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Sozialforum
( d.) Porto Alegre 1 PA 2 G.
Dilger PA 2 PA 3 PA
5 Caracas06
Positives
Resümee beim WSF
Weltsozialforum in Porto Alegre spricht von enormem Erfolg des Gipfels von unten
Vernetzung
der Globalisierungskritik: Wie weiter nach dem Forum in Porto Alegre?
Cândido Grzybowski von iBase, dem
Brasilianischen Institut für soziale und wirtschaftliche Analysen.
iBase ist
Teil des brasilianischen Organisationskomitees des Weltsozialforums
Mehr
als symbolische Politik?
Die Südafrikanerin Dot Keets vertrat auf
dem Weltsozialforum in Porto Alegre das
African Trade Network, ein Bündnis
afrikanischer Gewerkschaften, sozialer Bewegungen
und andere
Nichtregierungsorganisationen zu Fragen der Handelspolitik
Nein
zu Krieg und Neoliberalismus
In Brasilien ging das Weltsozialforum zu Ende.
Protest gegen aggressive US-Politik
Gegen
den globalen Krieg
Weltsozialforum mit 60.000 Teilnehmern prangert die Anti-Terror-Kampagne der USA
an und fordert Reparationsleistungen für jahrhundertelange Ausbeutung der Länder
des Südens.
"Man
muss Inhalte in Politik umsetzen"
Der Politologe Claus Leggewie rät den Globalisierungskritikern,
nach Verbündeten in den Institutionen zu suchen
Welt
in Unordnung
"Deglobalisierung", die Vision für eine neue Weltordnung,
steckt noch in den Kinderschuhen
"Unsere
Vision ist mächtiger"
Die indische Physikerin und Globalisierungskritikerin Vandana Shiva über
Gerechtigkeit
und Nachhaltigkeit sowie die Ziele der Bürgerbewegungen
Ratlosigkeit
und hohle Rhetorik
Behutsam passen Lateinamerikas marxistische Intellektuelle ihren Diskurs den
neuen Realitäten an.
Ihre Selbstkritik bleibt jedoch sehr allgemein und tut
niemandem weh
Wider
die Ungleichheit
Kindererziehung, Bildung und Gesundheitsversorgung, heißt es in der
"Erklärung"
von Porto Alegre, gehören nicht in private Hände
Schuldenstreichung
gefordert
Diskussion über Wege aus der Verschuldungskrise beim Weltsozialforum in Porto
Alegre
Streit
in Porto Alegre: Zu viele Trittbrettfahrer?
José Luis del Rojo, italienische Koordinator des Weltforums der Alternativen
Schöne
Worte oder Wille zum Verändern?
Felix Kolb, Sprecher von ATTAC Deutschland
"Nicht
alle sind gleich stark"
Trevor Ngwane, vom südafrikanischen Anti-Privatization Forum, bricht mit seinen
Leuten
bewusst Gesetze, um Arbeitslosen zu helfen. Gleichzeitig setzt er auf mehr
Regulierung
"Nur
das Kapital ist frei"
Nicola Bullard, vom thailändischen Forschungsinstitut "Focus on the Global
South",
fordert den reichen Norden auf, seine Grenzen für mehr Einwanderer
zu öffnen
Porto
Alegre ist eine Entdeckung wert
Stars der Manege - Und Wallfahrtsort für manche Prominente
Wallfahrt
Von Porto Alegre nach Porto Alegre – wenn die Geschichte sich dreht.
