben, im südlichen La Paz und in der reicheren Zona Sur zum Beispiel, „wo der einzige Unterschied zum Leben sonst im Oktober darin bestand, dass sie nicht so einfach aus dem Haus gehen konnten“ ( Eliza).
Theater als Bildungsauftrag also, Impulsgeber für die Zukunft?
Die Bühne füllt sich mit Menschen. Alle drängen sich um einen Radioapparat, der in der Mitte auf dem Boden steht, horchen angespannt. „ Sehr geehrte Damen und Herren. Wir können Ihnen mitteilen, dass Gonzalo Sánchez de Lozada soeben seinen Rücktritt eingereicht hat. Er hat das Land bereits verlassen.“ Jubel bricht aus, strahlende Gesichter, Umarmungen – einen Moment lang.
Eine Frage taucht auf in der Freude: „Was machen wir nun mit diesem Land?“
Eine Frage, die nicht nur den Zuschauern gestellt wird; auch die Jugendlichen selber haben oft genug darüber nachgedacht. Wird es nach dem Referendum zum Weiterverkauf des bolivianischen Gases, an dem die Regierung derzeit feilt, einen neuen Bürgerkrieg geben? Was wollen wir, die Jugendlichen, aus diesem Land machen?
Eliza sieht einen Moment lang aus dem Fenster. „Einfache Lösungen gibt es nicht. Über 80 Tote und Hunderte von Verletzten, das war der Preis für den Versuch der Menschen, an der Demokratie teilzunehmen.“ Eliza denkt aber, dass sich so ein Gewaltausbruch nicht wiederholen wird: „Es gibt durchaus Hoffnung in der Politik von Carlos Mesa, und die Menschen in den Dörfen und auch in der Politik haben genug von der Gewalt. Trotzdem ist es einfacher für die Regierung, Druck auf die ärmeren Leute auszuüben als notwendiges Geld in Form von Steuern von der Oberschicht zu verlangen. Deshalb müssen wir uns über alles informieren, was in der Politik geschieht, und weiterhin unsere Meinung öffentlich machen. Wir müssen selber aktiv werden und zeigen, dass wir eben nicht die Störenfriede sind, die immer nur blockieren, sondern ein Land wollen, in dem man frei seine Meinung äußern kann und in dem es eine gerechte Verteilung der Güter für alle Menschen gibt. Und ich denke, dass viele Jugendliche aus El Alto das gleiche denken wie ich.“
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