Porto
Alegre ist nicht die Pariser Commune
Der italienische
Philosoph Antonio Negri über seine Nähe und Distanz zum Weltsozialforum, den
Anti-Amerikanismus und die schädlichen Illusionen eines überholten
Souveränitätsbegriffs
Das
Imperium schlägt zurück
Es ist höchste Zeit, von einer Antiglobalisierungsbewegung zu einer
antiimperialistischen Bewegung überzugehen. James Petras
Die
Globalisierung der Demokratie
Noam Chomsky: Wähler und Spekulanten. Veto eines "Virtuellen Parlaments"
Katalysator für GlobalisierungskritikerInnen
Das Weltsozialfroum bemühte sich erfolgreich um die Verknüpfung vom Lokalen mit dem Globalen
Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
Über die sonnengegerbten Gesichtszüge des zierlichen Mestizen huscht ein trauriges Lächeln. "Wenn wir heute zum Gesundheitsposten
gehen, wird erwartet, dass wir das Krankenbett und die Arzneien selbst mitbringen," sagt Roberto Collaguazo, ein Kleinbauer aus dem
Andenhochland Ecuadors. So jedenfalls erlebe er die Folgen der neoliberalen Reformen in seinem Land. "Man sagt uns immer, der Dollar
soll uns Ecuadorianer retten, dabei ist es genau umgekehrt." Kernstück des WSF: Die Workshops Collaguazo nahm an einem der 800 Workshops des Weltsozialforums teil, die der Basisarbeit vorbehalten waren. Zum Thema
"Widerstand gegen die Amerikas-Freihandelszone FTAA" hatte das US-Netzwerk "Alliance for Responsible Trade" neben Mitgliedern
aus Nordamerika Mexikaner, Ecuadorianer und Puertoricaner eingeladen.
Die Studentin Faline Harshbarger aus Arizona, die Postbeamtin Bonnie Morton von der kanadischen "Nationalen
Anti-Armuts-Organisation" und 50 weitere TeilnehmerInnen erzählten sich gegenseitig, wie den Menschen, mit denen sie arbeiten, durch
Kürzungen im Sozialbereich der Boden unter den Füssen weggezogen wird.
Nachdem die alleinerziehende Mutter Tara Colin als Jugendliche auf der Straße gelandet war, schloss sie sich der "Kensington Welfare
Rights Union" in Philadelphia an. "Bei uns erfrieren die Leute, weil ihnen das Geld fürs Heizöl fehlt," rief sie in den Raum.
Aufklärungs- und Lobbyarbeit auf allen Ebenen seien nötig, um die Umkehrung dieser Politik zu erreichen. In den Arbeitsgruppen stellten
alle Teilnehmer ihre Arbeitsweisen vor: So hat die Kanadierin Josephine Gray bei ihrer Bildungsarbeit mit Migranten gute Erfahrungen mit
Audiocassetten in mehreren Sprachen gemacht.
"In Porto Alegre kommen wir zu unseren eigenen Bedingungen zusammen," umreißt Gray die Bedeutung des Weltsozialforums. "Wir
gehen gestärkt nach Hause zurück, nachdem wir Menschen kennengelernt haben, die ganz ähnliche Kämpfe führen," meint auch der
südafrikanische Aktivist Trevor Ngwane, der in Johannesburg gegen die Privatisierung der Stromversorgung arbeitet.
Der 36-jährige Franzose Pierre Johnson, der sich mit solidarischer Ökonomie und alternativer Kommunikation beschäftigt, ist begeistert
von der Gastfreundschaft der Portoalegrenser und der professionellen Insfrastruktur: "Ich kann mir kaum idealere Bedingungen für so ein
Riesentreffen vorstellen." Untergekommen war er bei zwei Brasilianern, die er im Vorjahr kennengelernt hatte.
Deutsche diesmal stärker vertreten
Auch die deutschen Delegierten, die sich hin und wieder in der Bar des örtlichen Goethe-Instituts trafen, fuhren durchwegs begeistert und
voller neuer Anregungen nach Hause. 150 Delegierte aus Deutschland hatten diesmal den Weg nach Porto Alegre gefunden - zwar nur ein
Prozent der Gesamtzahl, aber immerhin zehn Mal so viele wie im vergangenen Jahr. "Inspirierende Diskussionen" habe er auf dem
Weltsozialforum verfolgt, sagte Sven Giegold, Sprecher des deutschen Attac-Netzwerks. Nun müsse das Engagement "gegen den
Neoliberalismus aus der entwicklungspolitischen Ecke in die Mitte der Gesellschaft" getragen werden. "Wir müssen die konkreten
Auswirkungen der neoliberalen Politik bei uns thematisieren," sagte er.
In der Innenstadt von Porto Alegre demonstrierten brasilianische und deutsche UmweltschützerInnen gegen den Bau des Siemens-AKWs
Angra 3. "Noch immer ist die Möglichkeit nicht vom Tisch, dass dieses Projekt durch Hermesbürgschaften erst ermöglicht wird," so
Barbara Happe von der NGO Urgewald.
Die PDS-Bundestagsabgeordnete Ulla Lötzer nahm bereits zum zweiten Mal am Parlamentarierforum teil, in dem wegen der großen
Beteiligung französischer Sozialisten über unterschiedliche Einschätzugen des Afghanistan-Kriegs gestritten wurde. Eine große Mehrheit
schloss sich schließlich der Resolution an, die den "Krieg gegen den Terror" im Zusammenhang mit der Globalisierungsdebatte sieht.
Lötzer sieht Anzeichen dafür, dass sich das neu gegründete Parlamentariernetzwerk als "politisches Subjekt" formiert, das die dringend
notwendige Auseindersetzung in die nationalen Parlamenten befruchten könnte.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer präsentierte die brasilianische Ausgabe seines Buchs "Solare Weltwirtschaft". In
Deutschland sieht der Umweltpolitiker einen "enormen Nachholbedarf an kritischen Diskussionen". Am Weltsozialforum beeindruckte ihn
die "Unbefangenheit und Offenheit", mit der die "vielversprechenden" Debatten geführt worden seien.
Selbst ein Mitglied des CDU-Ausschusses Entwicklungspolitik zeigte Flagge: der pensionierte Unternehmer Peter Hesse, der seit 1983 ein
Straßenkinderprojekt in Haiti finanziert. Er war trotz des "Übergewichts der Linken" so vom Weltsozialforum angetan, dass er im
kommenden Jahr selbst einen Workshop abhalten möchte. Nur die deutschen Grünen glänzten durch Abwesenheit.
Zahlreich vertreten waren auch kirchliche Organisationen, die in Porto Alegre den "Süd-Süd-Nord" Dialog vorantrieben. Allein zur
Delegation des "Evangelischen Entwicklungsdienstes" (EED) gehörten Vertreter aus elf Ländern. Der EED sprach sich ebenso wie die
Erlassjahr-Kampagne für einen umfassenden Schuldenerlass und die erstmalige Anwendung eines fairen Insolvenzverfahrens für
Argentinien aus. In der Entschuldungsfrage "darf die internationale Gemeinschaft nicht zu zögerlich vorgehen," so EED-Delegationsleiter
Wilfried Steen. Am Vorabend der Abschlussfeier erinnerte Claudio Moser von Misereor daran, dass "der Erfolg von Porto Alegre
erst durch die jahrelange Basisarbeit von Millionen Menschen in aller Welt" ermöglicht wurde.
Die langwierige Konsensfindung
Die Toleranz der GlobalisierungskritikerInnen untereinander sei eine richtige Konsequenz aus dem Scheitern der chronisch zerstrittenen
Linken im 20. Jahrhundert, diagonistizierte der US-Historiker Immanuel Wallerstein. Doch oft verhinderte sie auch spannende Debatten.
In einer hochrangig besetzten Runde marxistischer Akademiker zum Thema "Reflexion über die sozialen Bewegungen" blieben neue
Einsichten über das notwendige Umdenken innerhalb der Traditionslinken aus, weil die konkreten Widersprüche der Gegenwart diskret
ausgeklammert wurden. Das liege an einem "unausgesprochenen Nichtaggressionspakt," räumte Manuel Monereo von der spanischen
"Izquierda Unida" hinterher ein. Bei aller Einigkeit über die Ablehung der neoliberalen Weltherrschaft wurde klar, wie schwer es ist, die Debatte um positive
Gegenentwürfe auf der globalen Ebene zu bündeln. Der philippinische Soziologe Walden Bello hat im
Vergleich zum Vorjahr sein Konzept
der Deglobalisierung konkretisiert, das von einer radikalen Kritik an IWF, Weltbank und WTO ausgeht. Dieses Dreigestirn bilde die
Speerspitze des Neoliberalismus und müsse konsequent bekämpft werden. Zusammenarbeit sei eher mit UNO-Teilorganisationen
anzustreben - oder auf der Ebene regionaler Zusammenschlüsse wie der EU oder dem südamerikanischen Mercosur. Grundsätzlich seien
Entwicklungsmodelle zu favorisieren, die sich nicht primär am Weltmarkt, sondern an den Bedürfnissen der Bevölkerung in den Ländern
des Südens orientieren. Als "Abkoppler" oder "Anti-Globalisierer" möchte sich Bello, der Vorsitzende und Chefstratege des asiatischen
NGO-Netzwerks "Focus on the Global South", aber nicht titulieren lassen.
Bello gehört auch zum "Komitee für Alternativen" des "International Forum on
Glabalization"(www.ifg.org), das in wenigen
Monaten ein 250-Seiten-Konzept vorlegen will. Auf einem zweitägigen Seminar präsentierten die führenden Köpfe des
IFG, darunter Vandana Shiva, Lori Wallach und Martin Khor, die Grundzüge des Konzepts mit dem Ziel, die Macht der multinationalen Konzerne
zurückzudrängen - vor allem durch die Stärkung basisdemokratischer Strukturen. Einen eher etatistischen Ansatz vertreten die
Neokeynesianer um den französischen Attac-Chef Bernard Cassen.
Auch diesmal haben sich die Organisatoren des Weltsozialforums bewusst gegen eine offizielle Abschlusserklärung ausgesprochen haben.
Die Konsensfindung über möglichst konkrete Alternativen ein jahrelanger komplexer Prozess, der nicht in fünf Tagen in Kurzform gepresst
werden kann. Deswegen liegt der Schwerpunkt des "Mobilisierungsaufrufs der sozialen Bewegungen" wie schon 2001 auf der radikalen
Kritik der neoliberalen Weltordnung. Allen Ungeduldigen, die sich auch diesmal wieder ein stimmiges Gesamtkonzept vom
Weltsozialforum erwartet hatten, schrieb Peter Wahl von Attac-Deutschland ins Stammbuch: "Vor allem wir Europäer müssen uns noch
erst daran gewöhnen, dass der Kern einer solchen Veranstaltung nicht im Schlussdokument liegt."
Globalisierung vor und nach dem 11. September
"Die Kommandozentralen liegen in den USA"
Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
Vor dem Weltsozialforum mahnt
der brasilianische Vordenker José Luís Fiori eine Phase der
"stärkeren Reflexion" an. Ziel der GlobalisierungskritikerInnen
müsse es sein, "Macht zu erobern und zu verändern"
ila: Herr Fiori, was heißt Globalisierung für Sie?
José Luís Fiori: Der
US-Ökonom J. K. Galbraith hat 1997 gesagt: "Wir Amerikaner haben
dieses Konzept erfunden, um unsere Politik der wirtschaftlichen
Durchdringung anderer Länder zu verschleiern." Genauer könnte man
sagen, es sind Veränderungen, die in den Siebzigerjahren begannen und sich
in den Neunzigerjahren beschleunigten: vor allem der Zusammenschluss der
nationalen Kapitalmärkte und die Bekräftigung der nordamerikanischen
imperialen Macht. Die Globalisierung ist nicht ein rein ökonomisches
Phänomen und schon gar nicht ein technologischer Zwang. Sie hat auch nicht
die Macht der Nationalstaaten aufgehoben, die immer schon durch ihre
gegenseitigen Rivalitäten begrenzt war. Auch die jüngsten Veränderungen
haben nicht die langfristigen, seit 500 Jahren bestehenden
Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems außer Kraft gesetzt.
Nehmen wir das Beispiel
Brasilien. Was haben die neoliberalen Neunzigerjahre dem Land gebracht?
Wie die Achtzigerjahre waren sie
ein "verlorenes Jahrzehnt". Denn obwohl im Gegesatz zu vorher
internationales Kapital verfügbar war, wuchs die Wirtschaft nicht
schneller. In Brasilien herrschen heute dieselbe Armut und soziale
Ausgrenzung wie am Ende der Militärdiktatur. Im neoliberalen Jahrzehnt
haben unsere Regierungen den brasilianischen Staat demontiert, der heute
nicht mehr fähig ist, strategische Aktionen jenseits der Währungspolitik
zu planen. Die Bevölkerung, vor allem die Jugend, ist völlig von der
Demokratie enttäuscht.
Doch im Zusammenhang mit der
Krise in Argentinien wird der Wirtschaftskurs von Präsident Fernando
Henrique Cardoso oft als weniger radikale Variante gelobt, die
"funktioniert" habe...
Brasilien wurde nicht
unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen, weil die Infektion schon vorher
passiert war. 2001 äußerte sie sich in einer gewaltigen Verlangsamung des
Wirtschaftswachstums. Aber wahrscheinlich gibt es mittelfristig Auswirkungen
auf die Handelsbilanz, die Kapitalreserven und das Zinsniveau, das hoch
bleiben und so die Rezession verlängern wird. Vor ein, zwei Jahren hat der
"Economist" geschrieben, Cardoso habe in fünf Jahren mehr
liberale Reformen durchgesetzt als Frau Thatcher in einem Jahrzehnt.
Haben Sie eine Vorstellung
davon, wie es in Argentinien weitergehen könnte?
Bisher scheint Washington eine
orthodoxe Lösung nach den Regeln des Marktes zu favorisieren: Die
argentinische Regierung wird die unvermeidlichen sozialen Folgen der
wirtschaftlichen Katastrophe kontrollieren müssen. Es könnte zu einer
"Russifizierung" Argentiniens kommen: Soziale und politische
Auflösungserscheinungen, Streit zwischen mafiösen Machtgruppen, die
gleichermaßen unfähig sind, den Staat wiederaufzubauen, der im Namen der
neoliberalen Euphorie und der Globalisierungsillusion zerstört und
versteigert wurde. Vorher wird wahrscheinlich eine Art Schuldentribunal
eingerichtet, wie Anne Krueger vom Internationalen Währungsfonds angeregt
hat: Die Kontrolle über die Steuern und Finanzen geht auf die Gläubiger
über. Im Gegenzug bekommt das Land die Hilfe, die es bis zum Ende des
Abwertungsprozesses braucht.
Was hat sich seit dem 11.
September in der Weltpolitik verändert?
Probleme, die seit 1991
ungelöst sind, haben sich beschleunigt und zugespitzt. Nach dem Ende des
Kalten Krieges war viel von "sanfter Revolution", "Ende der
Geschichte" o. ä. die Rede. Es kam zu keinem Abkommen zwischen den
wichtigen Mächten wie in Versailles oder Jalta, sondern zu einer enormen
Machtverschiebung zugunsten der USA. Clintons Außenpolitik war von einem
Wirtschaftsboom begleitet. Er nahm sich vor, die globale Hegemonie auf einem
harmonischen Zusammenleben zwischen den wichtigsten Staaten und
internationalen Akteuren aufzubauen. Dann kam Bush junior, der sich an der
Idee eines US-Nationalinteresses orientieren wollte, das allerdings nach dem
Ende der bipolaren Weltordnung schwer zu definieren war. Gleichzeitig ging
der Wirtschaftsboom zu Ende.
Vor diesem Hintergrund fanden
die Attentate vom 11. September statt, und deswegen sind auch die
Auswirkungen so enorm. Jetzt finden Abrechnungen und Neupositionierungen
statt. Im Schatten eines breiten Konsenses gegen den Terrorismus suchen
zweitrangige Großmächte ihren neuen Platz auf dem internationalen
Schachbrett, etwa Japan, Russland und Deutschland. Es ist, als würden sie
ihre geopolitische Agenda aus den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg
wiederaufnehmen. Außerdem rückt die große "eurasische Masse"
wieder ins Epizentrum der Weltpolitik.
Wie beurteilen Sie das neue
deutsche Selbstbewusstsein, das sich auch militärisch zu äußern beginnt?
Nach den raschen Transformation
der letzen zehn Jahre, die ja von äußeren Veränderungen angestoßen
wurden, fand sich Deutschland an der Spitze des europäischen
Einigungsprozesses wieder und musste zudem mit der sehr komplexen
historischen Grenze nach Osteuropa, speziell zu Russland, zurechtkommen.
Wahrscheinlich wird sich Deutschland ähnlich behutsam wie Bismarck nach der
Staatsgründung bewegen, aber das wird nur die Vorbereitungszeit sein, bis
es wieder einen entscheidenden Platz innerhalb des Großen Spiels der
Weltpoltik einnimmt.
Ist Bin Laden das große
Feindbild, das sich die USA nach dem Ende des Kommunismus gewünscht hatten?
Ja, es gibt eine neue Art von
Bipolarität. Daraus entstand die so genannte Bush-Doktrin, eine neue
Strategie zur Kontrolle des Feindes, doch mit einem entscheidenden
Unterschied und unabsehbaren Folgen: Der neue Feind ist unsichtbar und
global, und während der langen Perioden seiner Unsichtbarkeit werden seine
Absichten, seine Lokalisierung und seine Strategien von den USA definiert.
Eine seltsame Bipolarität, bei der beide Kommandozentralen quasi den USA
gehören. Außerdem soll ja die Kontrolle des unsichtbaren Feindes umfassend
und jahrzehntelang dauern, wie der US-Vizepräsident Dick Cheney
angekündigt hat. Es entsteht also gerade ein unsichtbares globales
Kontroll- und Repressionsnetz, das Hannah Arendt Schauer über den Rücken
jagen würde.
Bedeutet diese neue Aufwertung
staatlicher Aufgaben nun das Ende des Neoliberalismus?
Nein, das Projekt der
Universalisierung der "selbstregulierten" Märkte geht weiter.
Seit Hiroshima und Nagasaki haben die USA in Krisenzeiten immer deutlich
gemacht, dass die Märkte und die globalen Finanzen nur möglich sind, weil
es die politische Macht des "Prinzen" gibt, der der Welt seine
Macht und seine Währung aufzwingen kann. Das war 1973 so, als die USA die
Dollar-Gold-Bindung auflösten und ein neues internationales Währungssystem
einführten. Die exemplarische Zerstörung des Taliban-Regimes hat zwar den
Staat und die Waffen wieder in den Mittelpunkt des Weltsystems gerückt,
doch das neoliberale Globalisierungsprojekt besteht nach wie vor. Wie die
Physiokraten, die französischen Liberalen des 18. Jahrhunderts, zu sagen
pflegten: Der "perfekte Markt" setzt die Existenz eines
"perfekten Tyrannen" voraus.
Durch die Ereignisse seit dem
11. September sind die globalisierungskritischen Kräfte in die Defensive
geraten. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?
Ich denke, das Agieren der
Großmächte nach außen und im Inneren macht auf Seiten der
Globalisierungskritiker eine sorgfältigere Reflexion notwendig. Viele Linke
meinten, die ökonomische Globalisierung und die neuen
Kommunikationstechnologien hätten die nationalen Grenzen und Kämpfe
verwischt. Die Euphorischsten träumten schon von einer
"kosmopolitischen Demokratie". So wichtig die Demonstrationen in
den Städten der "globalen Treffen" waren: Es wäre übertrieben,
sie wichtiger zu nehmen als die Kämpfe der sozialen Bewegungen auf
nationaler Ebene.
Welche Funktion
kann das zweite Weltsozialforum in Porto Alegre dabei spielen?
Das ist ein Riesentreffen von
Politikern, sozialen Bewegungen, Parteien, Gewerkschaften, Ethnien,
Minderheiten, NGOs, die unterschiedlichste Vorschläge oder Projekte
vertreten und Fragen aufwerfen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist das
Gefühl, dass die Lage in den Jahren der boomenden Finanzglobalisierung und
der US-Vorherrschaft nicht besser geworden ist. In den Neunzigerjahren gab
es nur wenige dissonante Stimmen.
In Porto Alegre versammeln sich
Hunderte von sozialen Organisationen mit ganz klarer, affirmativer
Programmatik. Allerdings sind diese sehr heterogen. Durchsetzen lassen sich
deren Forderungen aber nur in der Politik, dort, wo Macht erobert und
verändert werden kann. Kein größeres politisches Projekt wird ohne
Machtzentrum wirksam, und diese Machtzentren sind nach wie vor territorial
und national organisiert. Mit dieser Schwierigkeit haben systemkritische
internationalistische Bewegungen seit jeher zu kämpfen.
Nehmen wir das Beispiel der
geplanten Amerika-Freihandelszone FTAA, die nach dem Willen Washingtons bis
2005 ausgehandelt sein soll. Selbst viele brasilianische Unternehmer sind
skeptisch, und das "Volk von Porto Alegre" ist vehement dagegen.
Welche Chancen hat dieser Widerstand?
Die FTAA ist ein ehrgeiziges
Projekt: Gleichzeitig sollen Handelsbarrieren fallen, Respezialisierungen
stattfinden und den USA die Entscheidungsgewalt bei jenen Streitfällen
zugeschanzt werden, die ihre Firmen und ihr Kapital betreffen. Derzeit haben
Argentinien und Brasilien zusammen die größte Auslandsverschuldung der
Welt. Das schwächt sie bei den Verhandlungen. Doch da Mexiko bereits über
die Freihandelszone NAFTA nach Nordamerika integriert ist, gibt es keine
weiteren Länder von größerem Gewicht. Wenn die USA bei der Schaffung der
FTAA genauso trickreich vorgehen, wie sie auf der ganzen Welt ihre
Interessen verteidigen, sehe ich nur geringe Chancen für einen
erfolgreichen Widerstand. Wenn überhaupt, dann nur, wenn Brasilien und
Argentinien an einem Strang ziehen.
Wie soll das gehen? Schließlich
ist ja in bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen 2002 ein Wahlsieg
des linken Dauerkandidaten Lula eher unwahrscheinlich...
Er ist schwierig, aber nicht
unmöglich. In diesem Fall müsste Lula eine progressive Regierungskoalition
schmieden, die in der Lage ist, die strategischen Ziele der kapitalistischen
Entwicklung Brasiliens zu verändern. Sie müsste den konservativen Pakt
aufbrechen, der dieses Land seit Jahrzehnten dominiert, und die eine
positive Neubewertung von Nation und föderativer Solidarität
bewerkstelligen. Obwohl all das schwierig ist, nin ich recht zuversichtlich,
denn die Geschichte lehrt uns, dass sich nur in den Stunden der großen
weltweiten Veränderungen neue Chancen für die Peripherie eröffnen.
José Luís Fiori, 56, ist
Professor für internationale politische Ökonomie an der Bundesuniversität
Rio de Janeiro (UFRJ) und einer der führenden brasilianischen
Intellektuellen. Er schreibt gerade an einem Buch über das
"amerikanische Imperium" und tritt erneut als Referent beim
Weltsozialforum in Porto Alegre auf.
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